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PolitikNahost

Das Schicksal der Kurden: Zwischen Hoffnung und Verrat

22. Januar 2026

Vom Friedensprozess in der Türkei bis zum Überlebenskampf in Syrien: Ein Blick auf die Geschichte, Religion und die aktuellen geopolitischen Konflikte des kurdischen Volkes in einer instabilen Region.

Auch in der Türkei fanden Solidaritätskundgebungen für die Kurden in Syrien statt. Das Foto aus der Kurdenmetropole Diyarbakir zeigt Frauen an der Spitze der Demonstration mit einem Transparent und der Aufschrift: Stoppt die Angriffe
Auch in der Türkei fanden Solidaritätskundgebungen für die Kurden in Syrien stattBild: Ilyas Akengin/AFP

Im Norden Syriens hat sich die Lage nach der Verkündung der viertägigen Waffenruhe am Dienstagabend etwas entspannt. Zuvor lieferten sich Truppen der Übergangsregierung und die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) wochenlang heftige Gefechte. Die SDF-Kämpfer, die als engste Verbündete der internationalen Anti-IS-Koalition in Syrien fungierten und über Jahre hinweg strategisch wichtige Regionen unter ihre Kontrolle brachten, wurden dabei massiv zurückgedrängt.

Die Regierung in Damaskus wirft der SDF vor, die Vereinbarungen vom 10. März 2025 vorsätzlich zu missachten. Diese sahen vor, dass alle kurdischen zivilen und militärischen Institutionen bis Ende 2025 vollständig in die syrische Zentralverwaltung und die nationale Armee integriert werden sollten - ein Vorhaben, das jedoch nie umgesetzt wurde. Die kurdische Führung beschuldigt Damaskus im Gegenzug, die Rechte ethnischer und religiöser Minderheiten bei der politischen Neugestaltung des Landes völlig zu ignorieren. Sie fordern stattdessen eine verfassungsrechtlich verankerte Autonomie, die Anerkennung ihrer kulturellen und politischen Identität sowie echte Mitbestimmung.

Kurden rufen seit Tagen ihre Volksgenossen in der gesamten Region zum Widerstand auf. Inmitten dieser geopolitischen Verschiebungen fühlen sich die Kurden von ihren internationalen Partnern einmal mehr verraten. Die aktuellen Entwicklungen rücken eine jahrhundertealte Problematik wieder ins Zentrum der Weltöffentlichkeit: das Schicksal der Kurden - ein Volk von über 30 Millionen Menschen, das in einer der instabilsten Regionen der Erde weiterhin ohne eigenen Staat lebt.

Historischer Moment ohne Bestand: Ahmad al-Schaara, Präsident der syrischen Übergangsregierung, und Mazloum Abdi, Kommandeur der kurdisch geführten SDG, am 10. März 2025 nach der Unterzeichnung einer Vereinbarung, die später scheitern sollteBild: SANA/AP Photo/picture alliance

Ein Volk ohne Staat

Weltweit leben Schätzungen zufolge zwischen 30 und 35 Millionen Kurden. Eine exakte statistische Erfassung bleibt schwierig, da die Länder, in denen sie beheimatet sind, sie oft nicht als eigenständige ethnische Gruppe anerkennen und somit keine entsprechenden Daten erheben. In den verschiedenen Teilen der kurdischen Gebiete werden zudem unterschiedliche Dialekte gesprochen. Auch ihre religiöse Landkarte ist vielfältig: Während die Mehrheit dem sunnitischen Islam angehört, gibt es bedeutende Gemeinschaften von Aleviten, Jesiden, Schiiten, Christen und anderen Glaubensgruppen.

Historisch betrachtet war das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris in Mesopotamien ihre ursprüngliche Heimat. Ihr Schicksal wurde nach dem Untergang des Osmanischen Reiches und dem Ersten Weltkrieg maßgeblich von Frankreich und Großbritannien besiegelt. Im Vertrag von Lausanne im Jahr 1923 wurde das Siedlungsgebiet in vier Teile zerrissen: auf die heutige Türkei, den Irak, Syrien und den Iran. Damit wurde der Traum von einem unabhängigen Kurdistan, wie er im vorangegangenen Vertrag von Sèvres noch versprochen worden war, endgültig zunichtegemacht. Außerhalb ihrer Heimatregionen lebt heute die größte Community in Europa, allen voran in Deutschland.

Flucht aus der Gefangenschaft in al-Hasaka: Inmitten der Offensive gegen die kurdischen Gebiete sollen Berichten zufolge zahlreiche IS-Mitglieder entkommen seinBild: Bakr Al Kasem/Anadolu/picture alliance

Kurden in Syrien

Nach der Aufteilung ihrer Heimat durch die Siegermächte verblieben kurdische Stämme vor allem entlang der türkischen Grenze, bis die syrische Regierung in den 60er-Jahren mit einer systematischen Assimilierung und einer aggressiven Arabisierungskampagne begann. 

Eine Volkszählung 1962 führte dazu, dass rund 120.000 Kurden ihre syrische Staatsbürgerschaft verloren. Sie wurden zu Staatenlosen erklärt und somit ihres Rechts auf Besitz und Eigentum beraubt. Tausende wurden in die Wüste zwangsdeportiert, während arabische Stämme gezielt in ihren angestammten Heimatgebieten angesiedelt wurden. In den folgenden Jahrzehnten nahm die Unterdrückung weiter zu: Sprachen, Bücher und sogar kurdische Namen wurden streng verboten.

Heute leben circa 2,5 Millionen Kurden in Syrien und machen rund zehn Prozent der Bevölkerung aus. Während des Bürgerkriegs und des Aufstiegs des IS in den Jahren 2014 und 2015 wurden sie zu unverzichtbaren Partnern der Amerikaner im Kampf gegen den Terror und gründeten im Nordosten eine eigene Selbstverwaltung, die enge Verbindungen zur PKK unterhält.

Die Situation in der Türkei

In der Türkei, der Heimat von etwa 15 bis 18 Millionen Kurden, wurde diese Volksgruppe über Jahrzehnte nicht als eigenständige Minderheit anerkannt. Bis vor wenigen Jahren waren sogar der Gebrauch der Muttersprache und kurdische Vornamen untersagt. Seit 1984 führt die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) einen bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat - zunächst mit dem Ziel eines eigenen Staates, später für eine weitgehende Autonomie. Im Mai 2025 hatte die PKK - nach einem öffentlichen Aufruf ihres seit 1999 wegen Hochverrats inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan - ihre Auflösung offiziell bekannt gegeben. 

Zwar gab es damit einen neuen Anlauf für einen Friedensprozess, bei dem die PKK ihre grundsätzliche Bereitschaft zur Entwaffnung signalisierte, doch der Dialog stagniert derzeit massiv. Die kurdische Seite fordert die Freilassung inhaftierter Politiker, das Ende der Zwangsverwaltung in kurdischen Städten und eine Überprüfung der Haftbedingungen des PKK-Gründers Abdullah Öcalan, der sich seit 1999 in Haft befindet. 

Zudem belasten schwere Vorwürfe derzeit das Klima: Ankara soll dschihadistische Paramilitärs und Regierungstruppen aus Damaskus bei Offensiven gegen kurdische Gebiete in Syrien unterstützen, während im Inland offiziell über Frieden verhandelt wird.

Irak: Das Modell der Autonomie und seine Schattenseiten

Die Geschichte der etwa sieben bis acht Millionen Kurden im Irak ist von extremem Leid gezeichnet. Unter Saddam Hussein war die Bevölkerung genozidalen Vernichtungsmaßnahmen ausgesetzt. Ein trauriger Höhepunkt war der Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha am 16. März 1988, bei dem mindestens 5000 Zivilisten starben. Nach dem zweiten Golfkrieg errichtete die US-geführte Koalition eine Flugverbotszone, was die Kurden von Bagdad abschnitt und den Aufbau einer eigenen Selbstverwaltung ermöglichte.

Seit 2005 ist die Autonome Region Kurdistan verfassungsrechtlich verankert. Die Politik wird hauptsächlich von den Stämmen Barzani und Talabani sowie ihren Parteien KDP und PUK dominiert. Trotz relativer Stabilität bleibt die Region verwundbar: 2014 konnten die kurdischen Peschmerga-Kräfte, die für die Sicherheit im kurdischen Gebiet verantwortlich sind, dem IS-Vormarsch nicht standhalten, was zu grausamen Morden und Versklavungen von Jesiden führte.

Iran - Symbol für Trauma und Träume

Im Iran leben schätzungsweise acht bis zehn Millionen Kurden. Das Regime betrachtet sie als Bedrohung für die nationale Einheit, da sich die Kurden kurz nach der Islamischen Revolution schon damals klar gegen das Mullah-Regime positionierten. Für wie gefährlich Teheran die Kurden hält, zeigen auch politische Verfolgungen im Ausland: 1989 wurde der Parteivorsitzende der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran, Abdul Rahman Ghassemlou, gemeinsam mit zwei kurdischen Funktionären in Wien ermordet - drei Jahre später folgten weitere Morde an kurdischen Exilpolitikern in Berlin.

Vor diesem Hintergrund flammen Proteste gegen das Regime in den kurdischen Gebieten besonders schnell auf, worauf Teheran mit äußerster Härte antwortet. Tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist der Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 durch die Sittenpolizei.

Beobachtern zufolge hat all dies dazu geführt, dass die Kurden in den vergangenen Jahren ein neues, kraftvolles Selbstbewusstsein entwickelt haben. Historisch spielt der Iran eine Schlüsselrolle: Die 1946 mit sowjetischer Hilfe gegründete kurdische Republik Mahabad, die nur elf Monate andauerte, inspiriert bis heute das Streben nach Unabhängigkeit.

Elmas Topcu Reporterin und Redakteurin mit Blick auf die Türkei und deutsch-türkische Beziehungen@topcuelmas
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