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Politik

Neue Wege der Obdachlosenhilfe

18. Mai 2020

Die Pandemie trifft besonders die Wohnungslosen in der US-Hauptstadt. Kirchen haben sich deswegen neue Wege der Unterstützung überlegt. Aber alleine können sie den Kampf gegen die Folgen der Krise nicht meistern.

Zwei Gemeindemitglieder beim Packen der Frühstückstüten in der Capitol Hill United Methodist Church
Zwei Gemeindemitglieder beim Packen der Frühstückstüten in der Capitol Hill United Methodist ChurchBild: DW/C. Bleiker

Obdachlose in der Pandemie

03:00

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Die Sonne scheint an diesem Morgen. "So ist es doch wesentlich netter als bei Regen", sagt Rob Farley, während er mit einem kleinen Wägelchen durch das Washingtoner Viertel Capitol Hill läuft. Farley ist Gemeindemitglied und Ehrenamtlicher der Capitol Hill United Methodist Church (CHUMC). An diesem Vormittag ist er unterwegs, um Papiertüten mit Frühstück an wohnungslose Menschen in der Nachbarschaft der Kirche zu verteilen. Das Kapitol, der Sitz der beiden US-Kongresskammern, liegt quasi um die Ecke. Aber auch in der Gegend mit ihren kleinen Buchläden und schicken Cafés leben viele Menschen auf der Straße.

Vor dem Corona-Ausbruch fand in der Methodistenkirche jeden Sonntag ein Frühstück für Obdachlose statt. Bereits Anfang März erreichte die Kirche die Empfehlung der Stadt, diese Veranstaltung bis auf Weiteres auszusetzen. Das traf die Gemeinde hart - bei den wohnungslosen Menschen im Viertel war das Frühstück sehr beliebt. 2019 servierte die Gemeinde sonntagmorgens insgesamt mehr als 100.000 Mahlzeiten. 

Der Helfer Rob Farley mit dem wohnungslosen Ernest Contee vor der KircheBild: DW/C. Bleiker

Doch nur wegen der Sperrung der Räumlichkeiten wollte die Kirchengemeinde ihre Hilfe nicht komplett einstellen. Seit kurzem ist Farley jetzt an vier bis fünf Tagen in der Woche unterwegs, um Frühstück in Tüten zu verteilen. Essen und Kaffee werden teilweise gespendet. Den anderen Teil kauft die Kirche von kleinen Geschäften in der Nachbarschaft, die die Gemeinde vor Ausbruch der Corona-Krise unterstützt haben.

Farley weiß, dass die Menschen das sonntägliche Frühstück vor Ort in der Kirche vermissen. Aber er findet es richtig, dass die US-Hauptstadt nicht wie einige - von US-Präsident Donald Trump ermutigte - Bundesstaaten mit der Wiederöffnung beginnt. "Es sieht so aus, als ob immer noch Menschen sterben", sagt Farley. "Ich höre lieber darauf, was die Wissenschaftler und medizinischen Experten sagen."

Gruppe mit hohem Risikofaktor

Im Großraum Washington, D.C. gab es 2019 laut einer Untersuchung des "Metropolitan Washington Council of Governments" 9794 obdachlose Menschen. Die Zahl schwankt stark und lässt sich nicht genau bestimmen. Sicher ist aber: Die große Mehrheit der Obdachlosen sind Afroamerikaner.

In den rund zwei Stunden, die Farley an diesem Morgen unterwegs ist, überreicht er seine Frühstückstüten an nur eine Frau, die anderen sind Männer. Viele von ihnen sind alte Bekannte und unterhalten sich ein paar Minuten mit ihm, bevor er weitergeht. 

Das Frühstück kommt bei allen gut an. In der Tüte ist ein Käse-Schinken-Sandwich, eine Banane, ein Muffin, eine Flasche Wasser - und ein Glückskeks. Wer möchte, bekommt auch noch einen Pappbecher Milchkaffee und eine Einwegmaske. Farley selbst trägt ebenfalls einen Mundschutz und Einmalhandschuhe aus dünnem Kunststoff. "Das sind Menschen mit einem hohen Risikofaktor", sagt er. "Wir wollen sichergehen, dass wir niemanden, dem wir helfen, anstecken."

"Leid, das vermeidbar gewesen wäre"

Die Foundry United Methodist Church in Washington musste sich ebenfalls neue Methoden einfallen lassen, um ihren wohnungslosen Nachbarn zu helfen. Vor der Corona-Krise trafen sich Gemeindemitglieder zweimal im Monat in der Kirche, um Mahlzeiten zuzubereiten. Jetzt wurde die Aktion ins Homeoffice verlegt. "Ein Freiwilliger hat alle Zutaten eingekauft und den Helfern nachhause gebracht", erklärt Pastor Ben Roberts, der die sozialen Hilfsprogrammme bei Foundry koordiniert. "Sechs Ehrenamtliche haben insgesamt mehr als 900 Sandwiches gemacht. Die hat der Fahrer dann wieder abgeholt und Hilfsorganisationen gebracht, die sie verteilt haben."

Neben der tatkräftigen Unterstützung von Freiwilligen hilft Foundry auch noch auf anderen Wegen. Die Spenden, um die die Pastoren in der Fasten- und Osterzeit verstärkt gebeten hatten, gingen an Organisationen, die unter anderem auch Eltern helfen, deren Kinder seit Beginn der Schulschließungen kein Mittagessen in der Cafeteria mehr bekommen.

Rob Farley auf seiner Runde mit den FrühstückstütenBild: DW/C. Bleiker

Mindestens genau so wichtig: Foundry setzt sich bei Politikern für schnellere Hilfen ein, und dafür, dass auch jene berücksichtigt werden, die häufig übersehen werden - wie beispielsweise Einwanderer ohne Papiere. Sie hatten keinen Zugang zur ersten Runde der Hilfszahlungen der US-Regierung. 

"Die Regierung unserer Stadt weiß gut Bescheid darüber, wo Hilfe besonders nötig ist", sagt Ginger Gaines-Cirelli, Foundrys leitende Pastorin. Mit Trumps landesweitem Krisenmanagement ist sie weniger zufrieden. "Die Botschaften, die aus dem Weißen Haus kommen, sind widersprüchlich und führen zu mehr Leid, das vermeidbar gewesen wäre", so Gaines-Cirelli. "Und den brillanten Experten, die wir haben, hört die Regierung nicht zu."

"Sie kamen, um zu fragen, wie es mir geht"

US-Präsident Donald Trump (l.) beim Besuch einer MaskenfabrikBild: Getty Images/AFP/M. Ngan

Als Rob Farley von der Capitol Hill United Methodist Church an diesem Morgen am Ende seiner Runde wieder zurück zur Kirche kommt, gibt er die letzten beiden Tüten Ernest Contee Jr. und dessen Freund Andrew, die auf den Stufen vor dem Eingang sitzen. Contee Jr. kommt seit anderthalb Jahren regelmäßig und sagt, er freue sich schon darauf, wieder bei dem großen Sonntagsfrühstück nach dem Gottesdienst dabei zu sein. "Ich bin sehr dankbar, dass Gott mich in dieses Viertel gebracht hat, damit ich diese Menschen treffen konnte", sagt Contee Jr. Die CHUMC bedeute ihm sehr viel: "Ich werde Mitglied in dieser Kirche sein bis zu dem Tag, an dem ich sterbe."

Seine Frau verstarb vor kurzem und die Gemeindemitglieder seien trotz Corona-Pandemie für ihn da gewesen. "Da musste ich anfangen zu weinen", sagt Contee Jr. "Sie kamen hierher nur um zu fragen 'Ernest, wie geht’s dir?' Und das in einer Krise wie dieser, wo alle zuhause bleiben sollen." 

Roberts betont, dass die Hilfe solcher Freiwilligen unverzichtbar ist. Aber sie können das Leid, das die Pandemie ausgelöst hat, nicht ohne Unterstützung mindern. "Das ist der Hauptgrund, warum wir auch an den Politikern dranbleiben", sagt der Pastor. "Diese Krise ist zu groß, als dass wir alleine damit fertig werden können."

Carla Bleiker Redakteurin, Channel Managerin und Reporterin mit Blick auf Wissenschaft und US-Politik.@cbleiker
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