„Damit sie das Leben in Fülle haben!“
19. September 2015
Gleich im zweiten Kapitel das Johannesevangeliums stößt man auf die Geschichte von der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12) – sicher eine der bekanntesten Erzählungen aus den vier Evangelien. Im Zentrum steht eine Begebenheit, die zwar keinen Weltuntergang darstellt, die aber trotzdem jedem Gastgeber unangenehm wäre: Mitten in einer fröhlichen Hochzeitsfeier geht der Festgesellschaft der Wein aus. Wenn Sie selbst schon einmal ein großes Fest ausgerichtet haben, können Sie nachfühlen, wie ärgerlich das ist. Man sitzt schön beisammen, feiert und lacht, und dann stellt man fest, dass man beim Wein zu knapp kalkuliert hat. Natürlich, keiner der Gäste wird einem das zum Vorwurf machen. Und doch hat man damit das Signal gesetzt, dass das Fest zu Ende ist.
Im Johannesevangelium ist es eine Hochzeitsgesellschaft, der der Wein ausgeht. Ausgerechnet eine Hochzeit, das Freudenfest im Leben schlechthin, wird plötzlich dadurch getrübt, dass von dem guten Tropfen nichts mehr da ist. Man kann sich die Gedanken der Brautleute vorstellen. An diesem Tag sollte doch alles perfekt sein – für uns und für unsere Gäste. Und jetzt das! Unsere Hochzeit wird als diejenige in Erinnerung bleiben, bei der auf einmal kein Wein mehr da war! Ist das nicht ein schlechtes Vorzeichen für die ganze Ehe? Startet man nicht mit unguten Gefühlen in den gemeinsamen Lebensweg, wenn schon am Anfang im wahrsten Sinne des Wortes der Saft ausgeht?
600 Liter neuer Wein
Bei der Hochzeit zu Kana zählt auch Jesus zu den Gästen. Seine Mutter weist ihn darauf hin, dass der Gesellschaft der Wein ausgegangen ist. Daraufhin tut Jesus das, was jener „Hochzeit zu Kana“ zu Weltruhm verholfen hat: Er wirkt sein erstes Zeichen und verwandelt Wasser zu Wein. Die Bibel ist im Übrigen äußerst genau: Sage und schreibe 600 Liter Wein stehen der Festgesellschaft wieder zur Verfügung, nachdem Jesus sein Wunder vollbracht hat.
Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana ist, wie gesagt, sehr bekannt – so bekannt, dass wohl kaum jemandem auffällt, wie merkwürdig das eigentlich ist. Der zur Neige gegangene Weinvorrat einer Hochzeitsgesellschaft – sollte das tatsächlich eine Angelegenheit Jesu Christi, des Sohnes Gottes, sein? Im Prolog des Johannesevangeliums, nur kurz vor der Erzählung über die Hochzeit zu Kana, wird Jesus als das Fleisch gewordene Wort Gottes bezeichnet, als derjenige, durch den die Gnade und die Wahrheit in die Welt kommen, als der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht. Das alles sind Attribute, die Einiges erwarten lassen. Und dann ist das erste Zeichen die Verwandlung von Wasser zu Wein während einer Hochzeit? Jesus betätigt sich quasi als Getränkelieferant? Was für ein Zeichen soll das denn bitteschön sein?
Und überhaupt: Christentum, das steht doch nach landläufiger Ansicht für Askese, für Enthaltsamkeit, für großen Ernst, für Konzentration auf das „Eigentliche“ oder „Wesentliche“. Hätte man von Jesus nicht eher erwarten müssen, dass er die Hochzeitsgesellschaft ermahnt, nicht zu viel zu trinken? Dass er vielleicht auch darauf hinweist, dass die wahre Freude, die wahre Fülle, nicht von dieser Erde, sondern eher „himmlischer“ Natur ist? Stattdessen tut er das genaue Gegenteil und versorgt die feiernden Menschen mit neuem Wein in Hülle und Fülle. Wieso ist ihm das so wichtig?
„Es wird euch an nichts fehlen“
Am Ende der Geschichte heißt es: „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.“ Es hat also durchaus etwas mit Herrlichkeit, mit Göttlichkeit zu tun, Wasser in Wein zu verwandeln und einer Hochzeitsgesellschaft die Freude am Fest zu erhalten.
Jesus bringt der Welt ja eine Frohe Botschaft, er will deutlich machen, dass mit ihm die Rettung naht und dass es diejenigen, die ihm glauben und folgen, an nichts mangeln wird. Wie kann er all dem besser Ausdruck verleihen, als einer Hochzeitsgesellschaft die Freude am Fest zu erhalten? „Ich will, dass sie das Leben haben, und dass sie es in Fülle haben“, heißt es im Johannesevangelium (Joh 10,10) an späterer Stelle. Schon bei der Hochzeit zu Kana macht er sinnbildlich deutlich, was das heißt: Es wird euch an nichts fehlen; euer Leben wird Geschmack haben und Würze, wenn ihr an mich glaubt und meiner Botschaft folgt! Künftig geht es für euch nicht nur ums Überleben – es geht um das erfüllte Leben – das Leben in Fülle.
Zur Autorin:
Die Theologin und Buchautorin Dr. Claudia Nieser, 1972 in Neunkirchen/Saar geboren, studierte katholische Theologie in Saarbrücken und Trier. Sie absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk und arbeitet seit 2001 in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. Mit einer Dissertation über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar promovierte sie zum Doktor der Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. In ihren Veröffentlichungen befasst sie sich mit Themen wie dem interreligiösen Dialog, dem Gespräch zwischen Literatur und Theologie sowie zwischen Populärkultur und Religion.
Kirchliche Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte, und Alfred Herrmann