Comeback der FDP oder Ende einer Ära?
8. Februar 2026
Einst war die FDP, die Freie Demokratische Partei, entscheidend für die Entwicklungen der Bundesrepublik. Sie bestimmte mit ihren Koalitionsaussagen den Kurs der Republik mit; war seit 1949 an zahlreichen Bundesregierungen beteiligt. Seit ihrer Schlappe bei der Bundestagswahl 2025 allerdings wird die liberale Partei öffentlich kaum noch wahrgenommen. Im Interview mit der DW gibt sich Parteichef Christian Dürr dennoch optimistisch: "Auch wenn wir nicht im Bundestag vertreten sind, sind wir laut und verschaffen uns Gehör."
Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke formuliert es drastischer. Der DW sagt er: "Die FDP steht im Niemandsland und kämpft ihren letzten Kampf." Lucke ist Politikwissenschaftler und Herausgeber der Zeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik". "Der letzte Kampf", das seien die fünf in diesem Jahr anstehenden Landtagswahlen, wo die FDP nicht gut dastehe. Vor allem die Wahl in Baden-Württemberg am 8. März sei für die FDP entscheidend, sagt von Lucke.
FDP – wieder einmal in der Krise
Dort, nämlich in der Landeshauptstadt Stuttgart, hat sich die Partei vor einem Monat, selbst Mut zugesprochen. Das traditionelle Dreikönigstreffen der FDP Anfang Januar ist für die Partei feierliches Ritual, politischer Jahresauftakt, Selbstvergewisserung – schon seit 1866. Zuversicht braucht die Partei in Zeiten, in denen sie in der außerparlamentarischen Opposition ist. Bei den Bundestagswahlen im vergangenen Jahr scheiterte die einst stolze FDP zum zweiten Mal in an der Fünf-Prozent-Hürde. Seitdem steckt sie in der Krise; trotz neuem Führungspersonal.
In der Oper von Stuttgart trifft sich die Parteielite mit Unterstützern und Gutmeinenden, mitten im selbst erklärten Stammland der FDP im Südwesten Deutschlands. Liberale Traditionen gehen hier bis ins 19. Jahrhundert zurück. Hier ist sie nie an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert - noch nicht.
Doch in Baden-Württemberg könnte sich das weitere Schicksal der FDP entscheiden, denn am 8.März wird dort ein neuer Landtag gewählt. Dass die FDP die Fünf-Prozent-Hürde schafft, ist derzeit nicht sicher.
Bescheiden hat sich der neue Parteichef Christian Dürr nicht in erste Reihe gesetzt, sondern unter das Publikum gemischt, wie die Fernsehbilder zeigen. Dürr ist seit Mai 2025 Vorsitzender der FDP. Er versucht seiner Partei in seiner Rede für dieses Schicksalsjahr Mut zu machen: "Die Freien Demokraten wollen den Aufbruch für Deutschland endlich durchsetzen."
Doch bundesweit dümpelt die FDP in den Umfragen derzeit um die drei Prozent. Ihre beiden letzten Regierungsbeteiligungen in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt könnten im Wahljahr 2026 verloren gehen.
Partei mit Tradition
Bürgerliche Freiheitsrechte, eine Wirtschaft ohne zu viel staatliche Kontrolle, Rechtsstaatlichkeit. Mit diesen Slogans trat die Partei als Zusammenschluss verschiedener liberaler Strömungen schon 1948 an. Jahrzehntelang galt die kleine FDP als große Schlüsselpartei der sogenannten Bonner Republik; also des politischen Establishments von Westdeutschland. Mal war sie an der Macht zusammen mit den Sozialdemokraten, mal mit der konservativen Union von CDU und CSU. Ohne die FDP war lange keine Mehrheit zu machen. Mit dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt und dem FDP-Politiker Walter Scheel begann in den 1970er Jahren die Ära der Ost-West-Annäherung. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) kam ins Amt, weil die FDP sich von der SPD lossagte.
Fast 25 Jahre lang wurde die Außenpolitik von der FDP geprägt. Hans-Dietrich Genscher war von 1974 bis 1992 - mit einer kurzen Unterbrechung - Außenminister; länger als jeder andere. Seine größten Stunden erlebte er in den Wendejahren 1989/90. Am 30. September 1989 verkündete Genscher den rund 4000 DDR-Bürgern, die sich in die Prager Botschaft gerettet hatten, die Erlaubnis zur Ausreise.
Heute hat sich die FDP weitestgehend von einer bedeutenden Rolle in der Außenpolitik verabschiedet. Christian Lindner, der die Partei nach der ersten Wahlniederlage 2013 erst aus der Versenkung und 2021 wieder in eine Regierung brachte, wurde Finanz- und nicht Außenminister. Nach der Wahlschlappe des vergangenen Jahres legte er sein Amt als Parteichef nieder. Heute ist er Manager in der Autobranche.
Parteichef Dürr sieht auch einen anderen Grund für den Bedeutungsschwund der deutschen Außenpolitik insgesamt: "Damals konnten FDP-Außenpolitiker und Außenminister international auftreten, weil dahinter eine der größten und stärksten und innovativsten Wirtschaftsnationen der Welt stand. Das ist Deutschland nicht mehr."
"Die starke Stellung der kleinen Parteien ist vorbei"
Außerdem: Die politische Lage hat sich grundlegend verändert, analysiert Publizist Albrecht von Lucke im Gespräch mit der DW: "Zweierkonstellationen in Regierungen sind Geschichte. Heute regieren häufiger Dreier- oder sogar Viererbündnisse." Die starke Stellung von kleineren Parteien sei damit vorüber, erläutert von Lucke. "Niemand leidet darunter so sehr wie die FDP, weil sie ihr Alleinstellungsmerkmal, das Zünglein an der Waage zu sein, wie sie es lange war, verloren hat."
Hinzu komme, dass andere Parteien die einstigen Markenkerne der FDP längst adaptiert hätten. Der wirtschaftsliberale Flügel der Partei sei in der konservativen Unionaufgegangen oder habe sich der AfD angenähert. Der linksliberale Flügel sei schon vor Jahrzehnten zu den Grünenübergelaufen, so von Lucke.
Die neue FDP ist jetzt geführt von Christian Dürr. Er hatte zuvor die Fraktion im Bundestag geleitet, als die FDP noch an der Koalitionsregierung mit SPDund Grünen beteiligt war. Zusammen mit der deutsch-jamaikanisch-schweizerischen Unternehmerin Nicole Büttner als Generalsekretärin, will Dürr die FDP wieder fit machen. Derzeit wird an einem neuen Parteiprogramm gearbeitet; auch mit künstlicher Intelligenz. Büttner ist Quereinsteigerin in der Politik, bundesweit kaum bekannt. Und auch Christian Dürr kennen die wenigsten Deutschen. Doch der gibt sich optimistisch in Bezug auf das Überleben seiner Partei: "Die FDP braucht es. Die Menschen haben den Eindruck, dass die bisherigen Parteien, die in Deutschland Regierungsverantwortung hatten, also Union, SPD und Grüne, Status Quo-Parteien geworden sind. Die ändern nichts."
Die FDP will es anders machen: mehr Geld für Bildung, mehr Technologieoffenheit, weniger Regulierung und kontrollierte Zuwanderung. Der Lackmustest ist die Wahl am 8. März. Selbst wenn diese für die FDP verloren gehen sollte und sie nicht die Fünf-Prozent-Hürde schafft, will Christian Dürr weitermachen. Im DW-Interview sagt er: "Als ich mich zum Parteivorsitzenden beworben habe, war mir bewusst, dass dies ein Marathonlauf wird."