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Politik

Das Missbrauchs-Netzwerk von Bergisch Gladbach

Peter Hille | Mark Hallam
1. Juli 2020

Es könnte der bisher größte Fall sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Deutschland sein: Bis zu 30.000 Täterspuren gibt es im Zusammenhang mit dem Netzwerk von Bergisch Gladbach. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Symbolbild - Kindesmissbrauch
Bild: Imago Images/Imagebroker

Wie groß ist das Täter-Netzwerk von Bergisch Gladbach?

Was zunächst nach einem lokalen Fall im Westen Deutschlands aussah, hat sich mittlerweile zu einem riesigen Komplex sexualisierter Gewalt gegen Kinder ausgeweitet. Im Oktober 2019 hatten die Ermittlungen gegen einen 43-Jährigen aus Bergisch Gladbach begonnen. Er soll seine Tochter, ein Kleinkind, sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Der Mann teilte die Videos im Internet. Nun ist klar: Es gibt insgesamt 30.000 Täterspuren, also etwa IP-Adressen, die am Netzwerk beteiligt waren.

"Als ich diese Zahlen gehört habe, war ich tief erschüttert", sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, im DW-Gespräch. Und das, obwohl er sich "tagtäglich mit diesem dunklen, scheußlichen Kapitel in unserer Gesellschaft befassen muss, mit sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche". Noch ist unklar, wie viele Täter insgesamt hinter den 30.000 Spuren stecken. Manche könnten mehrere IP-Adressen benutzt haben. Doch die Zahl der Spuren und der Tatverdächtigen könnte auch noch weiter steigen.

Wie gehen die Ermittler gegen dieses Netzwerk vor?

Man habe sich das Ziel gesetzt, die Täter und Unterstützer von Kindesmissbrauch aus der Anonymität des Internets herauszuzerren, sagt Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Montag in Düsseldorf. Dazu ermittelt die zuständige Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC). Bei ihr richtet das Land ab 1. Juli eine neue Taskforce ein, um an den Gewalthandlungen beteiligte Straftäter zu verfolgen. Im Fall Bergisch Gladbach sind derzeit 72 Tatverdächtige identifiziert, zehn davon sitzen in Untersuchungshaft. Gegen acht von ihnen wurde Anklage erhoben.

Johannes-Wilhelm Rörig ist Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen KindesmissbrauchsBild: picture-alliance/dpa/Reuters/F. Bensch

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig fordert mehr Personal und bessere Technik für den Kampf gegen die Täter in ganz Deutschland. Nordrhein-Westfalen habe es vorgemacht: "Da wurde Personal verstärkt für die Ermittlung gegen Missbrauchstäter im Netz. Die Technik wurde modernisiert, es wird Künstliche Intelligenz eingesetzt, es ist ein digitales Fahndungsbüro eingerichtet worden, und es ist auch eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft eingerichtet worden."

Gibt es anderswo ähnliche Fälle?

Bergisch Gladbach könnte in seinen Dimensionen alle bisherigen Fälle in Deutschland übersteigen. Doch es ist kein Einzelfall, sagt Rörig. "Denken Sie nur an die monströsen Fälle von Staufen, von Lügde und Münster. Ich möchte auch in Erinnerung rufen, dass das Phänomen nicht neu ist." Rörig nennt etwa das Netzwerk "Elysium", das Täter in Deutschland betrieben haben. Die Internetplattform im Darknet wurde 2017 ausgehoben. 110.000 Nutzerkonten weltweit waren in dem Tauschring registriert. Getauscht haben die Beteiligten sogenannte Kinderpornografie - korrekter wäre der Begriff Kinderfolterabbildungen.

Hat sexualisierte Gewalt gegen Kinder in Deutschland zugenommen?

In Deutschland steigt die Zahl amtlich erfasster Fälle von sexueller Gewalt sowie kinderpornografischer Delikte seit Jahren an. Im Jahr 2019 wurde fast 16.000 Mal wegen sexueller Gewalt an Kindern ermittelt. Die Polizei in Deutschland war im vergangenen Jahr außerdem in mehr als 12.000 Fällen wegen kinderpornografischer Delikte im Einsatz, im Vergleich zu 2016 ist das mehr als eine Verdopplung.

Angeklagt: einer der mutmaßlichen Täter im Fall Bergisch Gladbach vor GerichtBild: picture-alliance/dpa/R. Weihrauch

Die Zahl der ermittelten Fälle müsse jedoch nicht auf einen realen Anstieg der Übergriffe hindeuten, sagt der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg im DW-Gespräch. "Was wir gerade erleben, ist einfach nur ein klassisches kriminologisches Phänomen", so Rüdiger. Wenn man das Dunkelfeld aufhelle, also intensiver ermittele, dann würden einfach mehr Delikte bekannt. Experten rechnen damit, dass bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder nur einer von 15 bis 20 Fällen entdeckt wird.

Was kann für die Opfer getan werden?

Im Fall Bergisch Gladbach gehen die Ermittler von mehr als 30 Opfern aus. Für sie ist psychologische Betreuung oft lebenswichtig. In Deutschland kann man sich etwa an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden, um anonym Hilfe und Beratung für von sexueller Gewalt Betroffene sowie für Angehörige und andere ihnen nahestehende Personen zu erhalten. Ähnliche Angebote gibt es auch in anderen Ländern.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig fordert, dass Schulen und Kitas vermehrt als Schutzorte dienen sollen, in denen sich Kinder Erwachsenen anvertrauen können. "Mädchen und Jungen sprechen über die ihnen angetane Gewalt nur dann, wenn sie ein vertrauensvolles Umfeld haben, eine vertrauensvolle Situation. Und die kann in Schulen und Kitas, aber natürlich auch in Sportvereinen geschaffen werden." Rörig sieht den Schutz und die Hilfe für Mädchen und Jungen als nationale Daueraufgabe, "um endlich von diesen hohen, unmöglich hohen Fallzahlen herunterzukommen."

Was wissen wir über Täter?

Täter (und in selteneren Fällen Täterinnen) im strafrechtlichen Sinne sind in Deutschland nicht nur diejenigen, die selbst Gewalt gegen Kinder verüben oder diese aufzeichnen, sondern auch Personen, die entsprechendes Material online ansehen oder weitergeben sowie diejenigen, die im Netz nach Kinderfolterabbildungen suchen. Auch sogenannte Posing-Fotos von Kindern, die in bestimmten Ländern toleriert werden, gelten in Deutschland als Kindesmissbrauch.

"Es gibt unterschiedlichste Tätertypen, da kann man nicht verallgemeinern", sagt Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger. Häufig seien es jedoch Männer, die entweder berufliche oder persönliche Bindungen zu Kindern haben. Es gebe auch Personen im Ausland, die Profit schlagen wollen aus der Gewalt gegen Kinder, die sie auf Geheiß von Deutschen begehen, die online zuschauten. Frauen, sagt er, "tauchen sehr selten auf" - und dann meist mit dem Ziel, Geld zu verdienen und typischerweise "in Kooperation mit Männern". Sie sind bei bestimmten Sexualdelikten häufiger aktiv, etwa beim Vorbereiten von Übergriffen, dem sogenannten Cybergrooming. Hier sei derzeit jeder zehnte Verdächtige weiblich. 

Eine weitere Gruppe sind Minderjährige. "Deutschland hat ein massives Problem mit minderjährigen Tatverdächtigen", so Rüdiger. "In den Schulchats wird viel Kinderpornografie gepostet, um zu schocken. Und da können sich alle strafbar machen, die im Chat sind." Ein großer Teil der steigenden Verbreitung solch gewalttätiger Abbildungen sei auch auf diese Minderjährige zurückzuführen.

Welche Rolle spielt das Internet?

Rüdiger glaubt nicht, dass die jüngsten großen Fälle in Deutschland auf ein nationales Problem oder einen aktuellen Trend hindeuten. Das Problem im Netz sei ein weltweites. "Wir haben einfach einen globalen Raum ohne physische Grenzen, in dem sich Täter auf der ganzen Welt miteinander vernetzen, austauschen und in Interaktion treten, wobei sie nicht einmal mehr Fremdsprachen beherrschen müssen, weil sie Übersetzungssoftware nutzen." Es sei ein Grundsatzproblem, "dass wir mit nationalstaatlichen Mechanismen versuchen, dagegen vorzugehen, anstatt dass wir eine ernsthafte Diskussion führen, ob wir nicht einen globalen Kampf dagegen brauchen." Rüdiger könnte sich etwa ein globales digitales Strafrecht gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder vorstellen.

Der Kriminologe denkt, dass diese Gewalt Teil eines umfassenderen Phänomens ist, das er die Broken-Web-Theorie nennt - eine Anspielung auf die berühmte Broken-Windows-Theorie. "Im Netz sind Normüberschreitungen, auch die sexuellen Übergriffe, sehr sichtbar", so Rüdiger. "Denken Sie an das Thema 'Dick Picks' bei Instagram. Und diese Sichtbarkeit zeigt allen Menschen, dass offenbar die Regeln und das Risiko einer Strafverfolgung im Netz so gering ist, dass man fast kein Risiko eingeht." Das senke die Hemmschwelle und sorge dafür, dass Täter im Netz aggressiver und offener vorgingen.

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