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"Das Kaspische Erdöl riecht nach Pulver"

12. April 2002

– Kaspi-Staaten verstärken ihre Militärpräsenz im und um das Kaspische Meer

Moskau, 11.4.2002, NESAWISSIMAJA GASETA, russ., Wladimir Georgijew

Mit Beginn des Frühlings werden die Leidenschaften um die Erdölvorkommen im Kaspischen Meer wieder stärker. Trotz der wohlwollenden Tonart zeugen die in den letzten zwei Wochen stattgefundenen Kontakte der russischen Führung mit ihren ausländischen Kaspi-Partnern einerseits vom Streben der Staaten nach einer Einigung und andererseits von der Vorsicht und dem Wunsch, über Probleme der Aufteilung der Vorkommen nicht vom Standpunkt der Gewalt zu sprechen.

Eben darum ging es während des Besuches des kasachischen Außenministers Kassymschomart Tokajew in Moskau. Auf die umstrittenen nördlichen Erdölvorkommen eingehend, gab Tokajew in seiner Erklärung vor Journalisten zu verstehen, dass er mit der Position Russlands nicht einverstanden ist, das angeblich der Ansicht ist, dass eine Grenzfestlegung im Kaspischen Meer "noch verfrüht" sei. Nach Meinung des Vizepremiers der Regierung der Russischen Föderation, Wiktor Christenko, werden die Seiten jedoch Mitte Mai Dokumente über die Jurisdiktion der umstrittenen Erdölvorkommen unterzeichnen. (Es geht um die größten Vorkommen wie Kurmangasy, Chwalynskoje und Zentralnoje mit einem Gesamtvorrat von etwa 600 Millionen Tonnen). Man kann nur hoffen, dass dies der Fall sein wird, obwohl die Geschichte der Aufteilung dieser Vorkommen seit fast fünf Jahren andauert.

Die Seiten waren bereits im Jahr 1998 übereingekommen, dieses Dokument zu unterzeichnen, treten jedoch weiterhin auf der Stelle. Bemerkenswert daran ist der Umstand, dass die nördlichen Vorkommen unter der Kontrolle der Küsten-Grenzwache Russlands sowie der Schiffe der Kaspi-Flotte stehen, worüber sich Nursultan Nasarbajew mehrmals verärgert zeigte. Aber gerade der russische militärische Schutz der umstrittenen Erdölvorkommen hat es ermöglicht, ein Ausschreiben durchzuführen und mit der Erschließung einiger Vorkommen zu beginnen.

Sowohl Kasachstan als auch Russland stärken ihre Militärverbände im und um das Kaspische Meer. Russland hat die Einheiten der Kaspi-Flotte in den letzten fünf Jahren mit neue Schiffen, Amphibienflugzeugen, Patrouille-Hubschraubern ausgestattet, die Brigade der Seeboote aufgefüllt, einen Militärflughafen in Kaspijsk fertiggestellt und dort eine Brigade der Marineinfanterie stationiert.

Auch Kasachstan bleibt nicht zurück. Astana spricht zwar von der Grenzfestlegung im Kaspischen Meer, verstärkt jedoch gleichzeitig seine Präsenz in der nördlichen Zone des Meeres. Kasachstan verfügt offiziell über keine Kriegsmarine, die Einheiten der Küstenwache unterstehen jedoch dem staatlichen Grenzschutz.

Die Militärverbände der Streitkräfte der Republik Kasachstan bestehen aus 3000 Militärangehörigen und sind mit zehn Küsten-Wachbooten und drei Hubschraubern ausgestattet. In der Stadt Aktau ist eine Marinehochschule des Verteidigungsministeriums der Republik Kasachstan eröffnet worden. Somit bestätigen sich die Meldungen, wonach die Streitkräfte Kasachstans in den nächsten Jahren auch über Seestreitkräfte verfügen werden.

Natürlich bedroht die kasachische Kriegsmarine Russland nicht. Die Tatsache, dass diese im Aufbau begriffen ist, ist aber ein Merkmal für die große Bedeutung der Erdölvorkommen, die erschlossen werden. Diese Vorkommen müssen beschützt werden, und außerdem sucht Kasachstan nach alternativen Wegen für den Transport seines Erdöls. Die Tankschiffe zu den Häfen Irans oder Aserbaidschans müssen von militärischen Konvois begleitet werden.

Militärische und wirtschaftliche Widersprüche gibt es nicht nur zwischen Russland und Kasachstan. Auch zwischen dem Iran und Aserbaidschan gibt es Streitfragen bezüglich der Erdölvorkommen im Kaspischen Meer. Teheran erhebt Anspruch auf die 50 bis 80 Kilometer im Norden der Linie Astara-Gasankuli (die früher die Meeresgrenze zwischen der UdSSR und dem Iran bildete) liegenden Erdölvorkommen Aras, Alow, Scharg. Im Sommer 2001 war es in dieser Gegend bereits zu einem bewaffneten Konflikt gekommen. Iran besteht weiterhin auf der Aufteilung des Kaspischen Meeres in gleiche Teile – je 20 Prozent für jeden der Kaspi-Staaten. Eben dieses Aufteilungsprinzip gibt, nach Ansicht von Teheran, ihm das Recht, auf die umstrittenen Vorkommen Anspruch zu erheben.

Teheran verfügt über Mittel, mit denen es Druck auf die Nachbarn am Kaspischen Meer ausüben kann. Nach Russland verfügt der Iran jetzt hier über die kampffähigste Kriegsmarine. (...)

Auch Aserbaidschan verstärkt seine Streitkräfte. Bis 1992 lag in Baku das Hauptquartier der Kaspischen Flotte der UdSSR. Infolge ihrer Aufteilung bekam Aserbaidschan etwa 25 Prozent der Überwasserboote und einen großen Teil der Infrastruktur. Die USA und Großbritannien, deren Monopolgesellschaften derzeit mit der Erschließung von Erdölvorkommen im Kaspischen Meer beschäftigt sind, wollen (unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Terrorismus), Baku beim Militäraufbau unterstützen.

Voraussetzungen für die Stärkung seiner Militärgruppierungen im Kaspischen Meer hat sogar das neutrale Turkmenistan. Aschgabad ist der Ansicht, dass Aserbaidschan die Vorkommen Osman, Chasar und Altyn Assyr (aserbaidschanische Bezeichnung: Tschigar, Aseri und Scharg) mit Hilfe des internationalen Konsortiums (wichtigste Vertreter die USA und Großbritannien) in Besitz genommen hat. Die zahlreichen Verhandlungen zwischen Turkmenistan und Aserbaidschan über diese Frage sind nicht von Erfolg gekrönt worden. Aschgabad ergreift aktive Maßnahmen, die gegen die Linie von Baku zur Erschließung umstrittener Vorkommen gerichtet sind. Auf Initiative von Saparmurad Nijasow soll Ende April in Aschgabad eine Konferenz der Kaspi-Staaten stattfinden, bei der der Status des Kaspischen Meeres festgelegt und Fragen der Zugehörigkeit dessen Erdölvorkommen erörtert werden sollen.

Turkmenistan, dass offiziell auf eine eigene Kriegsmarine verzichtet hat, hat kürzlich 20 Schnellboote bei der Ukraine erworben. Die Hälfte dieser Schiffe ist mit großkalibrigen Maschinengewehren ausgestattet. Außerdem ist nach dem Zerfall der UdSSR in Turkmenistan der größte Luftwaffenverband Zentralasiens zurückgeblieben.

Auf diese Weise schafft die Militarisierung des Kaspischen Meeres sowie die Unklarheit, was dessen Status angeht, Voraussetzungen für Konflikte, darunter auch bewaffnete, deren Ausmaße vorläufig schwierig vorhergesagt werden können. Offensichtlich ist eines – es muss möglichst schnell ein Mechanismus zur Gewährleistung der Sicherheit der Kaspi-Region gefunden werden. (lr)

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