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Katastrophe

Brasilien sucht nach den Verantwortlichen

Nádia Pontes | Marina Costa Brasilien
27. Januar 2019

Die Chancen, Überlebende in den Schlammmassen zu finden, schwinden. Derweil steht die Frage im Raum, ob in dem Abraumbecken zum Zeitpunkt des Unglücks gearbeitet wurde. Aus Brumadinho Marina Costa und Nadia Pontes.

Brasilien l Schlammlawine nach Dammbruch
Bild: Reuters/Washington Alves

"Alle hier hatten Angst davor, dass der Damm eines Tages brechen würde - auch wenn Vale (Betreiber der Eisenerzmine, Anm. d. Red.) immer garantiert hat, dass er sicher sei." Der Dammbruch des Abraumbeckens ist gerade 24 Stunden her und der Hauptplatz der Kleinstadt Casa Branca in der Nähe des Unglücksortes Brumadinho ist gefüllt. Anwohner sind gekommen, um zu protestieren.

11,3 Millionen Kubikmeter Wasser, Geröll und Erde haben sich am Freitagmittag ihren Weg gebahnt – mindestens 34 Menschen sind dabei umgekommen. Die Folgen für die Umwelt sind noch vollkommen unklar. Die Menschen rund um den Unglücksort Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais sind sauer. "Das Problem mit Vale in unserer Region ist die maßlose Ausbeutung. Es gibt keine Kontrolle", so einer der Protestierenden. Sie fordern, dass der Konzern die Anlage in Brumadinho unverzüglich verlässt.

300 Vermisste in den Schlammmassen

Während die einen schon wütend sind und protestieren, wissen viele andere nicht einmal, ob sie trauern müssen: 300 Menschen werden noch vermisst. "Kurz bevor ich die ersten Nachrichten von dem Unglück hörte, hatten wir noch Kontakt. Doch seitdem weiß ich nichts mehr", so ein Mann, der seinen Bruder sucht, zur DW. Der Bruder ist Techniker bei Vale und zum Zeitpunkt des Dammbruchs war er im Dienst.

Eine andere Frau vermisst ihren Ehemann: "Wir sind hilflos!", sagt sie. Ihr Mann arbeitet in einem Büro direkt neben der Kantine des Unternehmens, die komplett von den Schlammmassen zerstört wurde.

Den gesamten Samstagmorgen kreisten noch immer 13 Rettungshubschrauber über dem Unglücksgebiet. Außerdem versucht die Feuerwehr, die Menschen zu erreichen, die durch den Dammbruch komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind und auf Hilfe warten.

"Nein zum Bergbau – Ja zum Leben": Die Anwohner von Brumadinho sind sauer Bild: Marina Costa

Lizenz erlaubt Wiederverwertung der Abfälle von Brumadinho

Während die Suche nach den Vermissten läuft, wird die Frage nach den Verantwortlichen immer lauter. Im Zentrum der Diskussion ist eine Lizenz, die das Unternehmen Vale erst Anfang Dezember 2018 erhalten hat. Sie erlaubt dem Unternehmen, seine Aktivitäten in der Eisenerzmine von Brumadinho auszuweiten.

Maria Teresa de Freitas Corujo ist Beraterin der Kammer für Bergbau im Umweltausschuss des Bundesstaates Minas Gerais. Sie hatte sich gegen die Vergabe der Lizenz ausgesprochen. "Vale machte Druck, um alle Lizenzen, die der Konzern benötigte, in nur einer Sitzung der Bergbaukammer erteilt zu bekommen", sagt Freitas Corujo im Interview mit der DW.

Und so kam es: Aus den Unterlagen zur Lizenzvergabe geht hervor, dass der Konzern grünes Licht bekam, um bestimmte Stoffe aus dem Abraumbecken, das jetzt zerstört ist, abzubauen. Ob es zum Zeitpunkt des Unglücks bereits derartige Arbeiten gegeben hat, will der Konzern Vale der DW bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht sagen.

Plötzlich obdachlos: Im Gemeindezentrum von Brumadinho kommen die Menschen unter, die ihr Zuhause verloren habenBild: Marina Costa

Da es aber zum Zeitpunkt des Dammbruches weder regnete, noch die Erde bebte, bleiben für Maria Teresa de Freitas Corujo nur zwei Möglichkeiten: "Entweder hat Vale gelogen, als man sagte, der Staudamm wäre sicher oder der Konzern hat bereits mit den Arbeiten zur Gewinnung der Stoffe aus dem Abraumbecken begonnen - und dabei muss es dann zu einem Fehler gekommen sein."

Erst im September vergangenen Jahres wurde der Damm geprüft - ausgerechnet vom deutschen TÜV Süd. Es seien keine Auffälligkeiten festgestellt oder Schäden gefunden worden, bestätigte ein Sprecher des deutschen Unternehmens. Der TÜV Süd werde die Untersuchungen unterstützen und alle nötigen Dokumente zur Verfügung stellen.

Nicht das erste Unglück dieser Art

Vor drei Jahren geriet der Vale-Konzern wegen eines ähnlichen Unglücks in die Schlagzeilen. In einem Eisenerzbergwerk in Mariana brach ein Damm eines Rückhaltebeckens. 19 Menschen kamen ums Leben, der Fluss Rio Doce wurde auf 650 Kilometer kontaminiert.

Man habe die Katastrophe von Mariana nicht ernst genommen, sagt Andrea Zhouri, Forscherin an der staatlichen Universität von Minas Gerais (UFMG). Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Bergbau auf die Umwelt.

Warten auf Informationen: Angehörige in einem der provisorisch eingerichteten Hilfscenter in BrumadinhoBild: Marina Costa

Nur einen Monat nachdem der Staudamm in Mariana brach, verabschiedete der Bundesstaat Minas Gerais ein Gesetz, welches die gesamte Struktur zur Lizensierung von Umweltaspekten veränderte. Jedoch: "Die Lizensierung wurde noch einfacher. Das wurde Hals über Kopf entschieden, ohne Machbarkeitsstudie oder andere wissenschaftliche Anhaltspunkte, geschweige denn eine Debatte", kritisiert Zhouri.

Auch die sogenannte "Obere Aufsicht für vorrangige Projekte" (Suppri) wurde mit dem Gesetz ins Leben gerufen. Für Klemens Laschefski, Professor an der Universität von Minas Gerais wurde diese Aufsicht nur für einen Zweck gegründet: Um den Umweltrat des Bundesstaates Minas Gerais unter Druck zu setzen, damit diejenigen Projekte, die der Governeur für wichtig erachtet, schneller bearbeitet werden können.

"Die Unternehmen, die diese Gesetze fordern, sind die gleichen, die die Wahlkampfkampagnen der Regierungspartei finanziert haben. Welche Bauarbeiten also genehmigt werden, entscheiden die Interessen der Konzerne", sagt Laschefski. Nichts habe den Umweltaspekt im Bergbaubereich mehr in den Hintergrund gedrängt als die Gründung der Suppri, so die Ansicht von Laschefski und vieler anderer Experten. "Die Lizenzvergabe findet jetzt an der Verkaufstheke statt", so die Meinung der Forscherin Zhouri. "Hinzu kommt die fehlende Kontrolle es Staates." Auf die Vorwürfe angesprochen, wollte sich kein Vertreter des Staates Minas Gerais äußern.