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Das gigantische Stasi-Puzzle

Leona Frommelt22. November 2003

16.000 Säcken voll mit zerrissenen Dokumenten der Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Die Rekonstruktion per Hand würde etwa 400 Jahre dauern. Nun sollen Computer helfen.

Technische Unterstützung für die Birthler-BehördeBild: dpa
Ottmar Buennemeyer vom Frauenhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) in BerlinBild: AP

Aufarbeitung eines Stücks deutscher Geschichte: Im Berliner Ministerium für Staatssicherheit lief in den Zeiten der Wende eine beispiellose Aktion. Zwischen Herbst 1989 und Januar 1990 wurden dort Tausende von Stasi-Mitarbeitern – das Ende der DDR vor Augen – angewiesen, systematisch Akten zu vernichten. Weil die Reißwölfe ausfielen, konnte ein Teil der Unterlagen nur per Hand zerrissen werden. Das Ergebnis: 16.000 Säcke voll mit Papierschnipseln. Verpflichtungserklärungen von inoffiziellen Mitarbeitern, Opferunterlagen und ehemals streng geheime Unterlagen der für Auslandsspionage zuständigen Abteilung XV vermutet die Birthler-Behörde in dem Schnipsel-Salat.

Derzeit sind in Zirndorf bei Nürnberg 15 Mitarbeiter der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BstU) mit dem Zusammenfügen der Puzzle-Stücke beschäftigt. 250 Säcke haben sie seit 1995 aufgearbeitet und mehr als 500.000 Seiten von Hand erschlossen. Bei diesem Tempo müsste sich das letzte betroffene Opfer der Bespitzelung noch 400 Jahre mit der Akteneinsicht gedulden.

Eigene Scanstrecke wird gebaut

Stasi-UnterlagenBild: dpa

Um die Rekonstruktion der Unterlagen zu beschleunigen, hat jetzt das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstuktionstechnik (IPK) und die Lufthanse Systems Group (LHS) ein computergestütztes Verfahren entwickelt, das das Schnipselzusammensetzen automatisiert. Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Schnipsel in eine elektronische Form gebracht werden. Den dafür erforderlichen Scan-Prozess übernimmt Lufthansa Systems.

Warum das Scannen keine leichte Aufgabe ist, erklärt Geschäftsführer Gunter Küchler: "Im Unterschied zu herkömmlichen Papieren sind die Stasischnipsel sehr klein und haben keine rechtwinkligen Kanten. Deshalb müssen sie zunächst einzeln in Folien eingeschweißt werden, um sie dann dem automatischen Scanvorgang zuzuführen." Der Prozess wird von den Vor- und Rückseiten der schätzungsweise 600 Millionen Papierfetzen rund 1,2 Milliarden Farbbilder liefern, die dann auf 38.000 DVDs gespeichert werden. Rund hundert zusammengeschaltete Hochleistungs-PCs sollen die Aufgabe bewältigen.

Schnipsel für Schnipsel entsteht Seite für Seite

Eingescannte Stasi-UnterlagenBild: dpa

Digitale Schnipsel zu haben, ist schön und gut. Nur müssen die vielen Einzelteile auch zu ganzen Seiten zusammengefügt werden. Hierfür wurde vom IPK eine spezielle Erkennungssoftware entwickelt. Diese arbeitet in zwei Schritten. Zuerst sortiert das System ähnliche Ausschnitte zusammen. Dafür werden die Form der Schnipsel, ihre Farbe, Textur, Linierung, Schriftbild und die Schriftart des Papiers analysiert, und somit der Suchraum nach passenden Teilen eingeschränkt.

Nach dieser Vorsortierung folgt das Zusammensetzen der Seiten. Anhand der gewonnenen Informationen werden mögliche Nachbarschnipsel ausgewählt. Wie bei einem gigantischen Puzzle werden die Konturen und Schnipselmerkmale bewertet. Wenn alle Parameter übereinstimmen, ist das nächste Teil des Puzzles gefunden. Schnipsel für Schnipsel entstehen so wieder Seite für Seite der vernichteten Akten.

Zur Zeit liegt erst eine Machbarkeitsstudie vor. Ob die Arbeit mit dem technologischen Verfahren aufgenommen wird, muss der Bundestag entscheiden. Dann wäre das Stasi-Puzzle in fünf Jahren bewältigt.

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