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GesellschaftDeutschland

Corona: Krise als Chance

Lisa Hänel | Helena Kaschel
27. Dezember 2020

Das Coronavirus hat Verlust, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit gebracht. Und doch ist die Krise für einige Menschen Anstoß, ihr Leben positiv zu verändern. Studien zeigen sogar: Es sind gar nicht so wenige.

Herbstspaziergang in Stuttgart
Bild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Für Sarah Ahlert (Name geändert) war die Kurzarbeit genau das, was sie gebraucht hatte. Wie Millionen andere Menschen in Deutschland wurde die Kunstwissenschaftlerin im März in eine Zwangspause geschickt. 50 Prozent weniger arbeitete sie fortan für ein Auktionshaus – und bemerkte in der gewonnenen freien Zeit plötzlich, wie sehr sie unter ihrer Arbeit gelitten hatte. "Als das erste Mal das Gespräch geführt wurde, wie lange wir noch in Kurzarbeit sind, habe ich richtig gezittert, dass gesagt wird, ihr könnt ab Montag wiederkommen", sagt Ahlert der DW.

Zwei Monate verbrachte sie in Kurzarbeit, dann kündigte sie. Nach kurzer Zeit fand sie eine neue Anstellung. Ging es vorher in ihrem alten Job um die kommerzielle Seite der Kunst, könne sie sich jetzt wieder inhaltlich mit Kunst auseinandersetzen, sagt Ahlert. "Es gab für mich einen Schlüsselmoment: Am Tag nach der Kündigung war ich so gut drauf. Und eine Freundin sagte zu mir: 'Ah, du bist zurück. Du warst ja wie weg im letzten Jahr.' Da wusste ich, dass ich mich richtig entschieden hatte." Ohne die Zwangspause wegen Corona, sagt Ahlert, hätte sie womöglich nicht gemerkt, wie gefangen sie im Hamsterrad gewesen sei, und sie hätte wohl erst sehr viel später gekündigt.

Viele Menschen kommen gut durch die Krise

Angesichts der Schreckensmeldungen, die mit der Corona-Krise einhergehen, von überfüllten Intensivstationen und Menschen, die nicht Abschied von sterbenden Angehörigen nehmen können, mag es fast zynisch erscheinen, dass Menschen auch Positives aus der Krise ziehen. Man müsse aber zwei Gruppen unterscheiden, sagt der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung der DW. "Es gibt zum einen eine kleinere Gruppe, die durch Corona einen sehr schweren Einschnitt in ihrem Leben erleiden musste, oder Menschen, die zu Risikogruppen zählen. Und dann gibt es die Allgemeinheit, die unter den Kontaktbeschränkungen und Restriktionen leidet."

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Schaut man auf diese größere zweite Gruppe, legen erste Untersuchungen nahe, die seit Ausbruch der Corona-Krise durchgeführt wurden, dass viele Menschen in Deutschland gut durch die Krise kommen. Eine der umfangreichsten Studien dazu ist die Cosmo-Befragung, ein gemeinschaftliches Projekt unter anderem der Universität Erfurt und des Robert Koch-Instituts, bei dem in regelmäßigen Abständen die Menschen nach ihren Sorgen und Befindlichkeiten im Zusammenhang mit der Corona-Zeit befragt werden. Demnach ist die Lebenszufriedenheit seit März stabil auf einem relativ hohen Niveau. Dabei ist noch nicht absehbar, wie sich die neuerlichen strengen Kontaktbeschränkungen seit Mitte Dezember auswirken werden.

Soziale Unterstützung entscheidend

Ob ein Mensch gut durch eine Krise kommt, hängt auch von sogenannten Resilienzfaktoren ab. Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Seit Jahren wird darüber geforscht. Ersten Erkenntnissen zufolge unterscheiden sich die Mechanismen, wie Menschen die Corona-Krise meistern, nicht von jenen, die Resilienzforscher auch in anderen Krisen beobachten.

Dazu zählt die sogenannte wahrgenommene soziale Unterstützung. "Wenn ich mich sozial unterstützt fühle, wenn ich also den Eindruck habe, ich habe ein Netzwerk, vielleicht Familie, Freunde, Kollegen, die mir zur Not helfen könnten, dann scheint es tatsächlich einen stark beruhigenden Einfluss zu haben", sagt Kalisch. Doch während des Lockdowns im Frühjahr waren es gerade die sozialen Kontakte, die schwieriger wurden. "Wer aber eben trotz dieser sozialen Hindernisse sich sozial unterstützt fühlt, der scheint etwas besser durch die Krise zu kommen ", sagt Kalisch.

Freundschaften werden inniger

Das ist eine Erfahrung, die auch Karin Krubeck aus Bonn gemacht hat. Die 51-Jährige sagt von sich, dass sie gerne Zeit allein verbringt. Doch als im Frühjahr der Lockdown drohte, sorgte sie sich, dass sie sich, alleinlebend und ohne Partnerschaft, zu stark isolieren würde. Über diese Sorge sprach sie mit ihren vier engsten Freunden – mit Erfolg, die Freundschaften wurden noch inniger als zuvor. Krubeck ging sogar so weit, ihren engsten Freunden das zu sagen, was sonst nur dem Partner vorbehalten ist: "Ich liebe dich". Das sei sehr emotional gewesen: "Die Freundschaften sind dadurch viel expliziter geworden. Ich glaube immer, wenn man zu einem Menschen gesagt hat, ich liebe dich, dann ist eigentlich alles gesagt, und das ist fast eine kleine Befreiung. Wir wissen alle, wie wir zueinander stehen, und konnten dadurch auch sehr viel leichter miteinander umgehen."

Ein stabiles soziales Netzwerk ist in Krisenzeiten wichtig und stärkt MenschenBild: Vichie81/Zoonar/picture alliance

Mit der Folge, dass sich die Freunde in den häufigen Telefonaten und Videoanrufen seit Ausbruch der Corona-Krise sehr viel ehrlicher sagen, wie es ihnen wirklich geht. Manchmal rufen sie sich auch nur kurz morgens an, um guten Morgen zu sagen und dem anderen so einen guten Start in den Tag zu ermöglichen. Obwohl Krubeck, die Restaurants bei ihrem Online-Marketing berät, selbst finanziell unter der Corona-Krise leidet, nimmt sie so etwas Positives aus der Corona-Zeit mit: "Ich habe gemerkt, dass ich ein stabiles soziales Netzwerk habe – etwas, was mir vorher vielleicht gar nicht so bewusst gewesen ist und worauf ich mich jetzt auch mehr verlasse."

In Krisen Chancen sehen

Die Fähigkeit, in Krisen eine Chance zu sehen, nennt sich in der Resilienzforschung "positive appraisal", also die positive Bewertung einer Situation. "Dabei ist nicht gemeint, naiv zu sein und in jede Falle zu tappen, die einem das Leben stellt", sagt Kalisch vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung. "Es geht darum, in der Lage zu sein, Probleme und Risiken, die bestehen, auch zu sehen und angemessen auf diese zu reagieren und nicht hilflos zu werden."

Das Gefühl, nicht handlungsunfähig zu sein, ist wichtig, um eine Krise gut zu bewältigen. Die Cosmo-Befragung belegt, dass auch das vielen Menschen in der Krise gelingt. Demnach wird die Aussage, selbst nichts tun zu können, um die Situation positiv zu beeinflussen, in allen Befragungen eher verneint.

Schritt in die Selbstständigkeit gewagt

Als der Tischlermeister Juri Metzmacher entschied, mitten in der Corona-Krise ein Unternehmen zu gründen, entschied er sich genau dafür: handlungsfähig zu bleiben, statt hilflos zu werden. Der 31-Jährige stand Ende März kurz vor dem Abschluss seiner Meisterprüfung. Doch der Termin fiel in den ersten Lockdown - und wurde um drei Monate verschoben. Weil Metzmacher gleichzeitig die Erfahrung machte, dass Tischlereien aus Sorge vor Corona aufhörten einzustellen, entschied er sich, das zu machen, was er eigentlich erst für einige Jahre später vorgesehen hatte: seinen eigenen Betrieb zu gründen.

Über viele Umwege fand er eine Finanzierung und hat nun, nach zwischenzeitlicher Arbeitslosigkeit, seit einigen Wochen seine eigene Tischlerei. "Es war einfach die notwendige Konsequenz", sagt Metzmacher der DW. "Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, wie ich es gemacht habe, und ich bin tatsächlich auch ganz happy, dass ich jetzt mein eigener Chef sein kann." Seine Auftragsbücher jedenfalls seien voll. Viele schauten jetzt im Homeoffice häufiger auf den Wohnzimmerschrank und stellten fest, dass dieser mal einen guten Tischler gebrauchen könnte. Ende nächsten Jahres möchte Metzmacher selbst Tischler ausbilden.

Gründe für Dankbarkeit 

Noch ist nicht absehbar, wie sich der weitere Verlauf der Corona-Krise auf die Stimmung der Menschen im Land auswirken wird. Fakt ist jedoch, dass noch nie zuvor seit Ende des Zweiten Weltkriegs so viele Menschen gleichzeitig eine Krise durchstehen mussten.

Die Kunstwissenschaftlerin Sarah Ahlert beobachtet zumindest, dass sich viele in ihrem Umfeld darauf besinnen, wie gut es ihnen geht. Auch das sei auch eine Art, eine Krise zu bewältigen, sagt Kalisch: die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und sich zu fragen, ob es nicht auch einen Grund zur Dankbarkeit geben könnte.

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