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PolitikEuropa

Juden und Muslime in Bosnien: "Ein Beispiel für Europa"

Mirella Sidro (Sarajevo)
7. Januar 2026

Während der Antisemitismus vielerorts in Europa zunimmt, funktioniert das Zusammenleben von Juden und Muslime in Bosnien und Herzegowina weiter friedlich. Der Historiker Eli Tauber aus Sarajevo erklärt, warum das so ist.

Ein Mann mit weißem Hemd und Hut, der eine Brille trägt, steht neben einem großen, kunstvoll gestalteten Grabstein auf einem Friedhof
Historiker Eli Tauber auf dem alten jüdischen Friedhof von Sarajevo am Grab des sephardischen Gelehrten Zeki Efendi, dessen Grabstein Inschriften auf Hebräisch, Lateinisch und Arabisch (hier nicht sichtbar) trägtBild: Mirella Sidro/DW

Eli Tauber schlendert durch seine Heimatstadt Sarajevo. Alle paar Minuten wird er von vorbeigehenden Menschen herzlich begrüßt. Ein Smalltalk hier, eine Verabredung dort. Immer freundlich, immer lachend. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches - und ist doch bemerkenswert. Denn der 75-Jährige Tauber ist Jude.

Ob er keine Angst vor Antisemitismus habe, wenn er sich in den Straßen der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina bewege? Eli Tauber lächelt. "Nein. Wir leben hier mit allen im Frieden und sind eine eingeschworene Gemeinschaft."

In Bosnien ist jüdisches Leben seit 500 Jahren selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Gefüges. Vor dem Jüdischen Museum in Sarajevo steht kein Wachposten, keine Absperrung schützt den Eingang, weit und breit ist keine Polizei zu sehen.

Die Einrichtung ist in der 1581 erbauten sephardischen Synagoge untergebracht. Die Sepharden - Juden aus Spanien und Portugal - wurden 1492 aus ihrer Heimat vertrieben. Um 1530 ließen sich rund 30 sephardische Familien auf Einladung des osmanischen Sultans Süleyman des Prächtigen in Sarajevo nieder, das damals zum Osmanischen Reich gehörte.

Die einzige vollständig erhaltene Haggadah

Eli Tauber ist Historiker, Publizist, Berater für Kultur- und Religionsfragen des Verbands der Jüdischen Gemeinden, Direktor des Archivs der Jüdischen Gemeinde Bosniens sowie Gründer und Präsident des Vereins "Haggadah Sarajevo", der nach einem Buch benannt ist.

Die Sarajevo-HaggadahBild: Selma Boracic-Mrso/DW

Eine Haggadah (auch "Haggada" geschrieben) verbindet Text, Ritual und Erzählung und die Erinnerung an den Auszug der Juden aus Ägypten und macht sie zu einem lebendigen Bestandteil jüdischer Identität. Die Sarajevo-Haggadah ist das einzige vollständig erhaltene Exemplar: Sie überstand die Inquisition im mittelalterlichen Italien, während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von dem muslimischen Gelehrten Dervis Korkut vor den Nationalsozialisten gerettet.

Die Nacht der Sepharden

Tauber ist auch Gründer einer der bekanntesten Kulturveranstaltungen Sarajevos. Die "Nacht der Sepharden" entstand aus einer Idee der damaligen Direktorin des Jüdischen Museums, Mevlida Serdarevic, einer Muslimin. 2025 feierte die Veranstaltung ihr 20-jähriges Bestehen.

Innenraum der Alten Synagoge in Sarajevo, in der heute das jüdisches Museum untergebracht istBild: Mirella Sidro

Eine Band aus Spanien, der ursprünglichen Heimat vieler Sepharden, spielte vor rund 700 Gästen sephardische Musik, gesungen wurde auf Ladino - der auch "Judenspanisch" genannten Sprache, die die iberischen Juden aus ihrer Heimat mit auf den Westbalkan brachten und die sie bis heute bewahren.

Zusammenleben und offene Gemeinschaft

Tauber erzählt, dass die jüdischen Familien von Anfang an zusammen mit Angehörigen anderer Religionen in verschiedenen Stadtteilen lebten. Man teilte Berufe, Nachbarschaften und Feste. Ghettos gab es nie. Nur im Stadtteil Bjelave war fast jedes zweite Haus jüdisch. "Nicht aus Zwang", erkärt Tauber, "sondern weil dort die Sonne am längsten schien." Sarajevo liegt in einem Tal, umgeben von sieben Bergen. Wer auf der "falschen Seite" wohnt, lebt vor allem im Winter im Schatten und in der Kälte.

Blick auf Sarajevo, die Hauptstadt des Westbalkanlandes Bosnien und HerzegowinaBild: Micha Korb/pressefoto_korb/picture alliance

Vor dem Holocaust lebten rund 12.000 Juden in Bosniens Hauptstadt. Nach Kriegsende 1945 waren es noch 2000, von denen viele in den folgenden Jahren emigrierten, vor allem nach Israel. Während des Bosnienkriegs (1992-95) verließen weitere jüdische Familien das Land.

Sepharden, Aschkenasim, Muslime

Heute leben in Bosnien und Herzegowina noch 500 bis 700 Juden. Rund 70 Prozent sind Sepharden, der Rest Aschkenasim (auch "Aschkenasen" genannt) - zentraleuropäische Juden, die nach der Annexion des Landes durch Österreich-Ungarn 1878 ins Land kamen. In der jüdischen Gemeinschaft in Sarajevo feiern Sepharden und Aschkenasim gemeinsam - was nicht immer selbstverständlich war.

"Der größte Unterschied lag in der Sprache", erklärt Tauber, "die Sepharden sprachen Ladino, die Aschkenasim Jiddisch. Doch mit der Zeit lernten beide Bosnisch und seitdem wird gemeinsam gefeiert und untereinander geheiratet." Auch Taubers eigene Familie ist gemischt: Seine Mutter war Sephardin, sein Vater gemischt sephardisch-aschkenasischer Herkunft.

Nach jüdischem Religionsgesetz gilt als Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder offiziell zum Judentum übergetreten ist. In Sarajevo jedoch besteht eine Besonderheit: Um zur jüdischen Gemeinde in Bosnien zu gehören, ist es nicht zwingend erforderlich, den jüdischen Glauben anzunehmen. Die Gemeinde versteht sich dort auch als historisch gewachsene Schicksals- und Solidargemeinschaft. Tauber erzählt in diesem Zusammenhang von Fata Finci, einer Muslimin und engen Freundin seiner Mutter, die mit einem Juden verheiratet war und bis zu zu ihrem Tod ein aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde blieb.

Ein Archiv gegen das Vergessen

In seinem Buch "Als Nachbarn Menschen waren" hat Tauber Geschichten aus der Zeit der nazideutschen Besatzung Bosniens gesammelt. Er zeigt ein historisches Foto: Im besetzten Sarajevo bedeckt die Muslima Zejneba Hardaga den Davidstern auf dem Arm der Jüdin Rivka Kabilio mit ihrem Umhang.

Eli Tauber zeigt das berühmte Foto von Zejneba Hardaga und Rivka Kabilio in seinem Buch "Als Nachbarn Menschen waren"Bild: Mirella Sidro

Die Familie Hardaga rettete die Familie Kabilio vor dem Holocaust - und wurde später als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. 1994, während der Belagerung Sarajevos im Bosnien-Krieg, wurden Zejneba Hardaga, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn dank der Familie Kabilio nach Israel gebracht, wo Zejneba später starb und beerdigt wurde.

Eine Katholikin rettete Taubers Mutter

Auch Taubers eigene Familiengeschichte ist von einer Rettung geprägt. "Diese Frau hat meine Mutter gerettet", sagt er und zeigt auf ein Foto von Zora Krajina, einer Katholikin. Sie brachte Taubers Mutter 1941 von Sarajevo nach Mostar, von wo sie weiter auf die kroatische Insel Hvar floh.

Eli Tauber mit dem Foto der Retterin seiner Mutter im Buch "Als Nachbarn Menschen waren"Bild: Mirella Sidro

Solche Geschichten will Tauber bewahren. Deshalb baut die jüdische Gemeinde ein Archiv auf, das weltweit verstreute Dokumente sammelt und digitalisiert. Tausende Scans kamen bereits aus Serbien, Israel, Frankreich und den USA. Ziel ist es, bis 2030 - zum 500-jährigen Jubiläum der Ankunft der Sepharden - eine umfassende Geschichte der Juden in Bosnien und Herzegowina vorzulegen.

Ein weiteres Vorhaben ist die sogenannte Geniza: ein Hohlraum zur Aufbewahrung ausgedienter heiliger Schriften. "Bei uns Juden werden Bücher nicht weggeworfen, sondern begraben", erklärt Tauber. Der sephardische Gelehrte Zeki Efendi (1845-1916) aus Sarajevo ließ eine solche Geniza anlegen und plante, sie Jahre später zu öffnen, starb jedoch einen Tag vor dem geplanten Termin. Tauber hat dazu recherchiert - und hat eine Vermutung, wo sich die Geniza befinden könnte: "Es muss nur noch der Nachweis erbracht werden, dass sie sich tatsächlich dort befindet." Er hofft, dort auf wertvolle historische Zeugnisse zu stoßen.

Respekt als Grundhaltung

Bevor wir uns verabschieden, lächelt Tauber verschmitzt: "Die sephardische Synagoge in Sarajevo ist nicht nach Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Mekka - aus Respekt gegenüber der osmanischen, muslimischen Obrigkeit, die ihnen Schutz gewährte." Belegen lasse sich dies durch ihre architektonische Ausrichtung, die jener der benachbarten Gazi-Husrev-Beg-Moschee entspricht.

"Unsere multikulturelle Gemeinschaft hier in Bosnien ist ein wertvolles Erbe, das bewahrt werden muss", sagt Tauber, "ein Beispiel für Europa." Daran ändere auch der aktuelle Nahost-Konflikt nichts. Pro-palästinensische Demonstrationen finden in Sarajevo regelmäßig statt - aber nie vor jüdischen Einrichtungen. "Aus Respekt", sagt Tauber, "weil man hier weiß, dass wir nichts mit diesem Krieg zu tun haben."

Mirella Sidro Freie Journalistin, Reporterin und Autorin, berichtet vor allem vom Westbalkan
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