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Corona-Maßnahmen: "Kinder jetzt oberste Priorität"

18. Februar 2022

Kinder leiden nachweislich besonders unter der Pandemie, aber so recht weiß scheinbar niemand, wie damit umzugehen ist. Das Kindeswohl soll nun endlich an oberster Stelle stehen, fordern Experten.

Eine Maske liegt in einer Grundschule mit Wechselunterricht auf einem Mäppchen neben einer Karte, mit der die Kinder ihre Emotionen gegenüber der Corona-Krise anzeigen können.
Auch längerfristige Folgen einer Coronainfektion bei Kindern wie Long COVID oder PIMS bereiten Eltern SorgenBild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Die Infektionszahlen befinden sich in der aktuellen Corona-Welle auf einem Allzeithoch, auch wenn der Peak auf die Gesamtbevölkerung gesehen nun überschritten sein könnte. Mit Inzidenzwerten von 3000 Fällen auf 100.000 traf SARS-CoV-2 dabei so viele Kinder wie nie.

Welche Auswirkungen das Coronavirus auf Kinder und Jugendliche hat, untersuchen  Dr. Jakob Armann, Funktionsoberarzt in der Abteilung für pädiatrische Infektiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum der Technischen Universität Dresden, und Prof. Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln seit Beginn der Pandemie.

Der Fokus liegt aktuell natürlich auf der Omikron-Variante, durch die die Infektionszahlen sprunghaft angestiegen sind. Allerdings blieb die befürchtete Wucht, mit der Omikron auch die Krankenhäuser treffen könnte, aus. 

Vergleich zwischen Delta und Omikron

Bereits im Dezember 2021 hatten die pädiatrischen Verbände in einer gemeinsamen Stellungnahme darauf hingewiesen, dass die Erkrankungs­schwere bei Omikron "in allen Altersgruppen deutlich unter der der Delta-Variante" liege - also auch bei Kindern.

Auch bezüglich der Hospitalisierungsraten gab es mittlerweile Entwarnung: Daten einer Studie der University of Cambridge zeigen, dass sich die Anzahl der Krankenhauseinweisungen zwischen Delta und Omikron nicht sonderlich unterscheidet. Weitere Studien, wie dieser Preprint aus Dänemark, bestätigen dies. 

"Bitte geh weg Coronavirus"

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Auch Jakob Armann zeigt sich zuversichtlich, dass die Omikron-Welle relativ glimpflich verlaufen wird. "Mittlerweile ist klar, dass Omikron zwar ansteckender ist, aber leichtere Verläufe verursacht." Das zeige auch die tagesaktuelle Erfassung in den Kinderkliniken. Hier wird durchschnittlich etwa eine Aufnahme mit nachgewiesener SARS-CoV-2 Infektion pro Tag registriert

Wenn Kinder ins Krankenhaus eingeliefert werden, gilt ein besonderes Augenmerk vor allem dem respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). Das ist ein weltweit verbreiteter Erreger, der einfache Atemwegsinfektionen, aber auch schwere Erkrankungen auslösen kann.

"Zum Vergleich: Die hospitalisierten RSV-Fälle von Oktober bis Dezember 2021 waren etwa sechs- bis achtmal so hoch", so Armann. 

Grundsätzlich können Menschen jeden Alters durch das RS-Virus krank werden, besonders häufig trifft es aber Kleinkinder. RSV ist hochansteckend und wird verbreitet, wenn eine infizierte Person niest oder hustet - darin ähnelt es COVID-19.

 

Sorge vor PIMS

Doch nicht nur die unmittelbare Auswirkung einer Infektion mit SARS-CoV-2 treibt Eltern um. Auch längerfristige Folgen wie Long COVID oder das Entzündungs­syndrom PIMS ("Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome") bereiten ihnen große Sorgen. 

"Erste Daten aus England und Dänemark lassen vermuten, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass die PIMS-Häufigkeit mit Omikron zunimmt", so Armann.

In Verbindung mit Omikron liegen für Deutschland bislang noch keine Daten speziell zu PIMS vor. "Das ist noch spannend", sagt Jakob Armann. Delta habe zum Beispiel weniger PIMS ausgelöst als Alpha und der Wildtyp, dieser Effekt sei durch die höheren Fallzahlen allerdings in den Hintergrund gerückt.

Diesen Winter hätte es etwa gleich viele PIMS-Fälle wie im letzten Winter gegeben - allerdings ebenfalls bei höheren Fallzahlen. Für Deutschland erwartet Armann in vier bis sechs Wochen die ersten Daten.

Die deutschen pädiatrischen Verbände merkten in ihrer Stellungnahme an, dass sich die Daten aus anderen Ländern wie Großbritannien nur schwer auf Deutschland übertragen ließen und "insofern Rückschlüsse mit besonderer Vorsicht zu treffen sind". Sie raten deshalb dazu, Kinder und Jugendliche weiterhin durch Hygiene­maßnahmen und -Konzepte vor Corona-Infektionen zu schützen, unter anderem in den Schulen.

Meistens tritt PIMS drei bis sechs Wochen nach einer überstandenen SARS-Cov2-Infektion auf. Mögliche Symptome sind plötzliches hohes Fieber, Abgeschlagenheit und Gelenkschmerzen.

Sollten Eltern solche Symptome bei ihren Kindern feststellen, auch nach einer möglichen asymptomatischen und vielleicht unentdeckten COVID-19-Infektion, rät Prof. Jörg Dötsch zur Vorsicht. "Direkt einen Arzt aufsuchen. Rechtzeitig behandelt ist PIMS kein Problem und das Risiko eines schweren Verlaufs ist gering." 

Impfen oder nicht? Die Entscheidung übers Impfen der eigenen Kinder ist für viele Eltern schwierigBild: Nicolas Armer/dpa/picture alliance

Impfungen schützen Kinder auch vor PIMS

Daten des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zeigen, dass eine zweifache Immunisierung mit dem Impfstoff des Herstellers BioNTech/Pfizer eine Wirksamkeit von rund 91 Prozent gegen das PIMS-Syndrom bei den Zwölf- bis Achtzehnjährigen erreicht. "Allen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren rate ich zur Impfung - gar keine Frage", betont auch Jörg Dötsch.

Damit geht er mit der Empfehlung der STIKO d'accord. Mittlerweile gibt es eine klare Empfehlung der STIKO für alle Kinder ab 12 Jahre. Für die Fünf- bis Elfjährigen empfiehlt die STIKO die Corona-Impfung nur für Risikogruppen, ermöglicht alternativ aber die Impfung für alle, sofern Eltern und Kinder dies wollen. Nach einer individuellen Beratung. 

"Die STIKO ist in Deutschland unser Fachgremium für die Impfempfehlungen und trifft gründliche Entscheidungen, da sie sich sehr sorgfältig informiert und gut abwägt", so Dötsch. Er befürwortet es, dass die STIKO Eltern die Möglichkeit einräumt, sich für eine Impfung der Kinder zu entscheiden. 

Und für die Kleinsten, den unter 5-Jährigen? Auch hier laufen Studien. Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) hat die Prüfung des COVID-19-Impfstoffs von BioNTech/Pfizer für Kinder unter 5 Jahren allerdings verschoben, nachdem Daten darauf hindeuteten, dass der Impfstoff weniger wirksam gegen Omikron ist als gegen Delta, so die Nachrichtenagentur Reuters.

"Kinder nicht einschränken aufgrund ihres Impfstatus"

Auch Jakob Armann pflichtet Jörg Dötsch bei. "Es kann sich wirklich jeder impfen lassen oder sein Kind impfen lassen. Die Impfstoffe werden gerade von den Fünf- bis Elfjährigen sogar noch besser vertragen als von den Jugendlichen, da braucht man gar keine Sorgen zu haben." 

Doch es gibt ein Aber:

"Was in meinen Augen nicht passieren darf ist, dass Kinder eingeschränkt oder beschränkt werden in ihren Rechten oder der sozialen Teilhabe, in Bildung oder Entwicklung, aufgrund des Impfstatus. Dafür gibt es überhaupt keinen Grund," mahnt Armann. "Wir haben Kinder massiv eingeschränkt, oft aus nicht besonders guten Gründen." Jakob Armann trifft damit einen Nerv. 

Appell: Kinder als oberste Priorität 

Bundeskanzler Olaf Scholz hat am 10. Dezember 2021 die Mitglieder eines neuen Corona-Expertenrats zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie in Deutschland ernannt. Teil dieser Gruppe sind Virologen, Epidemiologen, Soziologen und Psychologen sowie weitere Fachleute.

In seiner siebten Stellungnahme forderte das Gremium die Politik auf, dem Kindeswohl oberste Priorität einzuräumen: "Die Pandemie belastet Kinder und Jugendliche aus vielfältigen Gründen besonders stark", heißt es. Dies schließe die Belastung durch die SARS-CoV-2-Infektion selbst (COVID-19, PIMS, Long COVID) als auch die indirekten Effekte der Pandemie (Lockdown, Belastungen in der Familie wie Angst, Krankheit, Tod oder Existenzverlust, Verlust an sozialer Teilhabe, Planungsunsicherheit) ein. "Eine sorgfältige und der jeweiligen Situation angepasste Verbindung von Infektionsschutz und sozialer Teilhabe ist zusammen mit psychosozial stabilisierenden Maßnahmen dringend erforderlich", heißt es in der Stellungnahme.

Jörg Dötsch ist Teil des Expertengremiums und wirkt sichtlich erleichtert, dass die Bundesregierung diesen Bericht eigens gefordert hat und diese Stellungnahme nun auf höchster Ebene angekommen ist - samt Empfehlungen und Maßnahmen. Nun liegt es an der Politik.

Jakob Armann ist zwar nicht Teil des Expertenrats, sieht aber auch die Kinder als absolute Priorität: "Wir sollten Kindern wieder ein normales Leben gewährleisten, und zwar vor allem anderen."

Hannah Fuchs Multimedia-Reporterin und Redakteurin mit Fokus auf Technik, digitalen Themen und Psychologie.
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