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Der Krieg, die Stadt und die Kunst

11. November 2004

- Streifzüge durch die Kulturszene Sarajevo

Bonn,11.11.2004, DW-RADIO, Aya Bach

Die bosnische Hauptstadt Sarajevo ist auch heute noch geschunden vom Krieg. Noch leidet die Stadt wie das ganze Land unter gravierender Wirtschaftsschwäche und hoher Arbeitslosigkeit. Noch immer steht das Land unter Kuratel des Hohen Repräsentanten, Lord Paddy Ashdown, der für die Implementierung des Friedensabkommens von Dayton zuständig ist. Die Menschen fühlen sich mitunter gegängelt durch diese politische Konstruktion und wünschen sich mehr Autonomie. Derweil sind die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Ethnien noch nicht ausgeräumt, die Anwesenheit der SFOR-Truppen noch nicht überflüssig.

Doch es gibt einen Bereich, in dem die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Versöhnung offenbar besser funktioniert als anderswo: Die Kulturschaffenden sehen in der unterschiedlichen Herkunft von Menschen kein Problem, sondern einen Gewinn. Sie befassen sich zwar auch noch intensiv mit dem Krieg und seinen Folgen, aber sie schauen auch nach vorne, in eine Zukunft des wieder gelingenden multiethnischen Zusammenlebens - und in eine Zukunft Bosniens in Europa. Aya Bach hat Streifzüge durch die Kulturszene von Sarajevo unternommen:

Zerschossene Häuser, durchlöcherte Fassaden. Aus zerklüfteten Wänden wachsen Bäume, ein paar letzte Herbstblätter wippen im Wind. Neun Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton starrt der Krieg den Betrachter noch an. Bis in die höchsten Etagen der Hochhäuser zielten die Geschosse, wenn man nach oben blickt scheint manchmal ein Stück Himmel durch die Schusswunden hindurch. Doch die Menschen hier haben sich eingerichtet in der verwundeten Stadt. Hinter perforierten Balkonbrüstungen baumelt Wäsche von der Leine.

Längst ist auch die Kultur auf Frieden eingestellt. Manchmal profitieren Künstler sogar von den Kriegshinterlassenschaften. Eine Gruppe junger Leute hat ein ausgedientes Militärgebäude zum Ausstellungsraum umfunktioniert: "The Sarajevo Living Room" heißt ihr Projekt. Ein Militärlager als Wohnzimmer - das klingt sarkastisch, aber vielleicht spricht der Name auch vom Wunsch, sich wieder menschlich einzurichten. Doch um den Krieg kommen die Künstler nicht herum - auch nicht, wenn sie damals die Stadt verließen wie der heute 24jährige Senad Kovacevic. Er zeigt eine Installation aus Kriegsresten: Planen in grün-braun-grauer Tarnfarbe, abgeknickte Metallteile - ein trostloses Ensemble. Als Sarajevo belagert war, fand Senad Zuflucht in Berlin, später ging er zurück. Die Menschen hier, sagt er, haben andere Erwartungen an Kunst als im Westen.

"Die Menschen hier sind etwas ernster. Also, man kann nicht irgendetwas machen und den Menschen hier vorzeigen und denken, die werden das bestimmt toll finden. Und werden denken, ja, das ist jetzt Kunst. Viele werden denken, das ist sinnlos, das Leben ist hart, und wir haben gesehen, wie hart das ist. Und wir wollen keine oberflächlichen Sachen mehr. Also nur etwas, was wirklich tief ist, was wirklich tief in die Seele des Menschen geht, kann man den Menschen zeigen und sie damit beeindrucken."

In die Seele der Menschen gebrannt hat sich vieles aus der Zeit der Belagerung. Dass Heckenschützen gezielt auf Menschen schossen zum Beispiel, aber auch das Leben ohne Wasser und Strom, mitten in Europa Ende des 20.Jahrhunderts. Oder die Lebensmittel per Luftbrücke: Oft war das Verfallsdatum abgelaufen, das Fleisch manchmal so schlecht, dass es selbst ausgehungerte Straßenkatzen stehen ließen.

Jasmila Zbanic hat den Krieg überlebt. Die Filmregisseurin ist heute 28, damals war sie Schülerin. Ihre Mutter wollte sie zu Hause halten, sie schützen, nicht in die Stadt lassen. Aber Jasmila setzte sich durch. Die Heckenschützen, sagt sie, haben auch in die Wohnung geschossen, da war es genauso gefährlich wie draußen.

Sie zählt zu den Künstlern, die ihr Kriegstrauma ganz direkt angehen. "Red Rubber Boots", "Rote Gummistiefel", heißt einer ihrer erschreckendsten Dokumentarfilme, der auch im ZDF zu sehen war und auf internationalen Festivals. Jasmila hat eine Mutter begleitet, die noch fünf Jahre nach dem Krieg ihre toten Kinder sucht - die Tochter ein Säugling, der Sohn vier Jahre alt. Er trug rote Gummistiefel, als ihn die Serben verschleppten. Jetzt graben Suchtrupps Leichenteile aus Massengräbern aus. Schädel, Hüftknochen - von Gummistiefeln keine Spur. Diesen Film zu drehen war auch für Jasmila eine Extremsituation.

"Das war sehr schwer für mich. Zuerst habe ich viel recherchiert, das war extrem hart. Aber die Leute vom Suchtrupp haben mir Mut gemacht. Denn sie waren ja auch nicht nur als Profis bei der Arbeit, sondern wirklich mit all ihren Gefühlen, weil sie anderen Menschen helfen wollten. Da hab ich dann gesagt, wenn die das machen können, kann ich das auch."

Auch in anderen Filmen zeigt Jasmila Zbanic den Krieg und seine Auswirkungen auf die Menschen. Rache und Vergeltung sind ihr fremd. Aber vergessen kann und will sie auch nicht, was in ihrer Stadt geschehen ist.

"Ich muss der Wahrheit nachgehen. Offensichtlich sind wir keine Gesellschaft wir Dänemark oder England. Wir sind anders, und was uns unterscheidet, ist unsere Erfahrung. Sogar Leute, die im Krieg nicht in Sarajevo waren, haben gelitten. Sie sind auch traumatisiert, sie konnten nicht zurück nach Hause. Besonders schlimm ist es für die, die diese grauenhaften Sachen überlebt haben. Diese Traumata - wir sind doch keine Tafeln, die man Sauberwischen kann. Das zu verleugnen, ist für mich nicht wahrhaftig."

Kunst um der Wahrheit willen - das hat hier in Sarajevo eine existenziellere Bedeutung als in Westeuropa. Auch Damir Zizko vom Theaterfestival MESS will nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, in dieser Stadt, die jeden mit ihren Kriegsmalen anspringt.

"Es gibt Momente, da kannst du nicht darauf reagieren. Wenn du sagst, das ist mein normales Leben. Es ist ein Modus vivendi. Wir haben uns an diese Wunden gewöhnt, an die verbrannten Häuser. Auf der anderen Seite müssen wir und mehr und mehr damit auseinandersetzen, was passiert ist. Wenn wir das nicht tun - wie sollen wir dann hier an diesem Ort zusammenleben wie wir es immer getan haben und wie wir es hoffentlich wieder tun werden? Meine persönliche Meinung ist, dass wir zum schmerzlichsten Punkt kommen müssen, zur tiefsten Wunde, und dann weitergraben und sehen, was diesen Scherz wirklich verursacht, und versuchen, das zu verändern."

Ist die größte Wunde, dass sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegenseitig umgebracht haben? War es die Entwürdigung aufgrund der katastrophalen Versorgungslage? War es, knapp gesagt, das Verschwinden der Zivilisation?

Schon während des Krieges haben Künstler in Sarajevo ein erstaunlich vitales Kulturleben aufrechterhalten, mit Theater, Filmen, Konzerten gegen den Verlust ihrer Würde angekämpft. Ins Kino oder Theater zu gehen, konnte bedeuten, sich durch das Feuer der Snipers durchzuschlagen. Aber das war es den Menschen wert. Regisseur Haris Pasovic erinnert sich an das Theaterfestival MESS, das er während der Belagerung leitete:

"Es hat dazu beigetragen, dass Menschen ihre Würde spüren konnten, die Leute und die Stadt geistig aufzurichten, Menschen normal zu machen. Wir haben damals gesagt, dass Kultur genauso zu den grundlegendsten Bedürfnissen zählte wie Essen oder so Schlaf. Aber wir haben dafür nicht immer Verständnis bei der UN gefunden. Die haben manche Leute nicht hier reingelassen. Ich erinnere mich an den Auftakt des Festivals, da waren Vanessa Redgrave, Volker Schlöndorff, Jeremy Irons schon auf dem Weg in die besetzte Stadt, um uns zu besuchen - aber die UN haben sie aufgehalten und nicht reingelassen."

Heute ist das MESS-Festival unter neuer Leitung. Inzwischen gibt es andere Aufgaben, Sarajevo ist näher an die Normalität gerückt: Die Vernetzung mit Europa steht ganz oben auf der Agenda. Gastspiele aus West- und Osteuropa sind zu sehen, eine aktuelle Produktion vom Staatstheater Hannover ist dabei, und ein bosnisches Ensemble spielt ein Stück der deutschen Erfolgsdramatikerin Dea Loher.

Die ethnischen Spannungen, die das Land in die Katastrophe getrieben haben, sie spielen in der Kulturszene nur als künstlerisches Sujet eine Rolle. Wenn man hier, wie in diesem Herbst, "Romeo und Julia" spielt, dann wird Shakespeares Drama über die verfeindeten Familien zum politischen Plädoyer für die Versöhnung. Doch die Künstler selbst arbeiten längst über ethnische Grenzen hinweg in aller Selbstverständlichkeit zusammen. Dass etwa eine Produktion aus Belgrad hier gastiert, ist längst normal. Das ist nicht nur beim Theaterfestival so, das gilt für alle Künstler. Statt diese Konflikte zu betonen, ist man stolz auf die Zeit vor dem Krieg, als alle Bevölkerungsgruppen friedlich zusammenlebten, als könnte es ein Modell für andere sein. Die Leiterin der Künstlerinitiative "Sarajevo Living Room", Melnisa Sabovic, die jetzt Menschen verschiedener Kontinente zusammenbringt:

"Man könnte fast sagen, Sarajevo war die beste Wahl, um Menschen mit so vielen nationalen, religiösen oder anderen Hintergründen zusammenzubringen. Denn die Idee ging davon aus, dass wir uns die Menschen in Sarajevo angeschaut haben Sarajevo ist so einzigartig, es hat so viele Verschiedenheiten in sich, und das scheint gut zu funktionieren."

Melnisa Sabovic formuliert ein Selbstbewusstsein, das viele Künstler hier aussprechen. Trotz der gegenwärtigen Teilung Sarajevos in einen bosniakischen und einen serbischen Bezirk ist die Grenze durchlässig. Jeder kann gehen, wohin es ihm gefällt. Das aber tun noch längst nicht alle - die Realität hält noch nicht Schritt mit dem Selbstverständnis der Künstler. Aber sie sind Wegbereiter, wenn es darum geht, Kriegsgräben zu überwinden. Und sie sind ganz vorne mit dabei, wenn es um die Anbindung an Europa geht. Doch niemand will als Bittsteller vor der europäischen Tür stehen. Denn Bosnien, sagen sie, hat etwas zu bieten, das auch Europa weiterbringen könnte. Theaterregisseur Haris Pasovic:

"Ich erwarte mehr Verständnis dafür, dass das multikulturelle Leben hier, unsere Kunst und Kultur nicht nur für dieses Land wichtig sind. Sie sind wichtig für die ganze Region, und sie sind wichtig für Europa. Wir wissen, dass viele Dinge in Europa nicht so zivilisiert und demokratisch laufen, wie es nötig wäre und wie man es von Europa annehmen sollte. Darum glaube ich, dass die EU eine Menge von Sarajevo lernen muss." (fp)

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