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Was können Impfungen leisten - und was nicht?

8. Februar 2021

Geimpfte infizieren sich mit SARS-CoV-2. Die Folge? In erster Linie Empörung - denn noch immer herrscht ein großes Missverständnis, was das Ziel der Impfungen angeht.

COVID-19-Impfstoff
Bild: Lee Smith/REUTERS

Fast das ganze letzte Jahr haben wir auf eine COVID-19-Impfung hingefiebert. Wir lernten, was mRNA-Impfstoffe sind, verfolgten Studien und hofften auf eine hohe Wirksamkeit. Und ganz klammheimlich schlich sich die Annahme ein: Wenn es endlich eine Impfung gibt, dann wird alles gut, wird alles wie früher. 

Und da sitzen wir nun - es gibt endlich Impfstoffe - und nun stellen wir fest: Die Sache läuft nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Impfstoffe im Vergleich

02:08

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Gerade erst sorgte die Meldung, dass sich in einem Senioren- und Pflegeheim im Landkreis Osnabrück einige Bewohnerinnen und Bewohner mit der Coronavirus-Variante B.1.1.7 infiziert haben, für Empörung. Schließlich war hier doch gerade vor ein paar Tagen die zweite Impfdosis verabreicht worden. Ein ganz klarer Fall von Impfversagen? Nein, eher ein Impf-Missverständnis.

"Es gab einige komplett asymptomatische Fälle und ansonsten nur leichte Verläufe, was offenbar auf die positive Wirkung der Impfung zurückzuführen ist", so Burkhard Riepenhoff, Pressesprecher des Landkreises Osnabrück, auf DW-Anfrage.

Auch die Gesundheitsbehörden und Ärzte seien zuversichtlich, dass die zweite Impfung einen schweren Verlauf der Erkrankung in den meisten Fällen verhindern wird, heißt es in einer aktuellen Meldung des Pflegeheims.

Und genau das soll die Impfung leisten: schwere Verläufe verhindern.

Pieks und gut? Ein Irrglaube.

Die bislang zugelassenen Impfungen gegen COVID-19 haben alle eine gute Wirksamkeit. Kommt eine geimpfte Person also mit SARS-CoV-2 in Kontakt, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erkranken, zumindest nicht schwer.

Nichtsdestotrotz bleiben die AHA-Regeln wichtig, worauf auch das Robert Koch-Insitut (RKI) hinweist: "Denn auch wer geimpft ist, könnte noch zur Übertragung des Coronavirus beitragen", heißt es auf der Website

Denn was die Impfungen nicht leisten können, bzw. was noch nicht abschließend geklärt ist: Inwieweit eine Impfung hilft, die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung zu reduzieren oder sogar ganz zu stoppen. Wie lange der Impfschutz anhält - und ob Geimpfte nach Kontakt mit dem Erreger diesen vorübergehend noch in sich tragen und andere Personen anstecken können. In so einem Falle würde eine Person also vorübergehend das Virus in sich tragen, aber nicht erkranken.

Genau hier liegt womöglich das Missverständnis: Schützen Impfungen also gar nicht vor einer Infektion - sondern "nur" vor einer Erkrankung? 

Sterilisierende oder funktionale Immunität

Insgeheim hoffen wir auf den Idealfall - die sogenannte "sterilisierende Immunität" durch die Corona-Impfungen.

Denn dann würde die Impfung davor schützen, dass sich Menschen überhaupt erst infizieren. Das Virus wird abgefangen, bevor der Körper es überhaupt aufnimmt. Geimpfte können das Virus nicht weitergeben, weil sie es gar nicht im Körper haben. Es kann sich also nicht weiter ausbreiten, ein wichtiger Aspekt also für die Herdenimmunität.

Doch diese sterilisierende Immunität sei bislang noch nicht für Corona-Impfstoffe nachgewiesen, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Bislang fehlen dazu noch die Daten, Ergebnisse könnte es in den kommenden Monaten geben."

Bei der sogenannten "funktionalen Immunität" wird die Infektion nicht verhindert, aber sie schützt den Geimpften vor dem Ausbruch der Erkrankung und vor einem schweren Verlauf.

Mutationen sorgen für noch mehr Fragen

Und als gäbe es nicht schon genug Unklarheiten hinsichtlich der Impfstoffe zu (er)klären, kommen nun auch noch vermehrt die Mutationen hinzu.

Südafrika setzt zum Beispiel den Einsatz des Impfstoffes des britisch-schwedischen Konzerns AstraZeneca aus, solange Wissenschaftler noch über die beste Verwendung der Arznei beraten.

Zuvor hatte das Pharmaunternehmen eingeräumt, der Impfstoff biete nur begrenzten Schutz bei einer mild verlaufenden Infektion mit der in Südafrika zuerst aufgetretenen Virusvariante.

Neue vorläufige Studiendaten der Universitäten Oxford und Witwatersrand, die AstraZeneca an diesem Montag veröffentlichen wollte und über die bereits die "Financial Times" berichtete, sollen zeigen, dass das Vakzin bei der Variante B.1.351 wohl weiterhin wirksam gegen schwere Verläufe ist, ausgerechnet leichte Erkrankungen jedoch weniger verhindert. Die Aussagekraft der Daten ist dem Bericht zufolge begrenzt, da der Großteil der 2000 Probanden der Studie jung und gesund waren.

Grundsätzlich sind Mutationen bei Viren allerdings nichts Ungewöhnliches, im Schnitt gibt es jeden Monat zwei neue Varianten.

Allerdings können die Veränderungen - zum Beispiel an einer Stelle des Spike-Proteins - zu einer schnelleren Ausbreitung des Virus beitragen. Das mutierte Virus kann sich unter Umständen besser vermehren, übertragen oder dem Immunsystem leichter entwischen als das ursprüngliche Coronavirus.

Der Leiter der südafrikanischen Studie, Shabir Madhi, zeigte sich dennoch hoffnungsvoll und verwies auf die Ähnlichkeit des Vakzins mit dem Impfstoffkandidaten von Johnson & Johnson, der einen Schutz von 85 Prozent vor schweren Krankheitsverläufen bieten soll. Es bestehe immer noch die Hoffnung, dass der AstraZeneca-Impfstoff in der besonders gefährdeten Altersgruppe genauso gut funktionieren könnte.

An der Universität Oxford arbeitet man bereits an einer neuen Generation von Auffrisch-Impfungen, die vor neuen Varianten schützen sollen. "Das ist das gleiche Problem, mit dem alle Impfstoffentwickler konfrontiert sind", sagte Sarah Gilbert, Impfstoffforscherin an der Universität Oxford.

Auch Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize setzt nun alle Hoffnung in die Forschung. "Wir werden die AstraZeneca-Impfdosen nicht zurückschicken, sondern wir warten auf die Rückmeldung von den Wissenschaftlern, wie wir in Zukunft mit den Mutationen umgehen sollen."

Wie wirksam die Impfstoffe gegen die verschiedenen Mutationen sind, wird weiter untersuchtBild: Jens Krick/dpa/picture alliance

Zuletzt gab es vor allem wegen der in Großbritannien und in Südafrika aufgetretenen Varianten Sorgen, da diese als sehr viel ansteckender gelten. Die britische Regierung gab dem AstraZeneca-Impfstoff nach dem gestoppten Einsatz in Südafrika Rückendeckung.

"Es gibt keine Beweise dafür, dass dieser Impfstoff nicht in der Lage ist, Krankenhausaufenthalte sowie schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle zu verhindern", sagte Gesundheits-Staatssekretär Edward Argar dem Sender Sky. Und das sei es letztlich, was man erwarte.

Auf der Hut bleiben

Argar wies jedoch auch darauf hin, dass die südafrikanische Variante nicht zu den vorherrschenden im Vereinigten Königreich gehöre und es erst wenige derartige Fälle gebe. Gegen die dominierende britische Variante sei der Impfstoff "sehr wirksam".

Nach aktuellem Stand wirken auch die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna auch gegen die britische Virusvariante B.1.1.7.

Doch sollte das Virus irgendwann so stark mutiert sein, dass die durch die Impfung ausgelöste Immunantwort es nicht mehr neutralisieren kann, dann müssten die Vakzine angepasst werden.

Auch Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD im Bundestag und selbst Epidemiologe reagiert auf Twitter auf die neusten Entwicklungen und die Verbreitung der Mutationen: "Die Südafrika Variante zeigt, wie wichtig jede vermiedene Infektion ist."

Unabdingbar ist also weiter, dass wir alle kooperieren und aktiv bei der Eindämmung des Virus und all seinen Varianten helfen: AHA-Regeln befolgen, Hygienemaßnahmen beachten, Kontakte reduzieren - bis die Pandemie im Griff ist. 

Hannah Fuchs Multimedia-Reporterin und Redakteurin mit Fokus auf Technik, digitalen Themen und Psychologie.
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