Deniz Undav, der sympathische "Killer vor dem Tor"
22. Juni 2026
Und dann war Deniz Undav auf einmal verschwunden, untergegangen in der Jubeltraube seiner Teamkollegen, nachdem der Angreifer den 2:1-Siegtreffer für das DFB-Team gegen die Elfenbeinküste erzielt hatte. Undav selbst, so schien es, hatte im ersten Moment gar nicht so richtig verstanden, was er gerade geschafft und wie er den Ball im Tor des Gegners untergebracht hatte.
"Wie ich das mache? Keine Ahnung. Ich stehe richtig", rätselte der 29-Jährige nach dem Spiel und grinste. Besonderes Lob bekam der Torjäger von Bundestrainer Julian Nagelsmann, der mit seiner Einwechslung ein goldenes Händchen bewiesen hatte. "Deniz hat ein brutales Stürmer-Gen. Sobald die Räume aufgehen, ist er einfach superschlau."
Undav, der sein Fußball-Trikot so gut wie nie in der Hose, sondern gerne lässig darüber hängen lässt, avancierte mit seinem Doppelpack zum Matchwinner beim Duell mit den "Elefanten".
Seine beiden Treffer bestätigten den Lauf, den der bullige Angreifer gerade hat: neun Tore in den vergangenen acht Länderspielen und schon drei Treffer bei dieser Weltmeisterschaft. Hinzu kommen zwei Vorlagen, die Undav aktuell zum besten Scorer der WM in den USA, Kanada und Mexiko machen.
Amiri: "Deniz ist ein Killer vor dem Tor"
"Ich freue mich übertrieben. Ich musste wieder lachen, selbst in Toronto wird mein Name gerufen, nicht nur in Stuttgart", sagte der VfB-Profi und schwärmte: "Ich genieße es, ich nehme es mit."
Es dauerte knapp eine Stunde bis die Fans mit lauten "Deniz Undav"-Rufen die Einwechslung ihres Lieblings, der wie schon im ersten Spiel zunächst auf der Bank hatte Platz nehmen müssen, forderten. Der Bundestrainer reagierte wenig später und gab damit der Partie den entscheidenden Impuls.
"Deniz ist ein absoluter Killer vor dem Tor", sagte Nadiem Amiri, der ihm das 1:1 aufgelegt hatte und ebenfalls von der Bank ins Spiel gekommen war. Der deutsche Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus fühlte sich sogar an die ehemalige Stürmer-Ikone Gerd Müller aus den 1970er Jahren erinnert. "Von dieser Seite her haben wir einen neuen 'Bomber der Nation'", so Matthäus.
Wechsel nach Belgien wird zum Wendepunkt
Undav lebt aktuell seinen Traum, denn sein Weg zum Nationalspieler war alles andere als geradlinig. Erst vor acht Jahren schaffte er den Sprung ins Profigeschäft. 2018 unterschrieb der Offensivspieler sein erstes Arbeitspapier im Profifußball beim SV Meppen in der 3. Liga. Richtig Fahrt nahm seine Karriere aber erst in der Saison 2021/22 auf, als er in die 2. belgische Liga zu Union Saint-Gilloise wechselte.
"Meine zweite Saison in Belgien 2021/22 war der Wendepunkt", sagte Undav. "Bis dahin habe ich mich nicht wirklich wie ein Profi verhalten, erst da wurde es wirklich professionell." Von Belgien ging es zum Premiere-League-Klub Brighton & Hove Albion.
Die Zeit in England half Undav, seinen Weg im Profileben zu verfestigen. "Ich habe gemerkt, auf was es im Fußball ankommt: Du musst für das Team arbeiten, auch mal scheinbar unnötige Laufwege machen. Es hat drei, vier Monate gedauert, bis ich das realisiert habe", so Undav. "Ich wurde plötzlich viel effektiver und wertvoller für die Mannschaft."
Undav: "Ich bin stolz auf meinen Weg"
Sein Engagement, seine Einstellung, aber vor allem sein unwiderstehlicher Stil prägen ihn bis heute. Nach seiner Zeit in England wurde der VfB Stuttgart schließlich auf ihn aufmerksam. Der Klub verpflichtete Undav 2023 - und Undav wurde zur zentralen Figur.
"Ich bin stolz auf meinen Weg. Ich glaube, ich habe viele Hürden überstehen müssen", sagte Undav im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW) vor zwei Jahren und ergänzte: "Das hat mich zu einem Mann gemacht. Jetzt bin ich sehr stark bei dem, was ich sage. Aber ich habe auch nie meinen Spaß verloren."
Auch bei der Nationalmannschaft, für die er unter Nagelsmann im März 2024 debütierte, gilt Undav als Stimmungsmacher. Der Torjäger ist ein Teamspieler und stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft - bei seinem aktuellen Bundesliga-Klub, aber auch in der Nationalmannschaft. "Was Deniz besonders macht? Dass er nicht viel nachdenkt. Er kommt, macht seinen Job und geht wieder", erklärte Abwehrspieler Antonio Rüdiger.
Undav möchte seinen Vater stolz machen
Fußball ist Undav wichtig, doch vor allem seine Familie steht immer im Mittelpunkt. Seine Eltern stammen aus Viransehir, einer Stadt im Südosten der Türkei. Vor allem sein Vater ist ein großes Vorbild, denn der habe dafür gesorgt, dass es ihm in seiner Kindheit an nichts gemangelt habe.
"Er hat zwei, drei Jobs gemacht, damit wir Kinder alles haben. Wenn wir etwas wollten, hat er alles dafür getan, hat Überstunden gemacht", sagte Undav in einem Interview mit dem DFB.
"Ich versuche alles, um meinen Vater stolz zu machen. Er ist mit nichts hierher [nach Deutschland, Anm.d.R.] gekommen und hat etwas aufgebaut. Davor ziehe ich meinen Hut. Ich glaube nicht, dass ich das geschafft hätte", sagte der Angreifer, der nie eine Ausbildung in einem Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen hat. "Wer weiß, wenn ich die ganze Zeit im NLZ gewesen wäre, hätte ich vielleicht irgendwann keine Lust mehr auf Fußball gehabt und so habe ich den Spaß immer noch und versuche, jeden Moment zu genießen."
Undav in die Startelf?
Aktuell gibt es sehr viel zu genießen für den Nationalspieler. Die WM ist nach seiner Teilnahme an der Heim-EM vor zwei Jahren, das zweite große Turnier für die DFB-Auswahl. Damals durfte Undav ganze sechs Minuten auf dem Platz stehen, dieses Mal könnte er zum entscheidenden Akteur für die Nationalmannschaft werden.
Momentan ist ihm noch die Rolle des Jokers zugeteilt, doch auch Nagelsmann wird sich in Zukunft überlegen müssen, ob er einen so wertvollen Spieler wie Deniz Undav weiterhin von der Bank kommen lässt oder ob er doch in die Startelf rücken wird.
"Wir werden beides diskutieren, auch mit Deniz", sagte der Bundestrainer. "Tief im Herzen ist er, glaube ich, auch mit dieser Rolle gut zufrieden." Undav ist auf dem besten Weg einer der Schlüsselspieler für die Nationalelf zu werden - und damit seinen großen Traum vom WM-Titel wahr werden zu lassen.
Die erste Trophäe - Undav wurde zum "Man of the Match" gekürt -, die er von Eishockey-Profi Leon Draisaitl nach dem Spiel überreicht bekommen hatte, widmete der Stürmer seiner besseren Hälfte. "Die geht zur Frau", sagte Undav nach der Übergabe mit einem verschmitzten Lächeln und verschwand in den Katakomben des Stadions.
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Deutschland - Elfenbeinküste 2:1 (0:1)
Tore: 0:1 Kessie (30.), 1:1 Undav (68.), 2:1 Undav (90.+4)
Zuschauer in Toronto: 43.036 (ausverkauft)