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Politik

Corona-Massenausbruch: "Zweierlei Maß" bei Erntehelfern

4. Mai 2021

Hunderttausende Erntehelfer aus Osteuropa arbeiten in Deutschland. Und leben oft unter skandalösen Bedingungen. Corona legt dies schonungslos offen.

Deutschland Erntehelfer aus dem Ausland gefragt
Bild: Peter Endig/dpa/picture alliance

Und nun also Spargel-Erntehelfer. Erneut verzeichnet eine ländliche Region in Deutschland einen Corona-Ausbruch im größeren Stil. Von einem Spargelhof im Ort Kirchdorf, im Nordwesten Niedersachsens zwischen Bremen und Osnabrück bei der Kreisstadt Diepholz gelegen, werden steigende Zahlen an Corona-Fällen gemeldet: 42 Ende April, 87 am Wochenende, nun 104, Tendenz steigend. Im Kreis Diepholz wird nun die sogenannte Notbremse mit schärferen Einschränkungen für das öffentliche Leben gezogen.

Die gut 1000 Erntekräfte des Spargelhofs, von denen viele aus Ost- und Südosteuropa kommen, sind jetzt in sogenannter "Arbeitsquarantäne". Polizeiüberwacht. Das heißt: Sie dürfen ihr Quartier nur noch zum Arbeitseinsatz verlassen. Der Spargelhof, sagt eine Mitarbeiterin am Telefon, habe seine Produktion zurückgefahren. Eine umfassendere schriftliche Stellungnahme wird mehrfach zugesagt, kommt dann aber doch nicht.  

Die Zahl 1000 zeigt: Der Spargelhof ist ein großes, in verschiedenen Regionen aktives Unternehmen. In Gesprächen mit Menschen vor Ort fällt häufig der Satz, dass der Ausbruch nicht von ungefähr komme, niemanden überrasche, auch, dass die Medien darüber hinweg sähen. Dabei sorgen bis zu 350.000 Saisonarbeiter jede Saison dafür, dass frischer Spargel oder heimische Erdbeeren wie selbstverständlich in den Verkaufsregalen liegen.

"Sozial-Pfarrer" Kossen kritisiert die Behandlung nach zweierlei Maß

Einer dagegen sagt offen seine Meinung, und er sagt sie deutlich. Peter Kossen, katholischer Priester, der im vorigen Jahr als "Sozial-Pfarrer" mit vehementer Kritik an den Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischindustrie bundesweit bekannt und danach von Ministerpräsident Armin Laschet mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde. 

Peter Kossen, katholischer Priester, gehört zu den schärfsten Kritikern über den Umgang mit LeiharbeiternBild: picture-alliance/dpa/I. Wagner

Man wisse ja spätestens seit dem vorigen Jahr, dass es Corona-Massenausbrüche im Umfeld der Lebensmittelerzeugung in Deutschland gebe, bei der Ernte von Gemüse und Obst, in der Fleischindustrie und an anderen Stellen. Um so ärgerlicher und empörender sei es, dass die Menschen durch ihre Arbeit, die Unterbringung und Transporte zu den Hochrisikogruppen gehörten.

"Man nimmt an vielen Stellen in Kauf, dass Menschen gefährdet sind, dass Menschen Abstände nicht einhalten können oder einfach aufgrund ihrer allzu hohen Arbeitsleistung ausgelaugt sind und dadurch in Pandemiezeiten auch immer wieder Opfer von Massenausbrüchen von Corona werden", sagt Kossen, der noch im vergangenen Jahr in Vechta in der Nähe von Diepholz tätig war, der Deutschen Welle.

Saisonarbeiter aus Rumänien bei der Spargelernte in BrandenburgBild: Imago Images/E. Contini

"Man kann den Eindruck haben, dass da mit zweierlei Maß gemessen wird." Bei Menschen aus Ost- oder Südosteuropa gebe es weniger Sorgfalt, als wenn man Menschen für diese schwere Arbeit hier gewinnen müsste. Peter Kossen: "Und das finde ich verwerflich."

Auch "Initiative faire Landarbeit" vom Corona-Ausbruch nicht überrascht

Das Rekrutieren von Saisonkräften ist ein internationale Herausforderung. Benjamin Luig vom "Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen" koordiniert auch die "Initiative Faire Landarbeit", hinter der unter anderem die Gewerkschaft IG Bau steht. Luig hat schon viele Betriebe gesehen, die Saisonarbeiter einsetzen.

Benjamin Luig vom "Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen"Bild: Privat

Er sagt nach dem Corona-Ausbruch in Diepholz: "Uns überrascht das nicht. Die Regeln sind einfach zu lasch." Auch Luig spricht, ähnlich wie Pfarrer Kossen, von Doppelstandards für einheimische Beschäftigte und Saisonarbeiter. Und er kritisiert die Möglichkeit, dass Saisonarbeiter in Deutschland über Monate ohne gesetzliche Krankenversicherung tätig sein können.  

Spitzenpolitiker bleiben weitgehend stumm, nur Janine Wissler von den Linken meldet sich

Nach dem Ausbruch in Kirchdorf nahm die Linken-Vorsitzende Janine Wissler als einzige Spitzenvertreterin der Parteien zu dem Corona-Ausbruch in Kirchdorf Stellung. Wissler kommt aus Hessen, auch in diesem Bundesland gibt es immer wieder Probleme angesichts des Umgangs mit Erntehelfern. Sie warnte vor dem sehr hohen Risiko für Saisonkräfte, die Knochenarbeit leisteten und oft in Quartieren mit katastrophalen sanitären Bedingungen lebten.

Linken-Chefin Janine WisslerBild: picture-alliance/HMB Media/O. Müller

Wissler forderte, die Arbeitskräfte müssten verpflichtend in Einzelzimmern untergebracht werden, Anspruch auf kostenlose Schutzmasken haben und regelmäßig auf Corona getestet werden. Und wer in Deutschland arbeite, müsse vom ersten Tag an versicherungspflichtig sein.

CDU-Parlamentarier Knoerig: Fortschritte beim Arbeitsschutz der Erntehelfer

Dem widerspricht Axel Knoerig, niedersächsischer CDU-Bundestagsabgeordneter, dessen Wahlkreisbüro just in Kirchdorf liegt. Der soziale Schutz der Erntehelfer sei zuletzt gestärkt worden. Um sicherzustellen, dass diese auch tatsächlich über eine Absicherung in ihrem Heimatländern verfügen, müsse, auch vom Arbeitgeber, ein Krankenversicherungsschutz nachgewiesen werden.

Was Knoerig nicht erwähnt: Diese Verpflichtungen gelten, wie das Bundesarbeitsministerium kürzlich bestätigte, erst ab Anfang 2022. Und einige Fachleute fürchten bereits Billigversionen von Versicherungsangeboten, die mit üblichem Standard nicht zu vergleichen seien

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig kommt aus Kirchdorf Bild: Sigi Schritt/Weyhe

Knoerig kritisiert, dass die Erntehelfer, auf welche die heimischen Höfe dringend angewiesen seien, zum Sündenbock gemacht würden. So liege der Corona-Inzidenzwert in Diepholz nun bei 104. Das benachbarte Vechta habe - ohne Massenausbruch bei Saisonkräften - eine Inzidenz von 239 zu verzeichnen. Der Betrieb in Kirchdorf habe regelmäßig präventive Schnelltests durchgeführt sowie ein Hygienekonzept umgesetzt, betont der CDU-Politiker.

An diesem Freitag beschäftigt sich übrigens der Bundesrat in Berlin mit dem Thema, wenn auch nicht mit dem konkreten Massenausbruch in Diepholz. Die Länderkammer, das Parlament der Länder neben dem Bundestag, wird voraussichtlich einer Ausnahmeregelung zustimmen. Damit kann eine kurzfristige sozialversicherungsfreie Beschäftigung bis zu 102 Arbeitstage dauern. Das heißt: Erntehelfer bleiben auch bei einem drei- oder viermonatigen Einsatz ohne umfassende Absicherung.

"Die Regelung ist sehr problematisch", sagt Experte Luig. "Viele der Arbeitskräfte haben in ihren Herkunftsländern keine Absicherung. Man kann Menschen nicht vier Monate lang ohne Sozialversicherung lassen."  

Hinweis: Die Regelungen zu einem besseren Versicherungsschutz der Erntehelfer treten erst 2022 in Kraft. In einer ersten Version des Textes wurde das nicht ausdrücklich genannt.