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HandelAfrika

Dünger-Notstand: Afrikas Antworten auf die Hormus-Blockade

6. Mai 2026

Die andauernde Blockade der Straße von Hormus trifft Afrika besonders. Doch es gibt auch Lösungsansätze, wie die drastischen Folgen für den Kontinent kurz-, mittel- und langfristig abgemildert werden können.

Die Landwirtin Nogaye Sene filmt sich zwischen den Pflanzen auf ihrem Feld in Joal Fadiout, Senegal
Neue Lösungen für ein altes Problem: Wie können Afrikas Landwirte die weltweit knapp werdenden Düngemittel beschaffen? Das Foto zeigt eine Landwirtin im Senegal.Bild: Caitlin Kelly/AP Photo/picture alliance

Brachliegende Felder, lange Schlangen an den Tankstellen, gestrichene Flüge - Afrika spürt mit voller Härte die Auswirkungen der Lage im Mittleren Osten. Gut zwei Monate lang haben kaum Handelsschiffe die blockierte Straße von Hormus passiert. Seitdem sind vor allem die globalen Märkte für Öl und Düngemittel großer Teile ihres Angebots beraubt.

"Die Afrikanische Union beobachtet die Lage rund um die Straße von Hormus sehr genau, weil sie Auswirkungen auf eine Reihe strategischer Güter hat, die für afrikanische Wirtschaften unentbehrlich sind", sagt Willy Nyamite, burundischer AU-Botschafter und aktueller Vorsitzender des ständigen Botschafterkomitees, zur DW.

Eine Rückkehr zur freien Seefahrt durch die strategisch wichtige Meerenge, wie es vor den amerikanisch-israelischen Angriffen auf Iran der Fall war, liegt noch in weiter Ferne. Und selbst dann würde es noch Monate dauern, bis Transport und Produktion wieder reibungslos funktionieren und auch auf den Märkten wieder Normalität einkehren würde. Deshalb sind afrikanische Institutionen und Regierungen im Krisenmodus - und suchen nach Wegen, um noch drastischere Folgen wie Hungersnöte oder Staatsbankrotte zu verhindern. Denn einige Länder waren bereits vor Beginn des Iran-Kriegs überschuldet; inflationsbedingte Wertverluste der nationalen Währungen könnten die Lage noch verschärfen.

Fahrrad statt Fahrzeug: In Äthiopien ist der Treibstoffverkauf stark eingeschränkt; bevorzugt werden der öffentliche Personenverkehr sowie andere systemrelevante BereicheBild: Marco Simoncelli/AFP

"Die Situation ist ernst", sagt Anja Berretta, Leiterin des Afrika-Wirtschaftsprogramms der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Nairobi. "Gerade was die Düngemittel angeht, waren wir 2022 schon einmal in einer ähnlichen Situation, als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine losging; Russland und Belarus waren ja zwei der wichtigsten Produzenten von Düngemitteln. Auch damals hat man Hungersnöte in Afrika befürchtet; der ganz große Schock ist dann doch ausgeblieben", sagt Berretta im DW-Gespräch. Denn damals hätten afrikanische Länder flexibel reagiert und zum Beispiel mit Hilfe der Afrikanischen Entwicklungsbank AfDB finanziell interveniert. Auch jetzt gebe es noch viel politischen Spielraum.

Notmaßnahmen gegen Spritmangel

Bereits lähmt die Knappheit an fossilen Treibstoffen Teile des Kontinents: In Äthiopien wird Diesel bevorzugt an den öffentlichen Nahverkehr ausgegeben und fehlt privaten Kunden; in Südsudans Hauptstadt Juba wird mittels rotierender Stromabschaltungen die Leistung des Ölkraftwerks gedrosselt. Gambia subventioniert Sprit mit mehr als 5,8 Millionen Euro aus Steuermitteln, Simbabwe streckt die fossilen Kraftstoffe mit Ethanol. Und auch afrikanische Fluggesellschaften trifft der globale Kerosinmangel hart.

Weniger im Fokus, aber ähnlich kritisch sind auch Engpässe und Preisanstiege bei chemischen Düngemitteln: Vor Kriegsbeginn kamen fast 50 Prozent des weltweiten in Phosphatdünger verarbeiteten Schwefel über die Straße von Hormus; auch für die Vorprodukte Urea und Ammoniak war der Anteil hoch. Der südafrikanische Getreide-Erzeugerverband Grain SA verzeichnete im April bereits mehr als 75 Prozent höhere Ammoniak-Preise als ein Jahr zuvor; auch Urea war um rund 60 Prozent teurer.

Kurzfristige Lösungen haben sich bereits bewährt

Während bei Diesel, Benzin und Kerosin vielerorts längst nationale Notfallmaßnahmen greifen, sind viele Lösungen im Bereich Düngemittel noch im Entwurfsstadium. Ein Vorstoß von UN-Generalsekretär Antonio Guterres, wonach die Kriegsparteien die Durchfahrt von Düngemitteln für Entwicklungsländer gestatten sollen, ist bislang nicht in die Tat umgesetzt worden. Vorbild ist das Getreideabkommen, das von Juli 2022 bis Juli 2023die sichere Ausfuhr ukrainischen Getreides unter Billigung Russlands ermöglichte.

Als Russlands Invasion in der Ukraine die Düngemittelmärkte 2022 schon einmal aufwirbelte, düngte dieser Kleinbauer in Uganda sein Feld mit Ausscheidungen der dort verbreiten schwarzen SoldatenfliegeBild: Badru Katumba/AFP

Und auch eine andere Sofortlösung hat sich in einer anderen Krise der jüngeren Vergangenheit bewährt: Afrikanische Düngemittel-Importeure könnten ihre Beschaffung bündeln - so wie die EU ihre Marktmacht zur schnellen und preiswerten Versorgung mit Corona-Impfstoffen ausnutzte.

KAS-Expertin Anja Berretta spricht von einer realistischen Option, die leicht umzusetzen sei: "Man redet ja nicht über technische Kapazitäten oder Finanzierung - die afrikanischen Länder müssten einfach sagen, wir machen das jetzt gemeinsam." Und selbst wenn eine Komplettlösung über die Afrikanische Union scheitere, könnten Regionalgemeinschaften wie die westafrikanische ECOWAS oder die Ostafrikanische Gemeinschaft hier Erfolge erzielen.

In der ägyptischen Wüste wachsen dank Bewässerung und Dünger sogar Kartoffeln - das Land ist neben Marokko der wichtigste Düngemittelproduzent AfrikasBild: Joerg Boethling/IMAGO

Subsahara-Afrika geht gemessen an der landwirtschaftlichen Fläche bereits extrem sparsam mit Dünger um: Laut Daten der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, nutzen Landwirte in der Region durchschnittlich 20,5 Kilogramm Dünger pro Hektar - gegenüber knapp 144 Kilogramm im globalen Durchschnitt (Daten von 2021 vor dem Ukraine-Krieg). Wenn jedoch noch weiter gespart wird, drohen geringere Erntemengen bei Mais, Reis und Weizen, und als Folge davon eine Nahrungsmittelinflation. Afrika braucht den Dünger also dringend. Dabei drängt die Zeit: Die Pflanzsaison hat bereits begonnen. 

Was langfristig helfen könnte

Um langfristig weniger anfällig für externe Schocks wie den Kriegen in der Ukraine und dem Iran zu werden, wäre der sicherste Weg, die eigenen Produktionskapazitäten aufzubauen. Die bisherigen Schwergewichte sind Marokko und Ägypten, die jeweils über große Phosphat-Vorkommen verfügen, jedoch zur Herstellung ebenfalls auf Schwefel aus den Golfstaaten angewiesen sind. Doch auch etwa die nigerianische Dangote-Gruppe will die Produktion ausweiten und plant neue Urea-Fabriken in Nigeria und Äthiopien.

Aus Sicht von Anja Berretta wäre der beste Weg, Düngemittel an wenigen Orten im groß-industriellen Stil zu produzieren und zu verteilen: "Nicht jedes Land hat die besten Voraussetzungen, eigene Düngemittelproduktionen aufzubauen. Da spielen regionale Lieferketten eine ganz wichtige Rolle, indem man sagt, wir identifizieren jetzt drei, vier Länder in einer Region, wo die Rahmenbedingungen so sind, dass da eine Düngemittelproduktion aufgebaut wird und die beliefern dann die ganze Region."

Mehr Resilienz durch weniger Handelshemmnisse

Hierbei kommt die afrikanische Freihandelszone AfCFTA ins Spiel - denn wenn die Erzeugnisse nicht von Landesgrenzen aufgehalten werden, ist das Potenzial für private Investoren deutlich größer. Obwohl die AfCFTA bereits seit 2021 besteht, hemmen noch verschiedene Faktoren den reibungslosen grenzüberschreitenden Warenverkehr.

"Die AfCFTA ist ein zentraler Teil der Lösung", sagt AU-Botschafter Nyamitwe mit Blick auf die Folgen der Hormus-Blockade. "Bei der Afrikanischen Union glauben wir daran, dass durch eine beschleunigte Implementierung der AfCFTA afrikanische Staaten resilientere regionale Wertschöpfungsketten in kritischen Bereichen wie Landwirtschaft, Energie, Gesundheit und Produktion aufbauen können."

Vor wenigen Tagen beschloss die AU zudem eine Strategie zur Elektro-Mobilität, mit der auch die Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen verringert werden soll. Demnach sind auf dem ganzen Kontinent erst rund 132.000 Motorräder, Autos und andere Fahrzeuge mit E-Antrieb zugelassen. Wenn sie zum Massengut werden, wäre auch das ein Beitrag, der Afrika besser für künftige externe Schocks rüsten würde.

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