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Politik

Grundriss der deutsch-polnischen Versöhnung

Magdalena Gwozdz-Pallokat
16. Juni 2021

Der "Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" zwischen Polen und Deutschland gilt als Meilenstein der Annäherung zwischen schwierigen Nachbarn. Was sagt er uns heute?

Deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag (17. Juni 1991)
Polens Premier Bielecki (l.) und Bundeskanzler Kohl nach der Vertragsunterzeichnung in Bonn am 17.06.1991Bild: Michael Jung/picture alliance

Im Jahr 1991 ist Europa im Umbruch. Deutschland hat sich wiedervereinigt, Polen entwickelt sich nach über 40 Jahren der kommunistischen Diktatur wieder zu einem demokratischen Staat, den es in die westliche Welt zieht. Trotzdem ist das Misstrauen zwischen beiden Nachbarländern groß, die historische Belastung präsent.

Fast in jeder polnischen Familie gibt es Menschen, die von den Gräueltaten während der deutschen Besatzung 1939-45 berichten können. Und es ist erst wenige Monate her, dass die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Polen den endgültigen Verlauf ihrer Staatsgrenze festgelegt haben, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs umstritten war.

Janusz Reiter war von 1990 bis 1995 polnischer Botschafter in DeutschlandBild: picture-alliance/Eventpress

Es war "in einer Zeit, die sowieso aufregend war, ein großer Tag", erzählt im Gespräch mit der DW Janusz Reiter, damals polnischer Botschafter in Deutschland. Er war sowohl bei den Verhandlungen als auch bei der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags dabei. Umgeben von deutschen Politgrößen wie dem Altbundeskanzler Willy Brandt, dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, dessen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und der späteren Kanzlerin Angela Merkel, ist der damals 39jährige Diplomat auf vielen Fotos vom 17. Juni 1991 zu sehen.

Reiter erinnert sich an eine fröhliche, entspannte Stimmung. Konflikte seien keine spürbar gewesen. Der Vertrag war unterschriftsreif. Die langen Verhandlungen indes waren nicht immer reibungsfrei verlaufen. Viele Kompromisse mussten gefunden werden. "Es gab keine Illusionen. Wir waren uns der Interessenunterschiede auf beiden Seiten bewusst. Es gab aber auch eine Menge Vertrauen, dass niemand die Absicht hatte, den Partner über den Tisch zu ziehen", so Reiter. Er erinnert daran, dass die Personen, die an den Verhandlungen beteiligt waren, sich nicht gut kannten - aber trotzdem aufeinander zugingen, dabei "fair" spielten und ihre Differenzen sorgfältig angingen.

Polen, Deutschland und Europa

Eine Differenz ergab sich daraus, dass Polen seinen Wunsch, dem EU-Vorläufer "Europäische Gemeinschaft" (EG) beizutreten, gerne mit in den Vertrag aufgenommen hätte. Zwar hatte die Bundesrepublik ihre Unterstützung dafür bekundet - aber andererseits wollte Bonn auch "nicht aus der Reihe tanzen und die Partner in der Gemeinschaft durch entsprechende Erklärungen überraschen", sagt der langjährige Diplomat Reiter.

Bielecki und Kohl unterzeichnen am 17. Juni 1991 in Bonn den NachbarschaftsvertragBild: Michael Jung/dpa/picture-alliance

Diese vorsichtige Haltung spiegelt sich auch sprachlich im Vertragstext. Während in der deutschen Fassung von der "Heranführung der Republik Polen an die Europäische Gemeinschaft" die Rede ist, wählte man in der polnischen Version das Wort "przyłączanie", das für einen Prozess der Angliederung steht. "Es gab in Westeuropa erhebliche Zweifel, ob die neuen demokratischen Staaten der EG beitreten sollten, jedenfalls in einer Perspektive von wenigen Jahren", fügt Reiter hinzu. Letztendlich dauerte es noch 13 Jahre, bis Polen EU-Mitglied wurde.

Kohl glaubte an Vertrauen

Für den damaligen polnischen Premier Jan Krzysztof Bielecki gehörte sein Land schon immer zu Europa. Seine Unterschrift steht neben der Helmut Kohls auf dem Vertrag. "Uns unterschieden etwa 40 Kilo und wahrscheinlich 15 Zentimeter", erinnert sich Bielecki im Gespräch mit der DW. "Darüber hinaus: eine Generation und viele Erfahrungen", so der Ex-Politiker, der heute bei einer der umsatzstärksten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt arbeitet. Kohl sei keiner gewesen, der sofort Freundschaft schloss: "Er musste sich erst an die Person gewöhnen, es war ein Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Er glaubte an etwas, das man Vertrauen nennt", so Bielecki.

Bielecki, Kohl, Alt-Bundeskanzler Willy Brandt und Bundesaußenminister Hans Dietrich Genscher nach der UnterzeichnungBild: Oliver Berg/dpa/picture-alliance

Letztlich gab ein gemeinsames Abendessen den Ausschlag. Nur unter Dreien: Kohl, der ihm vertraute belgische Premier Wilfried Martens und Bielecki. Später hatte der Pole den Eindruck, Kohl habe sich mit seiner Person beschäftigt. Den Beweis lieferte ein Geschenk: "Manchmal schenkt man sich symbolische Kleinigkeiten. Von Helmut Kohl bekam ich Fußballschuhe. Die Größe stimmte!", erinnert sich Polens Ex-Premier.

Zusammenarbeit ermöglicht

Heute ist Jan Krzysztof Bielecki stolz auf das vor 30 Jahren Erreichte. Der Vertrag habe zwar nicht alle deutsch-polnischen Probleme gelöst - aber eine Zusammenarbeit beider Länder überhaupt erst ermöglicht. Er schuf einen Rahmen der Kooperation auf vielen Feldern und initiierte eine Vielzahl an Projekten und Begegnungen - das Deutsch-Polnische Jugendwerk mit seinen unzähligen Jugendbegegnungen seit 1991 ist nur eins davon. Hätte es vieles davon auch ohne den Nachbarschaftsvertrag gegeben?

Teilnehmende eines Wettbewerbs des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes in Berlin am 3.02.2018Bild: DW/W. Szymanski

Wie im Spiel und wie häufig im Leben gelte: "Am wichtigsten ist der Anfang", sagt Bielecki. Er freue sich, dass der Vertrag mit Leben gefüllt sei und immer wieder neue Kapitel geschrieben würden, so Polens Ex-Premier weiter. Es sei aber wichtig gewesen, den Auftakt schriftlich zu fixieren. "Die Deutschen und insbesondere Helmut Kohl hegten einen gewissen Widerwillen gegen uns, weil wir alles auf dem Papier haben wollten, während sie auf Vertrauen setzten", erzählt der heute 70-Jährige.

Kleine Sternstunde der Diplomatie

Kurz vor der vierten von sechs Verhandlungsrunden übernahm Wilhelm Höynck die Leitung der deutschen Delegation. Aus seiner Sicht war entscheidend, dass sowohl Deutsche als auch Polen einen Erfolg anstrebten - und sich gleichzeitig bewusst waren, dass nicht alle deutsch-polnischen Fragen in diesem Rahmen gelöst werden konnten. "Der Griff nach den Sternen ist schön in der Literatur. Es gibt auch in der Diplomatie Sternstunden - aber die müssen geerdet sein. Der deutsch-polnische Vertrag war eine kleine Sternstunde der internationalen Diplomatie. Und er war geerdet", sagt der deutsche Ex-Diplomat in einem Gespräch mit der DW.

Der Diplomat und spätere OSZE-Generalsekretär Wilhelm Höynck leitete die deutsche Delegation bei den VerhandlungenBild: Martin Athenstädt/dpa/picture-alliance

Schwierig gestaltete sich der von polnischer Seite geäußerte Wunsch, den Begriff einer "polnischen Minderheit in Deutschland" einzuführen. Höynck zufolge erklärte sich der deutsche Widerstand dagegen mit der Zuwanderung aus der Türkei. "Die Bundesregierung wollte auf jeden Fall vermeiden, dass in Deutschland eine Diskussion über Minderheiten vom Zaun gebrochen wird und dass sich die in Deutschland wohnenden Türken zu einer Minderheit erklären."

Eine polnische Minderheit in Deutschland?

Die Kritik, es gebe in dieser Frage eine gewisse Asymmetrie, da die deutsche Minderheit in Polen einen sicheren Platz im Parlament und eine Selbstverwaltungen habe, weist Höynck zurück und betont, dazu müsse man sich die Geschichte ansehen. "Die Menschen polnischer Herkunft in Deutschland sind freiwillig nach Deutschland gekommen. Die Deutschen in den westlichen Gebieten Polens waren von der politischen Entwicklung in Europa überrollt worden".

Zweisprachig: Ortschild einer polnischen Gemeinde, in der Angehörige der deutschen Minderheit lebenBild: DW/A. Marek Pędziwol

Der 88-Jährige erinnert sich noch heute auch mit Scham an die Gespräche mit der polnischen Seite: "Die Polen sprechen wunderbares Deutsch. Von uns konnte der eine oder andere vielleicht die polnische Schrift korrekt wiedergeben."

Zweifel auf beiden Seiten

Heute blickt Höynck mit einer gewissen Enttäuschung auf die weitere Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen. Nicht alle Hoffnungen hätten sich erfüllt; es habe auch immer wieder Rückschläge gegeben. Vor dem Hintergrund der Geschichte sei das aber keine Überraschung. "1990/1991 hatten wir gehofft, dass es eine ständige Aufwärtsbewegung der Beziehungen geben würde", erinnert sich Höynck.

Der Optimismus der damaligen Akteure machte vergessen, dass viele Deutsche und Polen an dem Vertrag zweifelten. Kanzler Kohl saßen die deutschen Vertriebenen-Verbände im Nacken, die über Bonn Banner mit Aufschriften wie "Schlesien ist unser" aufsteigen ließen. Aber auch in Polen blickten nicht wenige mit Unbehagen auf den wieder groß gewordenen Nachbarn.

Belastungsfaktor Geschichte

Auch 30 Jahre später ist die konfliktreiche deutsch-polnische Geschichte ein Belastungsfaktor für die bilateralen Beziehungen geblieben. Immer mal wieder droht die polnische Führung mit Reparationsforderungen für die mörderische deutsche Besatzungszeit - was in Deutschland manchmal mit der Gegenrede pariert wird, man könne auch die Grenzfrage wieder aufschnüren.

"Meine Schlussfolgerung ist, dass wir weiterarbeiten müssen, bis der richtige Zeitpunkt, kommt, um einen gemeinsamen Blick auf Zukunft und Vergangenheit zu finden", sagt Höynck. Vielleicht ist es eben das, was auch Polens Ex-Premier Bielecki mit dem "Schreiben von neuen Kapiteln" meint: Das deutsch-polnische Buch wird noch lange nicht vollständig beschrieben sein.

Mitarbeit: Katarzyna Domagała-Pereira

Magdalena Gwozdz-Pallokat Korrespondentin DW Polski, HA Programs for Europe, Warschau, Polen