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DDR-Diktatur: Die Opfer leiden noch immer

8. Juli 2026

Stasi, Zwangsdoping, Berufsverbote - das kommunistische Regime in der DDR hat viele Lebenswege zerstört. Betroffene können eine Opferrente beantragen. Für besondere Fälle gibt es den Härtefallfonds. Hat er sich bewährt?

Das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen hat etwa drei Meter hohe Mauern, die oben zusätzlich mit Stacheldraht gesichert sind. An einer rechtwinkligen Ecke befindet sich ein Wachturm mit einem 360-Grad-Ausblick.
Das ehemalige Stasi-Gefängnis im Berliner Ortsteil Hohenschönhausen ist heute eine GedenkstätteBild: Jürgen Ritter/IMAGO

"Der Schatten der Diktatur ist lang", sagt die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Evelyn Zupke am Mittwoch an einem besonders symbolträchtigen Ort: im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in Berlin. Hier überreicht die heutige SED-Opferbeauftragte der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ihren Jahresbericht. SED ist die Abkürzung für die zu DDR-Zeiten allmächtige Sozialistische Einheitspartei Deutschlands.

Ein Ex-Häftling führt die Abgeordneten durch das frühere Gefängnis

Normalerweise finden solche Termine im Reichstag statt, dem Sitz des Parlaments. Doch statt des üblichen Protokolls gibt es dieses Mal eine Führung durch die Kellergewölbe des einstigen Gefängnisses der kommunistischen Geheimpolizei. Beim Rundgang werden sie von Mario Röllig begleitet, der 1987 nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR in Hohenschönhausen inhaftiert war.  

Der ehemalige Häftling Mario Röllig (l.) führt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner durch das frühere Stasi-GefängnisBild: Jens Kalaene/dpa/picture alliance

Klöckner und mit ihr das gesamte Bundestagspräsidium erfahren so aus erster Hand, was die hier eingesperrten Menschen erleiden mussten: physische und psychische Folter. Rund 10.000 waren es in Hohenschönhausen bis zum Fall der Berliner Mauer 1989 und damit dem Ende der Diktatur. Die von Fachleuten für die DDR insgesamt ermittelte Zahl von Häftlingen und Verurteilten schwankt zwischen 170.000 und 280.000 Opfern.   

Opferrente für 37.000 politisch Verfolgte der DDR 

"Wir vergessen die Menschen nicht, die hier und an anderen Orten der DDR die Willkür und die Gewaltherrschaft des SED-Staates durchleiden mussten", versichert Klöckner. Und die neben ihr stehende Opferbeauftragte ergänzt: "Viele Menschen leiden bis heute an gesundheitlichen Folgen von Haft und Repression - körperlich wie seelisch."

Blick in eine Zelle des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in HohenschönhausenBild: Jens Kalaene/dpa/picture alliance

Betroffene können die 2007 vom Bundestag beschlossene Opferrente beantragen, die seit diesem Jahr um denselben Prozentsatz erhöht wird wie die gesetzliche Altersrente. Aktuell profitieren davon fast 37.000 ehemals politisch Verfolgte; sie bekommen maximal 417 Euro pro Monat. Zupke freut sich aber auch über den 2025 eingerichteten Härtefallfonds für Menschen, die sich finanziell in besonders schweren Notlagen befinden.

SED-Opferbeauftragte: "Mich rühren diese einzelnen Schicksale"

Beispielhaft nennt sie einen Mann, der aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse während der Haft in einem DDR-Gefängnis die Enge in Bahnen und Bussen nicht ertragen kann. Ihm sei ein E-Bike bezahlt worden. "Jetzt ist er endlich wieder mobil und kann stärker am gesellschaftlichen Leben teilhaben", freut sich die SED-Opferbeauftragte.

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05:32

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Seit dem Start des Programms im November 2025 haben ihren Angaben zufolge schon mehr als 300 Menschen Geld aus dem Fonds erhalten. "Mich rühren diese einzelnen Schicksale - wenn ich sehe, wie schwer es viele haben. Wir dürfen nicht vergessen: Rund die Hälfte der Betroffenen von SED-Unrecht lebt heute an der Grenze zur Armutsgefährdung."

IKEA beteiligt sich finanziell am Härtefallfonds

Der Härtefallfonds speist sich aus staatlichem Mitteln und wird mit sechs Millionen Euro von IKEA unterstützt. Das schwedische Möbelhaus hat während der Diktatur einzelne Produkte in der DDR herstellen lassen - daran waren auch Häftlinge beteiligt. Zupke hofft, dass weitere Unternehmen dem Beispiel folgen.

Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke (r.) überreicht Parlamentspräsidentin Julia Klöckner ihren JahresberichtBild: Marcel Fürstenau/DW

"Ich möchte in Richtung all' der Firmen, die bisher zögern, ganz deutlich sagen: Es ist nie zu spät, den Schritt auf die Menschen zuzugehen, die in DDR-Gefängnissen für ihre Firma arbeiten mussten." Namentlich nennt die Opferbeauftragte den Hamburger Otto-Konzern, der über Jahrzehnte Foto-Kameras in der DDR produzieren ließ. Auch dabei kamen Häftlinge zwangsweise zum Einsatz.  

DDR-Dopingopfer gehen noch leer aus

Eine Opfer-Gruppe, die aus Zupke Sicht noch immer zu wenig unterstützt wird, sind ohne Wissen gedopte Sportlerinnen und Sportler. Mitte der 1970er Jahre hatte das SED-Regime ein flächendeckendes Programm zur unerlaubten Leistungssteigerung eingeführt. Bis zu 15.000 Betroffene sollen überwiegend mit anabolen Steroiden zwangsweise gedopt worden sein. Viele haben dadurch dauerhafte gesundheitliche Schäden erlitten.  

Staatlich angeordnetes Doping in der DDR führte bei tausenden Sportlerinnen und Sportlern zu bleibenden GesundheitsschädenBild: Patrick Seeger/dpa/picture alliance

Die Opferbeauftragte wirbt deshalb für ein Gesetz, das auch ihnen regelmäßige finanzielle Entschädigungen ermöglichen soll. Zupke verknüpft ihre Hoffnung mit der im September anstehenden Entscheidung über eine deutsche Bewerbung für Olympische Sommerspiele. Damit zeige man international, was Leistungssport in einem demokratischen Land bedeute. "Und dazu gehört ganz wesentlich, dass wir unsere Vergangenheit aufarbeiten und den Opfern von Leistungssport in der Diktatur helfen."

"Das ist eine Verhöhnung der ehemals Verfolgten"

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner betont am Ende ihres Besuchs, welchen Stellenwert sie dem früheren Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen als Gedenkort beimisst: "Wo Besucherinnen und Besucher heute Fragen stellen dürfen, wurden Menschen einst genau daran gehindert. Ihre Stimmen und Meinungen sollten mundtot gemacht werden."

Klöckner ärgert sich darüber, dass sie häufig im Internet lese, es gäbe heutzutage keine Meinungsfreiheit mehr und Deutschland sei einer Diktatur nah. "Das ist absurd, wenn man sich auch anschaut, was man in der DDR erlebt hat."

Zeitzeuge Mario Röllig sorgt sich genauso um eine Entwicklung, die er schon länger wahrnimmt: "Je weiter die DDR weg ist, desto positiver wird sie für manche", registriert der einstige Hohenschönhausen-Häftling.

Wenn die heutigen Zustände im vereinten Deutschland von manchen als "DDR 2.0" bezeichnet werden, schmerzt es Menschen wie Röllig. Die Relativierung des Unrechts mache ihm wie vielen anderen für die Zukunft der Gesellschaft große Angst: "Das ist eine Verhöhnung der ehemals Verfolgten."

Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
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