Klimagipfel in Brasilien: vorsichtiger Optimismus
7. November 2025
Brasilien versteht es, Großereignisse in Szene zu setzten. Von der Fußball-Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen bis hin zu einem kostenlosen Lady-Gaga-Konzert, das kürzlich Millionen Menschen an den Copacabana-Strand lockte – nur wenige Länder bieten vergleichbare globale Spektakel.
Jetzt steht das wichtigste jährliche Ereignis der Klimadiplomatie an: der UN-Klimagipfel, kurz COP 30.
Rund 30 Jahre nach dem historischen Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro treffen sich nun mehrere Zehntausend Delegierte in der Stadt Belém im Amazonasgebiet. Zwei Wochen geht es um die Bewältigung der Klimakrise, die unseren Planeten bereits jetzt verändert.
Das vergangene Jahr war das heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Steigende Temperaturen führten zu Waldbränden in ganz Europa und Hitzewellen in Brasilien sowie in weiten Teilen der Welt dieses Jahr.
Während Kriege und geopolitische Spannungen derzeit die Nachrichten bestimmen, betont COP30-Präsident André Correa do Lago die Dringlichkeit des Themas. Die Konferenz tage im "Epizentrum der Klimakrise" .
Doch während Brasilien ins globale Rampenlicht tritt, wird es es auch mit eigenen Widersprüchen im Kampf gegen den Klimawandel konfrontiert. Dazu gehört der Versuch, den Schutz des Amazonas-Regenwaldes mit dem Ausbau der Wirtschaft in Einklang zu bringen.
Warum findet die COP30 im Amazonasgebiet statt?
Die Wahl der Stadt Belém war nicht unumstritten. Hotelzimmer sind knapp, was die Unterbringung für Delegierte und Besucher erschwert, und einige lokale Unternehmen wurden beschuldigt, durch Preiserhöhungen übermäßigen Profit zu machen.
Doch der Ort hat symbolische Bedeutung. Belém gilt als Tor zum Amazonasgebiet, einem der artenreichsten Regionen der Erde, die für das Klima von strategischer Bedeutung ist.
Der riesige Regenwald trägt zur Regulierung des globalen Klimas bei, weil er Milliarden Tonnen an Kohlenstoff speichert. Wissenschaftler warnen jedoch, dass ein gefährlicher Wendepunkt näher rückt, an dem steigende Temperaturen und weitere Abholzung ein großflächiges Waldsterben im Amazonas auslösen könnten.
Für viele ist Belém daher ein passender Ort für die Konferenz. Er sei die "Frontlinie des Klimawandels", wo seine Auswirkungen sichtbar würden, wie etwa Dürren und eine verlängerte Waldbrandsaison, findet Claudio Angelo. Er ist Kommunikationschef des Climate Observatory, einem Netzwerk brasilianischer Nichtregierungsorganisationen.
Brasilien kann vor Ort seine Bemühungen präsentieren, die Abholzung – die größte Emissionsquelle des Landes – einzudämmen.
Seit der Rückkehr von Luiz Inácio Lula da Silva 2022 ins Präsidentenamt hat Brasilien die Abholzungspolitik seines Vorgängers Jair Bolsonaro, der den Waldschutz gekippt hatte, wieder rückgängig gemacht.
So ist die Entwaldungsrate letztes Jahr um 30 Prozent gesunken. Und Lulas Regierung hat sich verpflichtet, die Abholzung bis 2030 zu beenden.
Doch trotz der Fortschritte gibt es neue Herausforderungen. Letztes Jahr wüteten in Brasilien über 200.000 Waldbrände, die eine Fläche größer als Belgien verwüsteten und so viel CO2 freisetzten wie in ganz Deutschland in einem Jahr.
Abholzung erhöht die Feuergefahr, und trockenere und heißere Bedingungen führen dazu, dass Brände schneller entstehen und heftiger lodern. Die Entscheidung, einen Teil des Regenwaldes für den Bau einer großen Autobahn nach Belém zu roden, die den Verkehr während der COP30 entlasten soll, stieß auf heftigen Widerstand.
Was unternimmt Brasilien für das Klima?
Brasilien gehört zu den größten Klimaverschmutzern der Welt, mit 2,5 Prozent Anteil am globalen CO2-Ausstoß. Das Land hat sich verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen bis 2035 im Vergleich zu 2005 um 59-67 Prozent zu senken.
Gleichzeitig ist Brasilien führend bei der Nutzung von erneuerbaren Energien. 90 Prozent seines Strom werden aus erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, Sonne und Wind gewonnen.
Dennoch plant die Regierung, die Förderung von fossilen Brennstoffen zu steigern und sei "wild entschlossen", der viertgrößte Ölproduzent der Welt zu werden, so Angelo. Lulas Genehmigung neuer Bohrungen an der Mündung des Amazonas wurde von Umweltschützern scharf kritisiert.
2023 schloss sich Brasilien auf der COP28 in Dubai anderen Ländern an, die sich einig sind, aus fossilen Energien – den Haupttreibern der globalen Erwärmung – auszusteigen. Doch Regierungsvertreter in Brasilia argumentieren, dass reiche Länder die Dekarbonisierung anführen sollten. Als Entwicklungsland habe Brasilien das Recht, seine Ölreserven zu erschließen, da Industrieländer bereits in der Vergangenheit von fossilen Brennstoffen profitiert hätten.
COP30-Präsident Correa do Lago sagte im Juli gegenüber der DW, dass die Einnahmen aus dem Ölexport dazu beitragen könnten, den Ausstieg des Landes von fossilen Brennstoffen zu finanzieren.
Kritiker in Brasilien und im Ausland weisen jedoch auf den Widerspruch hin, dass ein COP-Gastgeber sich für Klimaschutzmaßnahmen einsetzt und gleichzeitig die Ölförderung ausweitet – ein Vorwurf, der auch früheren Gastgebern wie Aserbaidschan und den Vereinigten Arabischen Emiraten gemacht wurde.
Der Umweltschutz steht zudem vor einem weiteren Hindernis – einem Gesetzesentwurf, den Aktivisten als "Verwüstungsgesetz" bezeichnen. Der umstrittene Gesetzentwurf wird von der mächtigen Fraktion der Agrarindustrie im brasilianischen Kongress unterstützt.
Damit sollen Umweltschutzbestimmungen gelockert werden, die für die Genehmigung von Infrastrukturprojekten erforderlich sind. So könnte der Bau von "strategischen" Vorhaben wie Autobahnen oder Wasserkraftwerke beschleunigt werden.
Obwohl Präsident Lula viele der schädlichsten Abschnitte des Gesetzentwurfs mit seinem Veto blockierte, bleibt die Schnellverfahrensbestimmung bestehen. Umweltaktivisten warnen, sie könnte zu verstärkter Abholzung und Vertreibung traditioneller Gemeinschaften führen.
Was ist von der brasilianischen COP-Präsidentschaft zu erwarten?
Die Klimakonferenz in Brasilien markiert auch den zehnten Geburtstag des Pariser Klimaabkommens,auf das sich fast 200 Länder geeinigt haben. Sie verpflichteten sich, die durchschnittliche Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, die Temperatur unter 1,5 Grad zu halten.
Die globale Erderwärmung liegt derzeit bei 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau – dem Ausgangswert, bevor die Menschheit während der industriellen Revolution begann, Kohle, Öl und Gas in großer Menge zu verbrennen.
Durch diese Verbrennung stieg in den letzten 150 Jahren die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre von 280 ppm (parts per million) CO2 auf 423 ppm im Jahr 2024.
Nun stehen die Staaten unter Druck, viel weniger CO2 in die Atmosphäre zu blasen, ihre Klimaziele weiter zu erhöhen und dabei das Versprechen der COP28 einzuhalten, von Kohle, Öl und Gas wegzukommen.
Trotz der brasilianischen Pläne zur Ausweitung der Ölförderung ist Umweltschützer Angelo optimistisch, dass der Gastgeber den Ausstieg aus fossilen Energien befördern kann. Er weist darauf hin, dass die Abkehr von fossilen Brennstoffen erstmals 2023 bei der Klimakonferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgehalten wurde, der damalige COP-Präsident war Chef eines Ölkonzerns.
Brasilien wird seine Präsidentschaft in diesem Jahr auch dazu nutzen, um offiziell die Tropical Forests Forever Facility (TFFF) ins Leben zu rufen. Der globale Fonds soll Länder entsprechend dem Umfang ihres Waldschutzes finanziell unterstützen.
Tropenwälder speichern die Hälfte des weltweit in Bäumen gespeicherten Kohlenstoffs. Lula hat angekündigt, dass Brasilien eine Milliarde US-Dollar (861 Millionen Euro) zu der Initiative beisteuern wird.
Der Gesamterfolg in Belém wird jedoch davon abhängen, ob es vielen Nationen gelingt, Klimapolitik und ihr Handeln in Einklang zu bringen.
"Wir müssen unsere Widersprüche überwinden", sagt Marina Silva, Umweltministerin Brasiliens, gegenüber der DW. "Sie existieren in Brasilien, in der Europäischen Union, überall."
Redaktionelle Mitarbeit: Vanessa Fischer und Louise Osborne. Adaptiert aus dem Englischen von Gero Rueter. Redaktion: Jennifer Collins