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Politik

Corona in Südafrika: Ruhe vor dem Sturm?

Adrian Kriesch
20. April 2020

Südafrika hat weltweit mit am entschlossensten auf die Corona-Krise reagiert - und bekommt dafür viel Lob. Doch die Gefahr einer Gesundheits-Katastrophe ist noch nicht vom Tisch. Adrian Kriesch berichtet aus Kapstadt.

Coronavirus - Südafrika
Bild: picture-alliance/dpa/AP/N. Engelbrecht

Südafrikas Ausgangssperre gehört zu den strengsten weltweit - sie geht sogar einher mit einem landesweiten Alkohol- und Tabakverbot. Der Blick auf die Entwicklung der Corona-Infektionen in Südafrika machte nach Verhängen der Ausgangssperre am 26. März zunächst Hoffnung: Der Anstieg der Neuansteckungen sank innerhalb von zwei Wochen von durchschnittlich 110 auf rund 70 Fälle täglich. Auf die Ausgangssperre ließe sich dieser Erfolg aufgrund der Inkubationszeit allerdings nicht zurückführen, so der Covid-19-Chefberater der südafrikanischen Regierung, Salim Abdool Karim.

So stieg in der dritten Woche der Ausgangssperre die Zahl der Neuinfektionen erneut an. Am 20. April zählte die Johns Hopkins University 3.158 bestätigte Corona-Fälle in Südafrika. Unklar ist, ob sich tatsächlich mehr Menschen anstecken, oder ob sich der Anstieg durch eine Ausweitung von Corona-Tests erklären lässt.

Verfrühtes Lob?

Präsident Cyril Ramaphosa hat für sein schnelles, entschlossenes Vorgehen viel Lob bekommen. Neben den strengen Ausgangssperren kündigte er an, die Testkapazitäten schnell zu erhöhen und massiv in das Gesundheitssystem zu investieren. Alle wichtigen Oppositionsparteien segneten das Vorgehen ab.

Die Testkapazitäten sollen massiv erhöht werdenBild: picture-alliance/AP Photo/T. Hadebe

Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Nur ein Bruchteil der geplanten 15.000 Tests am Tag konnten bisher durchgeführt werden. Von den angekündigten 60 mobilen Teststationen sind bisher nur wenige im Einsatz. Außerdem fehlt es an Schutzmaterial. Der Weltmarkt ist fast leergefegt - und wegen der selbstauferlegten strengen Regeln während des Ausnahmezustandes kommen kaum noch Lieferungen ins Land.

Gute Strategien, schwächelnde Umsetzung

Normale Schwierigkeiten in einer Krise, sagen die einen. Andere sehen ein grundsätzliches Problem: Südafrika mangele es selten an guten Strategiepapieren, umso mehr hapere es an starken Institutionen für die Umsetzung von Strategien. Während Präsident und Gesundheitsminister den Bürgern besonnen die Maßnahmen erklären, setzen andere Minister auf Repression. Polizeiminister Bheki Cele macht in Interviews keinen Hehl daraus, dass ihn die Fragen nerven, warum Alkohol, Zigaretten und der Spaziergang mit dem Hund verboten seien. Seine Beamten ermutigt er, die Menschen zur Not "zurück in ihre Häuser zu schubsen".

In den Armenvierteln des Landes könnte das zu einem Hauptproblem werden: einige sehen die Maßnahmen als reine Schikane. Im Netz kursieren massenhaft Videos von Polizeigewalt beim Durchsetzen der Ausgangssperre, mindestens drei Menschen kamen dabei ums Leben.

In den Townships wird die Kontolle der Ausgangssperre als Schikane erlebtBild: AFP/R. Bosch

Für die arme Bevölkerung in den Townships von Kapstadt ist die Ausgangssperre zudem eine wirtschaftliche Katastrophe. "Wo ist denn diese Regierung, die diese Ausgangssperre ausgerufen hat?", ruft eine wütende Frau in Hanover Park, während sie an der Essensausgabe für Bedürftige einer Moschee wartet. Viele hier haben Angst vor dem Virus, aber auch vor Hunger. So sind einige Straßen in den Townships noch immer belebt. "Ich glaube, die Leute nehmen es erst ernst, wenn jemand in der Familie betroffen ist", sagt ein junger Mann in Gugulethu.

Kollabierender Gesundheitssektor

Um die Ausbreitung in den Townships zu verhindern, gehen 10.000 Gesundheitsarbeiter im ganzen Land von Haus zu Haus und befragen die Leute nach Symptomen. So will das Land einen Überblick bekommen, ob es möglicherweise bisher unbekannte Ausbruchsherde gibt. Krankenhäuser bauen Teststationen und errichten Behandlungszelte für Patienten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Seit Jahren ist der Gesundheitssektor chronisch unterfinanziert: Im letzten Haushaltsbudget wurde der Etat des Gesundheitsministeriums sogar um vier Milliarden Rand gekürzt, das sind rund 200 Millionen Euro.

Und auch der Virologe Salim Abdool Karim hat keine guten Nachrichten: Dass eine exponentielle Ausbreitung verhindert werden könne, sei "leider sehr, sehr unwahrscheinlich". Wenn die Ausgangssperre - wie momentan geplant - nach fünf Wochen beendet oder gelockert werde, rechne er damit, dass die Infektionszahlen ihren Höchststand erst im September erreichen würden.

"Alles, was man tun kann, wird getan."

"Momentan glaube ich, dass die Ausgangssperre das richtige Mittel ist, um uns bereit zu machen für eine neue Normalität", sagt Alan Winde, der Premierminister der Provinz Westkap, der DW nach dem Besuch einer neuen Corona-Teststation in Kapstadt. "Aber wir müssen gute Ideen entwickeln, wie wir wirtschaftliche Aktivitäten wieder hochfahren können und dabei trotzdem das Risiko minimal halten." Seine Partei "Democratic Alliance" fordert bereits erste Lockerungen und einen flexiblen, sogenannten "Smart Lockdown". Je nach Entwicklung der Fallzahlen sollen schrittweise einzelne Geschäftszweige öffnen dürfen.

Präsident Ramaphosa hat bisher nur vage mögliche Lockerungen angekündigt. Die Erkenntnisse der nächsten Tage seien entscheidend, sagt Salim Abdool Karim. Wolfgang Preiser, ein deutscher Professor für medizinische Virologie an der Universität Stellenbosch, stimmt zu. Aber er bleibt optimistisch: Das Land sei erfahren im Management von Pandemien. "Im Moment ist Südafrika ganz gut aufgestellt. Alles, was man tun kann, wird getan."