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PolitikUkraine

Der Alltag in Slowjansk: Vom Leben nahe der Front

21. Oktober 2026

Slowjansk im Donbass ist heute Kampfgebiet. Täglich verlassen Dutzende Menschen die ostukrainische Stadt. Wer zurückbleibt, lebt mit der ständigen Gefahr russischer Angriffe. Eine DW-Reporterin war vor Ort.

Eine ältere Frau mit einem traditionellen Handbesen steht vor einem zerstörten Wohnblock
Tetjana reinigt ihren Teppich nach dem russischen Angriff auf einen Wohnblock in Slowjansk Bild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

In einem von zerbombten Hochhäusern umgebenen Innenhof hängt ein staubiger Teppich am Metallgestell einer Schaukel. Die Rentnerin Tetjana hat ihn aus ihrer mit Schutt bedeckten Wohnung geholt, um ihn zu reinigen.

Vor einigen Tagen waren hier drei russische Fliegerbomben eingeschlagen, mitten in einem Wohngebiet am Rand von Slowjansk. Eine der Bomben traf ein fünfstöckiges Wohnhaus, sieben Menschen wurden verletzt. Slowjansk ist neben Kramatorsk die letzte von der Ukraine kontrollierte Großstadt in der Region Donezk im Osten des Landes. 

Tetjana, die im Haus gegenüber wohnt, war gerade in ihrer Küche, als es die Explosion gab. "Die Bombe schlug im zweiten Stock ein, und im vierten wohnte eine Frau, sie schrie laut", erinnert sie sich und fügt hinzu: "Es gelang noch, sie zu retten, bevor der ganze Teil des Wohnblocks einstürzte."

Tetjana bei dem Wohnhaus, das von einer russische Bombe getroffen wurdeBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

"Im zweiten Stock wohnten Mieter. Sie waren in dem Moment offenbar nicht zuhause", fährt Tetjana fort. Sie hat Slowjansk trotz des Angebots einer Evakuierung noch nicht verlassen. Seit dem Sommer zählt die Stadt im Donbass zu den Kampfgebieten.

"Ich weiß nicht wohin", sagt Tetjana. Wohnungen würden umgerechnet bis zu 400 Euro im Monat kosten. Ihre Rente von umgerechnet 67 Euro, so rechnet sie vor, würde selbst dann nicht ausreichen, wenn sie eine Umzugsbeihilfe im Wert von etwa 40 Euro im Monat bekäme. "Davon könnte ich nicht leben. Nirgends!" In ihrem Stadtbezirk gibt es noch Strom und Wasser, doch das Gas sei zurzeit abgestellt. "Wir werden es überleben", hofft Tetjana und betont: "Alles wird gut, das sage ich allen. Ich wünsche mir das so sehr."

"Kampfflieger am Himmel!"

Auch Tage nach dem Angriff sind die wenigen Bewohner der beschädigten Gebäude damit beschäftigt, ihre Wohnungen aufzuräumen. Ein Mann arbeitet an einem Fenster neben dem zerstörten Teil des Wohnblocks. Offenbar ist er dort ganz allein.

Es fährt ein Auto vor. Darin sitzt ein älteres Ehepaar, dem eine Wohnung in einem benachbarten Wohnblock gehört. Sie wurden in die Region Kyjiw evakuiert, haben aber in den Nachrichten von den Luftangriffen erfahren. Nun wollen sie Sachen aus ihrer Wohnung holen und die Fenster mit Spanplatten vernageln.

Während der Aufräumarbeiten gibt es wieder einen Angriff. Diesmal treffen die Bomben ein Gebäude, in dem sich eine staatliche Anlaufstelle zur Notfallversorgung sowie das Rote Kreuz befinden. Während die Feuerwehr den Brand löscht, bergen Rettungskräfte und Freiwillige verbliebene Gegenstände aus dem Gebäude und beseitigen Glasscherben. Acht Menschen werden bei dem Angriff verletzt.

Der zerstörte Raum der Anlaufstelle zur Notfallversorgung sowie des Roten KreuzesBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

"Kampfflieger am Himmel!", ruft plötzlich einer der Rettungskräfte und alle verlassen das Gebäude. Die Anwohner sind verängstigt, zögern aber, sich in den Kellern zu verstecken. Sie warten lieber auf Bänken in der Nähe der Wohnblöcke auf Entwarnung.

"Ich war gerade auf dem Balkon, als es ohrenbetäubend knallte. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand auf den Kopf geschlagen", berichtet die Rentnerin Natalja über einen der jüngsten Angriffe. Sie kommt in diesen Stadtteil, um sich um ihre Zwillingsschwester zu kümmern. "Sie kann sich nicht mehr fortbewegen. Ich konnte ihr heute kein Brot, sondern nur Zwieback mitbringen", erzählt sie. Obwohl es noch Geschäfte und einige Stände auf dem abgebrannten Markt gibt, wird dort nicht täglich Brot angeboten.

Natalja im Hof ​​eines durch russischen Beschuss beschädigten HausesBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

"Ich wollte meine Schwester überreden, wegzugehen. Ich würde in ein Altenheim und sie in ein Krankenhaus kommen. Aber ihr Hund ist krank, und auch ich habe einen", sagt Natalja, die kritisiert, dass Haustiere bei einer Evakuierung nicht mitgenommen werden dürften. "Ich kann meine Schwester nicht zurücklassen. Sie macht sich Sorgen und ist wütend auf mich, als ob ich an allem schuld wäre", klagt sie. "Ich habe keine Kraft mehr."

Natalja macht sich langsam auf den Weg nach Hause, "damit ich noch vor Einbruch der Dunkelheit ankomme". Bis ins ins Stadtzentrum sind es fast vier Kilometer zu Fuß. Der öffentliche Nahverkehr liegt still, seit 30 Menschen bei einem Angriff auf zwei Busse im benachbarten Kramatorsk getötet wurden.

"Wir sind ein Leben unter Beschuss gewohnt"

Das Zentrum von Slowjansk ist stark zerstört, auf den Straßen sind wenige Menschen zu sehen. Vereinzelt gibt es aber noch Läden. Von den einst 100.000 Einwohnern der Stadt sind etwa 20.000 geblieben, meist ältere Menschen, die nicht weggehen können.

Vom öffentlichen Leben ist in Slowjansk nicht mehr viel übrigBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

Der Rentner Wasyl stammt aus dem Dorf Majaky nördlich von Slowjansk. Ein Nachbar hat ihn ins Stadtzentrum gefahren, wo er in einer Cafeteria nun zu Mittag isst. "Wir sind ein Leben unter Beschuss inzwischen gewohnt", sagt er, "aber es ist eine schlechte Gewohnheit. Wir hätten sie schon längst loswerden sollen."

Wasyl nimmt offenbar die am Himmel kreisenden Drohnen nicht wahr, die von Soldaten beschossen werden. Er wünscht sich Frieden für seine Heimat. Aber den von Kyjiw kontrollierten Teil der Region Donezk einfach Moskau zu überlassen, was Russlands Staatschef Wladimir Putin fordert, lehnt er ab.

Zwei ältere Damen unterhalten sich an einer Straße, die zum Schutz vor Drohnen mit Netzen überspannt ist. "Ich weiß nicht, wann ich zuletzt eine Nacht durchgeschlafen habe", klagt die Rentnerin Iryna. "Es ist furchtbar, aber ich kann nirgendwohin. Meine zwei Katzen soll ich zurücklassen, doch ich liebe sie so sehr. Sie sind alles, was ich habe."

"Ich weiß nie, ob ich es lebend zum Markt schaffe", sagt Rentnerin IrinaBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

"Wir können uns nur zitternd verstecken und zu Gott beten, dass alles gut geht. Wenn ich zum Markt muss, weiß ich nicht, ob ich dort lebend ankomme", erzählt Iryna weiter. Der Zentralmarkt, zu dem sie unterwegs ist, wurde vor einigen Wochen von russischen Drohnen angegriffen. Mindestens drei Menschen wurden verletzt. Seitdem gibt es dort weniger Händler und Kunden.

"Wir träumen davon, hier zu bleiben"

Die Damenwäsche-Verkäuferin Walerija muss ihre fünfjährige Tochter Sofia mit zur Arbeit nehmen, weil die Kindergärten geschlossen sind. Ihr Wohnviertel in in Slowjansk fällt noch nicht unter die Zwangsevakuierung von Familien mit Kindern. "Wir sind dieses Leben schon gewohnt. Wir wurden 2022 evakuiert und sind später zurückgekehrt. Jetzt warten wir wieder darauf, evakuiert zu werden", berichtet Walerija.

Sofia flitzt mit ihrer ein Jahr älteren Freundin Anja durch die Gänge des Markts. Anjas Mutter verteidigt als Soldatin ihre Heimatstadt. Neben Anja sitzt Großmutter Tetjana, die Herrenbekleidung verkauft und ihre Enkelin ebenfalls während der Arbeit betreuen muss.

Der Kindergarten ist geschlossen, Sofia und Anja spielen auf dem MarktBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

Tetjana schickt ihre Sachen, solange die Post noch geöffnet ist, in die Region Dnipropetrowsk, wo ihr neues Zuhause sein soll. "Es tut uns sehr leid, dass unsere Ukraine zerstört wird", sagt die Großmutter und ringt mit den Tränen. "Wer wird unsere Städte wieder aufbauen?" Sie hoffe, dass sie wieder zurückkehren werde. "Aber wenn ich an Bachmut denke - dort gibt es keine Häuser mehr. Ich setze auf unsere Jungs, dass sie unsere Städte halten werden, auch wenn es sehr schwierig ist." Die Stadt Bachmut, nur 50 Kilometer von Slowjansk entfernt, wurde 2023 nach schweren Kämpfen von russischen Truppen besetzt.

Die Verkäuferinnen Marija und Tetjana bei ihren StändenBild: Hanna Sokolova-Stekh/DW

"Wir träumen davon, hier zu bleiben", sagt Marija, die ebenfalls auf dem Markt verkauft. "Aber wir müssen wohl gehen, die Lage ist kritisch." Marija wartet auf ihren Mann, der an der Front dient. Auch ihre Schwester ist Soldatin. Ihr Bruder ist gefallen, wodurch fünf Neffen Waisen geworden sind.

Die Frauen hegen keine Hoffnung auf einen Waffenstillstand. "Putin wird das nicht wollen und unsere junge Generation wird uns dann fragen, wofür wir überhaupt gekämpft haben", sagt Tetjana. Sie findet, Russland solle sich vom ukrainischen Territorium zurückziehen. Über dem Markt sind Drohnen und Schüsse zu hören. "Es ist schwer für unsere Jungs, sie abzuschießen", so Tetjana. "Aber sie geben sich wirklich Mühe."

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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