Decoding China: Mission "Ausgeglichener Handel"
2. Juli 2026
Täglich erreichen Europa 16 Millionen Kleinpakete aus China. Ihre Empfänger sind EU-Konsumenten, die für wenig Geld über die Online-Plattformen wie Temu, Shein oder Aliexpress bestellt haben. Diese Sendungen unter 150 Euro Warenwert waren bisher zollfrei. Für die Zollpolitik ist die EU zuständig.
Diese sogenannte De-minimis-Regelung habe dem Fiskus jährlich einen Schaden von mindesten 400 Millionen Euro zugefügt, rechnet der Handelsverband Deutschland (HDE) vor. Auch Arbeitsplätze würden bedroht, sagt HDE-Präsident Alexander von Preen. Sein Verband schätzt, dass durch diesen unfairen Wettbewerb über 40.000 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen würden, davon 28.300 allein im Einzelhandel.
"Temu und Shein halten sich oft nicht an die rechtlichen und regulatorischen Vorgaben, liefern unsichere Ware in unseren Markt, die mitunter gesundheitsgefährdend ist, und bringen viele heimische Händler an den Rand des Ruins", kritisiert von Preen.
Auch Polen beschwert sich über die Flut der Billigprodukte. Die bei Polen beliebte Online-Plattform Allegro sei inzwischen von den chinesischen Wettbewerbern überholt worden. "Zu den Bedenken zählen die Gefahr für polnische Unternehmen und Hersteller, ihre Arbeitsplätze zu verlieren und von chinesischen Unternehmen vom Markt verdrängt zu werden, sowie Probleme im Zusammenhang mit Produktsicherheit, Datenschutz und Verletzungen des geistigen Eigentums. Es wurde auch über die Möglichkeit diskutiert, dass chinesische Plattformen große Mengen an Daten über polnische Verbraucher sammeln könnten", sagt Justyna Szczudlik vom Polish Institute of International Affairs (PISM).
Zölle ab Juli für Kleinpakete aus Drittländern
Ab Juli müssen die chinesischen Exporteure EU-Zölle auf die privaten Sendungen zahlen: drei Euro pro Produktkategorie in einem Paket mit einem Wert von unter 150 Euro. Schon seit 2021 wird Mehrwertsteuer auf den deklarierten Warenwert erhoben. Das Geld fließt dann in den Haushalt des Landes, in dem das Paket zuerst den europäischen Binnenmarkt erreicht.
Im November 2026 wird dann noch die Höhe einer Bearbeitungsgebühr festgesetzt. 2028 sollen dann mit der Inbetriebnahme des "EU Customs Data Hub" die regulären Zollsätze gelten.
"Der Status quo ist keine Option", sagt EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič nach dem Gespräch mit dem chinesischen Handelsminister Wang Wentao diese Woche in Brüssel. "Wir wollen damit beginnen, die Handelsbeziehungen zwischen der EU und China ins Gleichgewicht zu bringen. Die Kluft wird immer größer. Chinas Exporte in die EU steigen weiter an, während unser Marktanteil in China immer weiter schrumpft. Dieser Trend ist nicht nachhaltig", so Šefčovič.
2025 exportierte die EU Waren im Wert von 199,6 Milliarden Euro nach China und importierte Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro. Das Handelsdefizit von 359,8 Milliarden Euro ist mehr als das Anderthalbfache des Bruttoinlandsprodukts des EU-Staates Slowakei, dem Heimatland von Kommissars Šefčovič. Allein im ersten Quartal 2026 haben die chinesischen Importe in die EU nochmals um vier Milliarden im Vergleich zum Vorjahresraum auf insgesamt 145 Milliarden Euro zugelegt.
China habe seit mehr als zehn Jahren davon gesprochen, ausgeglichene Handelsbeziehungen mit Europa anstreben zu wollen, sagt Rafael Jimenez Buendía. Der Spanier ist Forscher an der Berliner China-Denkfabrik MERICS und Autor für die Online-Newsletter SOAPBOX, die sich auf die EU-China-Handelsbeziehungen spezialisiert. "Man muss gar nicht über die innenpolitische Lage in China spekulieren. Ein Blick auf die von ihm selbst veröffentlichten Daten reicht. Sie sagen zwar immer dasselbe, während der Handel nach der Datenlage eindeutig aus dem Gleichgewicht gerät."
Nun einigten sich Minister Wang und Kommissar Šefčovič darauf, "unverzüglich einen gemeinsamen Mechanismus zur Überwachung der Handelsströme einzurichten, der dazu beitragen soll, das Handelsgleichgewicht herzustellen."
"Die Etablierung eines Mechanismus zur Überwachung des bilateralen Handels zeigt, dass ab sofort Beratungen bei Handelsstreitigkeiten auf einer strukturierten Plattform stattfinden", sagt Zhao Yongsheng, Professor an der University of international Business and Economics in Peking. "Die unmissverständliche Botschaft lautet, EU und China wollen durch Gespräche und Verhandlungen nach Einigungen suchen." Dies sei eine gute Grundlage für langfristiges und verlässliches Klima.
China kritisiert EU-Gesetzgebung
Lange war spekuliert worden, ob Chinas Handelsminister Wang wie geplant nach Brüssel reisen würde. Hätte es keine Möglichkeit für einen gemeinsamen Nenner gegeben, hätte der Spitzenhandelspolitiker aus China auf die Reise verzichtet. Wang kam jedoch mit dem gutem Willen, zusammen mit der EU nach Lösungen zu suchen und einen Handelskrieg zu vermeiden.
China bemängelt die jüngsten Vorhaben der Gesetzgebungen der EU-Kommission, die in Pekings Augen chinesische Interessen verletzen. Anfang März 2026 hat zum Beispiel die Kommission den Entwurf eines Industrial Accelerator Acts, kurz IAA, vorgestellt. Die neue Verordnung soll die europäische Industrie stärken. "Made in Europa" sollte zur Bedingung bei der Vergabe öffentlicher Förderung werden. Das Gesetz wird noch im Europaparlament und dem Europäischen Rat verhandelt.
Nach dem jetzigen Stand würden chinesische Unternehmen nach dem IAA in den meisten Fällen von öffentlichen Ausschreibungen in Europa ausgeschlossen. Bei Gemeinschaftsunternehmen in strategischen Bereichen wie Photovoltaik und E-Autos zum Beispiel dürfen Investoren aus Fernost nur maximal 49 Prozent der Anteile besitzen. Hierfür ist eine behördliche Genehmigung notwendig. Das erhöht deutlich die Kosten der chinesischen Investition. Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer übt deutliche Kritik am IAA: "Eine Buy-Europe-Politik könnte Handelspartner und Investoren aus Drittländern verprellen."
Ein weiteres EU-Gesetz, Cyber Security Act 2 vom Januar 2026, stößt auch in Peking auf Kritik. Dieses Gesetz soll nach der EU-Kommission "die Cybersicherheitskapazitäten und -resilienz verbessern". Faktisch werden chinesische Anbieter mit hohem Risiko ("High Risk Supplier") von den Geschäften in Bereichen wie Telekommunikation und Solarenergie ausgeschlossen. Hier sind ausgerechnet viele chinesische Firmen Weltmarktführer wie der Telekommunikationsausstatter Huawei und ZTE.
Entgegenkommen bei Seltenen Erden
Trotz unterschiedlicher Positionen haben sich China und EU bei den Seltenen Erden angenähert. Auf die Reaktion auf die Zollentscheidungen durch den US-Präsident Donald Trump hat China Exportkontrollen für Seltene Erden und Permanentmagnete eingeführt. Die USA hatten zuvor die Ausfuhren von Hochleistungschips an China gekappt, die zum Beispiel in der Künstlichen Intelligenz eingesetzt werden.
Europa wurde seitdem in Mitleidenschaft gezogen. China ist weltweit der größte Produzent der Seltenen Erden, die in der Industrie für die Herstellung von Halbleiter, Motoren oder Turbinen benötigt werden. Handelsminister Wang soll Brüssel zugesichert haben, dass die bestehenden Exportkontrollen die Lieferketten der EU nicht beeinträchtigen würden.
"Europäische und deutsche Unternehmen können Anträge auf den Export von Seltenen Erden beim chinesischen Handelsministerium stellen", sagte Chen Lingyan, Abteilungsleiterin der staatlichen Behörde für Import- und Exportkontrolle, die dem Handelsministerium unterstellt ist.
"Wir müssen uns zuerst ein Bild über den Antragsteller machen und uns versichern lassen, dass die exportierten Rohmaterialien nachweislich zum Eigenbedarf und nicht zum Weiterverkauf bestimmt sind. Bisher wurden 90 Prozent der deutschen Anträge stattgegeben", sagte Chen Mitte Juni bei einem Round-Table-Gespräch mit der deutschen Wirtschaft in Düsseldorf. Bei verifizierten Käufern sei das Genehmigungsverfahren deutlich kürzer und schneller.
Deutschland setze auf eine pragmatische Außenwirtschaftspolitik, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche, die Wang diese Woche ebenfalls in Brüssel traf. Deutschlands wirtschaftliche Stärke und Versorgungssicherheit seien davon abhängig, in strategischen Partnerschaften Lieferketten, Handelswege und Investitionsmöglichkeiten zu sichern, sagte Reiche. Deutschland wolle die Zusammenarbeit vertiefen und mit mehr Fairness versehen. Sie wünsche sich neben offenen Märkten ebenfalls ausgewogene Handelsbeziehungen mit China.
Ganz im Sinne der chinesischen Geschwindigkeit wollen nun die EU und China sportlich in Arbeitsgruppen über konkrete Maßnahmen beraten. Im Oktober will EU-Handelskommissar Šefčovič nach China reisen, um mögliche Einigung zu verkünden.
Der Beitrag wurde erstmals am 2.7.2026 um 11 Uhr veröffentlicht. Es hat sich aber ein Schreibfehler eingeschlichen. Es erreichen Europa täglich nicht 160 Millionen, sondern 16 Millionen Kleinpakete aus China. Die Angabe wurde korrigiert.