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Idol der Sozialisten: 200 Jahre Friedrich Engels

27. November 2020

Vom Fabrikantensohn zum Revolutionär: Friedrich Engels ist der Säulenheilige einer sozialistischen Utopie. Vor 200 Jahren kam er in Wuppertal zur Welt.

Der junge Friedrich Engels blickt in die Kamera
Philosoph, Gesellschaftstheoretiker und Revolutionär: Friedrich Engels, hier Ende 30 Bild: Historisches Zentrum Wuppertal

Es ist eine Welt im Aufbruch, in die Friedrich Engels 1820 geboren wird. Von England aus verbreitet sich die Industrielle Revolution wie ein Lauffeuer, Arbeiterheere entstehen. Auch in Engels Geburtsstadt Wuppertal, südlich des Ruhrgebiets im Westen Deutschlands, rauchen die Fabrikschlote. Friedrichs Vater betreibt hier eine Textilfabrik. Vom Industriellensohn, der lernt und genau begreift, wie der Kapitalismus funktioniert, wird Engels - neben Karl Marx - zu dessen berühmtesten Kritiker. 

Ein Widerspruch? Jedenfalls eine überraschende Wendung, die noch heute fasziniert: ″Für mich ist Engels bipolar", sagt etwa Eckehard Lowisch. Der Wuppertaler Bildhauer hat zur 200-Jahr-Feier des Philosophen, Gesellschaftstheoretikers und Revolutionärs eine Engels-Skulptur entworfen. ″Ein Mann, der sich morgens Shrimps und Schampus gönnt und abends mit seiner Freundin durch die armen Arbeiterviertel von Manchester streift", so Lowisch, "der war beides: Kapitalist und Revolution, auf jeden Fall aber hatte er ein großes Gerechtigkeitsempfinden."

Früher Kampf mit dem Vater

Engels-Skulptur aus geschichtetem Marmor von Bildhauer LowischBild: privat

Als ältestes von neun Kindern ist Friedrich Engels der Hoffnungsträger seines Vaters. Der nimmt den Junior kurz vor dem Abitur aus dem Gymnasium, damit er eine Kaufmannslehre antritt. Vater und Sohn geraten häufig aneinander: Der Widerspruch zwischen pietistischer Frömmigkeit und kapitalistischem Gebaren stößt dem jungen Engels auf. Unter dem Pseudonym Friedrich Oswald veröffentlicht er mit den "Briefen aus dem Wupperthal" erste sozialkritische Schriften: "Es herrscht ein schreckliches Elend unter den niedern Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wuppertal", formuliert der 19-jährige Engels so wortgewandt wie drastisch, "in Elberfeld allein werden von 2500 schulpflichtigen Kindern 1200 dem Unterricht entzogen und wachsen in den Fabriken auf, bloß damit der Fabrikherr nicht einem Erwachsenen, dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des Lohnes zu geben nötig hat, das er einem Kinde gibt."

Was treibt den jungen Friedrich an? Nach der Ausbildung absolviert er 1841 freiwillig den Militärdienst bei der königlich-preußischen Garde-Artillerie in Berlin. Als Gasthörer besucht er Universitätsvorlesungen in Philosophie, orientalischen Sprachen und Finanzwesen. Er verkehrt in linken Intellektuellen-Kreisen. 1842 schließlich trifft Engels in Köln zum ersten Mal auf Karl Marx, damals noch Chefredakteur der "Rheinischen Zeitung".

Freundschaft mit Karl Marx

Engels Vater beordert Friedrich in seine Baumwollspinnerei nach Manchester. Hier lernt er die junge Irin Mary Burns kennen. Mit seiner späteren Lebensgefährtin durchstreift er Manchesters Arbeiterviertel. Er macht Bekanntschaft mit den unmenschlichen Wohn- und Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter und bringt seine Eindrücke in der Sozialstudie ″Die Lage der arbeitenden Klasse in England" zu Papier: "In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt", heißt es darin, "die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht."

Industrielle Revolution zu Engels Lebzeiten: In London ist eine Fabrik im BauBild: Hulton Archive/Getty Images

Immer enger wird nun die Zusammenarbeit mit Marx, der inzwischen nach Paris emigriert ist. Engels wird Autor der "Deutsch-Französischen Jahrbücher" von Karl Marx und Arnold Ruge. Als 1845 in Elberfeld erste kommunistische Versammlungen stattfinden, tritt Engels als Vortragsredner auf. Dann zieht er mit Marx nach Brüssel. Gemeinsam bereisen sie London und Manchester. In London treten sie 1847 dem "Bund der Gerechten" bei, dem späteren "Bund der Kommunisten".  Für diese Vereinigung schreiben sie ein Jahr später das "Kommunistische Manifest".

"Ohne Friedrich Engels", sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe von der Universität Frankfurt am Main, "wären viele Schriften von Karl Marx nie erschienen." Erst durch Engels' Zutun seien sie zu politischen Statements geworden. Und ohne sein Geld wäre Marx wohl verhungert: "Das Kommunistische Manifest ist eine Gemeinschaftsarbeit, die zum größeren Teil von Karl Marx geschrieben worden ist, aber von Engels stammt vor allen Dingen das Drängende, das man bis heute an seinen Schriften ja erkennen kann. Also diese Bereitschaft, sich zur politischen klaren Aussage durchzuringen, und diese dann zu sagen und auch mit Nachdruck zu vertreten, das zieht sich ja durch das Kommunistische Manifest durch", so Plumpe im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Friedrich Engels (l.) mit seinem Freund Karl Marx und dessen Töchtern, wahrscheinlich in den 1860er-JahrenBild: Historisches Zentrum Wuppertal

Als im Frühjahr 1849 Arbeiter in Barmen und Elberfeld auf die Barrikaden gehen, ist Engels dabei, später auch beim Badischen Aufstand. Nach der Niederlage flieht er in die Schweiz und weiter nach England, wo er sich ab 1850 als Prokurist, später als Teilhaber im väterlichen Betrieb betätigt.

Engels-Jahr in Wuppertal

Seinem Freund Marx greift Engels finanziell unter die Arme, mehr noch bei dessen Publikationen. Vielfach sind die Federn beider Autoren kaum zu unterscheiden: Die Bände Zwei und Drei von Marx' Hauptwerk "Das Kapital" etwa hat Engels aus Notizen posthum editiert. 1869 siedelt Engels, nachdem er seine Firmenanteile hat verkaufen können, zu Marx nach London über. Nach Marx' Tod 1883 wird er zur Leitfigur des internationalen Sozialismus, besonders der Deutschen Sozialdemokratie. In China wird Friedrich Engels verehrt.

Blick in das Musikzimmer im renovierten Engels-Haus in WuppertalBild: Gerd Neumann/ Stadt Wuppertal

Als vielschichtige Figur taucht Engels nun in Wuppertal wieder auf: ″Durch die Digitalisierung stehen wir heute vor gigantischen Umwälzungen, die auch die Kunst verändern", sagt der Bildhauer Eckehard Lowisch. Seine Engels-Skulptur, die er am Computer entwarf und für die er 64 Marmorscheiben aus einem Block herausfräsen ließ, stapelte er zu einer mannshohen Plastik auf.

Engels Geburtsstadt hat derweil ein "Engels-Jahr" ausgerufen und setzt so ihrem weltbekannten Sohn ein lebendiges Denkmal - mit Bürgerfest, Konzerten, Ausstellungen, Rundgängen und Diskussionen. Wegen der Corona-Pandemie mussten die Geburtstagsfeierlichkeiten abgesagt werden, darunter auch die Wiedereröffnung des historischen Engels-Hauses, eines von früheren fünf Wohnhäusern der Familie. Nun finden viele Veranstaltungen online statt, damit der November, so die Veranstalter, "zwar kontakt-, aber nicht Engels-frei" ist.

Kunstaktion: Engels-Skulptur soll verhüllt werden

Zu Friedrich Engels' 200. Geburtstag ist noch eine weitere, besondere Kunstaktion geplant: Die fast vier Meter hohe Engels-Skulptur in Wuppertal-Barmen soll verhüllt werden, "aus Solidarität mit den Demonstranten in Hongkong, den unterdrückten Minderheiten wie den Uiguren, aber auch für die friedlichen Protestler in Belarus". Dazu werden Künstler Fotos von Hongkonger Demonstranten und des inhaftierten Andy Li sowie des verstorbenen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo gezeigt und dessen Gedichte rezitiert. 

Die Veranstalter der Kunstaktion sind die Else Lasker-Schüler- und die Armin T. Wegner-Gesellschaft in Wuppertal. Die Engels-Skulptur war 2014 ein Geschenk der Volksrepublik China an die Geburtsstadt von Engels. In einer Presseerklärung der beiden Literaturgesellschaften heißt es, Engels stünde heute an der Seite der Protestierenden - sowohl in Hongkong als auch in Belarus.
 

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