Der Film "Rose" und das Stück Stoff, das Freiheit bedeutet
29. April 2026
Ob die chinesische Kriegerin Hua Mulan, Frankreichs Nationalheldin Jeanne d'Arc oder die Piratinnen Mary Read und Anne Bonny: Die Geschichte kennt viele Frauen, die Männerkleidung trugen, um den ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen zu entkommen. Wahrscheinlich gibt es zahlreiche weitere Fälle, die nicht dokumentiert sind.
Auch Markus Schleinzers Film "Rose" erzählt die Geschichte einer Frau, die ihr wahres Geschlecht versteckt. Das Historiendrama mit Sandra Hüller in der Titelrolle spielt im 17. Jahrhundert. Rose taucht in einer abgelegenen Dorfgemeinschaft als vernarbter Soldat auf, der aus dem Dreißigjährigen Krieg zurückkehrt. Sie behauptet, der rechtmäßige Erbe eines seit Langem verlassenen Bauernhofs zu sein.
Im Februar feierte der Film auf der Berlinale Premiere und nun kommt "Rose" am 30. April in die deutschen Kinos. Später im Jahr wird der Film auch international über den Streamingdienst Mubi veröffentlicht.
Wegen lesbischer Liebe hingerichtet
Regisseur Markus Schleinzer ist Jahrgang 1971. Genau 250 Jahre vor seiner Geburt wurde eine Frau hingerichtet, die den größten Teil ihres Lebens als Mann gelebt hatte. Man hatte sie der "Sodomie" beschuldigt, was damals als schlimmste sexuelle Perversion betrachtet wurde, egal ob zwischen Mensch und Tier oder zwischen Menschen gleichen Geschlechts.
1721 wurde Catharina Margaretha Linck auf Befehl des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. zum Tode verurteilt. Sie gilt als die letzte Frau in Europa, die wegen lesbischer Sexualität hingerichtet wurde.
Linck führte ein ungewöhnliches Leben. Sie trug Männerkleidung, hatte Beziehungen mit Frauen, kämpfte als Soldat und behauptete zeitweise sogar, eine Prophetin zu sein. Einige Jahre lebte sie in einer religiösen Sondergemeinschaft. Sie nannte sich Anastasius Lagrantinus Rosenstengel.
Männerkleidung für die Freiheit
Diese Geschichte führte Schleinzer tief in die Recherche über Frauen, die im Lauf der Geschichte als Männer lebten. Ihn faszinierte die Frage, "warum Menschen in andere Identitäten schlüpfen, um etwas leben zu können, das ihnen vorenthalten wird", sagt er im DW-Gespräch.
Die Gründe dafür waren sehr unterschiedlich. "Meistens ging es darum, als junge Frau einer Zwangsheirat oder Gewalt - vor allem häuslicher Gewalt - zu entgehen, sei es durch den Vater, den Arbeitgeber oder den Ehemann", sagt Schleinzer.
Andere Frauen versuchten nach dem Tod ihres Mannes allein für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Es gab Frauen, die ganz romantisch einfach ihren Männern in den Krieg folgen wollten - was ihnen verboten war. In anderen Fällen wollten Familien ihre Ehre retten, wenn ein Sohn nicht kämpfen wollte - dann schickten sie stattdessen eine mutigere Tochter.
Trotz aller Unterschiede, sagt Schleinzer, hatten alle diese Frauen dasselbe Ziel: Freiheit.
Ein politisches Drehbuch
"Das Schicksal all dieser Menschen hat mich tief berührt", so der Filmemacher. Als queerer Mensch beschäftigt er sich schon lange mit queerer Identität und Geschichte. "Deshalb war es für mich von Anfang an ein politisches Vorhaben, dieses Drehbuch zu schreiben."
Schleinzer wurde ausschließlich von Frauen erzogen und ist überzeugt: "Das Einzige, was uns gerade retten könnte, wäre mehr Feminismus in der Welt - und eine Rückkehr zu seinen Grundprinzipien."
Während die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern weltweit bestehen bleibt, geschlechtsspezifische Gewalt zunimmt und Transrechte stark polarisiert diskutiert werden, erzählt "Rose" für ihn zwar eine historische Geschichte - aber eigentlich berichte der Film über die Gegenwart, in der wir leben, so der Filmemacher.
"Rose" zeigt, wie Menschen Dinge verwehrt werden, die für andere völlig selbstverständlich sind. Für Schleinzer ist die entscheidende Frage: Warum eigentlich ist das so?
Sandra Hüller spielt mit großer Kraft
"Rose" ist Schleinzers dritter Spielfilm nach "Michael" (2011), dem verstörenden Porträt eines Pädophilen, und "Angelo" (2018), über einen Jungen aus Afrika, der im Europa des 18. Jahrhunderts entführt wird.
Neben seiner Arbeit als Regisseur ist Schleinzer auch Casting Director und arbeitete unter anderem mehrfach mit Michael Haneke zusammen. Dessen Film "Das weiße Band" ist auch in "Rose" spürbar, vor allem in der strengen Schwarz-Weiß-Ästhetik und der bewussten Offenheit vieler Szenen.
Schon früh hatte Schleinzer Sandra Hüller für die Hauptrolle im Kopf. Hüller gehört zu den prominentesten deutschen Schauspielerinnen und wurde 2023 international vor allem durch "The Zone of Interest" und "Anatomie eines Falls" bekannt.
"Mir war schon früh klar, dass diese Figur sehr diffizil sein wird und wahnsinnig viel leisten muss", sagt Schleinzer. Die Herausforderung sei gewesen, Roses Tiefe nicht durch große Monologe zu zeigen, sondern vor allem durch "ganz viel Stilles". Rose trage ständig mehrere Ebenen gleichzeitig in sich: ihre eigene Identität als Frau, ihre Rolle als Hochstaplerin - und gleichzeitig sei sie immer in Alarmbereitschaft durch die ständige Angst, entdeckt zu werden.
Hüller macht all das mit präzisem und feinem Spiel sichtbar. Für ihre Darstellung erhielt sie auf der Berlinale den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin.
Keine klassische Opferfigur
Gerade diese moralische Ambivalenz unterscheidet "Rose" von vielen anderen Filmen über Frauen, die als Männer leben. Oft werden solche Figuren heroisiert.
Doch Rose ist keine Kämpferin gegen das Patriarchat, sondern handelt aus Eigeninteresse. Sie ist viel komplexer als die klassische Opferfigur: Sie wird selbst auch zur Täterin, weil ihr Geheimnis einem anderen Menschen Schaden zufügt. Stark und verletzlich zugleich: Das macht die Rolle der Rose so spannend.
"Der Film will nicht predigen", sagt Schleinzer. Aber er regt zum Nachdenken über Strukturen und Symbole an, die Frauen bis heute einengen.
Spät im Film wird Rose gefragt, warum sie sich gegen ihr Schicksal als Frau entschieden habe. Ihre Antwort ist schlicht: "In Hosen gab es mehr Freiheit." Dann fügt sie hinzu: "Es ist doch nur ein kleines Stück Stoff."
Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch