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Corona und die Angst der Schausteller

Andreas Rostek-Buetti
5. Mai 2021

Tausende Volksfeste gibt es in Deutschland, 5000 Schausteller setzen Milliarden um. Normalerweise. Jetzt warnt die Branche, durch Corona sei das Kulturgut Kirmes in Gefahr und "große Teile des deutschen Brauchtums".

Deutschland Weihnachtsmarkt in Osnabrück
Bild: picture-alliance/dpa/F. Gentsch

Bei der großen Gefahr für die Kirmes geht es nicht nur um das riesige Münchner Oktoberfest. Es geht auch um den traditionellen Klompenball mit (winziger) Kirmes im nordrhein-westfälischen Neukirchen-Vluyn. Es geht um die großen Volksfeste wie die Cannstatter Wasen in Stuttgart, den Dom in Hamburg, den Karneval der Kulturen in Berlin, den Christkindlmarkt in Nürnberg. Es geht um kleine Kirmesse von Flensburg im Norden bis Aschau am Chiemsee. Die von der Pandemie erzwungenen Absagen all dieser Volksfeste bringen der Branche Umsatzverluste von 4,75 Milliarden Euro.

Seit März 2020 leide die Branche faktisch unter Berufsverbot, klagte einer der Großen unter den Schaustellern, Hendrik Boos aus Düsseldorf, gegenüber dem Spiegel. Sein Kollege Oscar Bruch aus Magdeburg, der in Zeitungen Kirmes-König genannt wird, schrieb gleich selbst an die Bundeskanzlerin: "Es geht um die Existenz unserer gesamten Branche." Zusammen mit der Schaustellerei stünden "große Teile des deutschen Brauchtums auf der Kippe" befürchtet Bruch in seinem Schreiben an Angela Merkel.

Auf der Cranger Kirmes in Herne, Nordrhein-Westfalen Bild: picture-alliance/dpa/M. Kusch

Die Branche beschäftigt rund 55.000 Menschen, die oft von Stadt zu Stadt fahren. Die Corona-Hilfen der Bundesregierung kamen hier erst spät an; das Geschäft mit der Schaustellerei ist doch allzu untypisch für die staatliche Förder-Bürokratie. 

Wiesn fallen wieder aus

In dieser Woche ließ die definitive Absage des Münchner Oktoberfests alle Alarmglocken unter den Budenbetreibern, Festzeltwirten und Riesenradkapitänen schrillen. Die Wiesn fallen damit das zweite Mal in Folge aus. Und das Volksfest in Bayern ist ein Spektakel der Superlative: sechs Millionen Besucher aus aller Welt, Festzelte mit 8000 Plätzen, mehr als eine Milliarde Euro Umsatz.

Jetzt ist die Sorge groß, das Aus für den allergrößten Budenzauber könne auch für alle anderen Volksfeste in diesem Jahr zum bösen Vorbild werden. Das Oktoberfest sei aber nicht repräsentativ für die 9750 anderen deutschen Volksfeste und Kirmessen, ließ der Deutschen Schaustellerbund (DSB) gleich wissen.

Kleines Fest - Brandenburger Dorf- und Erntefest in Fürstlich Drehna in BrandenburgBild: picture-alliance/dpa/N. Bachmann

Zwar hatte DSB-Präsident Albert Ritter schon vor Wochen eingeräumt, Volksfeste in der gewohnten Dimension könnten wohl erst wieder stattfinden, wenn ein ausreichender Teil der Bevölkerung geimpft sei. Aber es sei eben wichtig, dass Kommunen nicht vorsichtshalber schon jetzt Volksfeste etwa für den Herbst komplett absagten. "Wir haben mit kurzfristiger Planung kein Problem", so Ritter für sich und seine Kollegen und Kolleginnen. "Unsere Geschäfte stehen abfahrbereit auf unseren Betriebshöfen. Wir sind jederzeit startklar, können in der Regel binnen weniger Tage auf dem Festplatz erscheinen und das Fest aufbauen."

Die Branche hat dabei vermutlich auch schon die deutschen Weihnachtsmärkte im Blick, die letztes Jahr weitgehend ausfallen mussten. Er gibt davon gut 3000, auf denen Budenbetreiber und Schausteller sonst fast drei Milliarden Euro umsetzen. Und - Stichwort „Kulturgut" - der Dresdner Striezelmarkt gilt als einer der ältesten Weihnachtsmärkte der Welt.

Gefahr auch fürs Bier

Was haben die Schausteller letztes Jahr nicht alles versucht. Selbst ein Ersatz im Auto war dabei: Weihnachtsmarkt als Drive-In im niederrheinischen Kalkar. Da gab es auf einer 2,5 Kilometer langen Strecke am einstigen AKW-Gelände Kunstschnee, Musik, Eintopf und Glühwein und auch noch eine Krippe, mit Kamelen, zum Durchfahren.

Münchner Oktoberfest, früher - hier beim tradionellen "Kehraus" Bild: Felix Hörhager/dpa/picture alliance

Wo es keine Volksfeste gibt, wird auch kein Bier getrunken. Und das betrifft darüberhinaus die gesamte Gastronomie. Fassbier sei infolge der Lockdowns "praktisch unverkäuflich geworden", klagt eine Sprecherin der Brauerei "Radeberger Gruppe".  Schon im ersten Lockdown hätten die Brauereien große Mengen des bereits produzierten Fassbiers wegschütten müssen.

Dabei geht es wirklich um eine Menge Bier: Allein auf der bisher letzten Wiesn flossen 2019 rund 7,3 Millionen Liter.  Womöglich ist damit ein weiteres deutsches "Kulturgut" in Gefahr? In den trockenen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Die Brauereien und Bierlager setzten im vergangenen Jahr 5,5 Prozent weniger ab als im Jahr 2019.  Die Corona-Krise, so die Statistiker, habe den Bierabsatz in Deutschland auf ein historisch niedriges Maß gedrückt.

 

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