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US-Maler Jasper Johns wird 90

Sven Töniges mit dpa
15. Mai 2020

Er ist einer der teuersten Künstler der Welt. Als junger Mann jobbte Jasper Johns im Buchladen und dekorierte Schaufenster. Dann hatte er einen Traum, der sein Leben veränderte - und vielleicht auch die Kunstgeschichte.

Das Gemälde "Drei Flaggen" des US-amerikanischen Künstlers Jasper Johns ausgestellt im New Yorker Museum of Art
Das Gemälde "Drei Flaggen" des US-amerikanischen Künstlers Jasper Johns ausgestellt im New Yorker Museum of Art.Bild: picture-alliance/dpa/R. Scheidemann

Es war 1954. Jasper Johns - zu dem Zeitpunkt Mitte zwanzig - hatte gerade die künstlerische Reset-Taste gedrückt und alle seine bisherigen Kunstwerke zerstört. Da kam ihm ein Traum ins Bewusstsein: Er sah sich selbst, wie er die US-Flagge malte. Johns lebte zu dem Zeitpunkt in New York, wo er Anfang der fünfziger Jahre hingezogen war. Er erzählte damals seinem Freund Robert Rauschenberg davon - und begann die Idee umzusetzen. Das Werk "Flag" entstand. Heute sind die gemalten Flaggen Ikonen der Kunstgeschichte, Jasper Johns selbst gilt als Wegbereiter der Pop-Art.

Jasper Johns zählt zu den bedeutendsten Künstlern der USABild: imago images/Leemage

Schwieriger Anfang

Absehbar war das alles nicht. Geboren wurde Johns als Sohn eines Farmers am 15. Mai 1930 in Augusta im US-Bundesstaat Georgia. Seine Eltern trennten sich früh, als Kind musste er mit vielen Enttäuschungen kämpfen. Er wurde in der Familie herumgereicht, "es gab überhaupt keine Stabilität", erinnert sich Jasper Johns später. Er habe sich immer wie ein Gast gefühlt. Anfang der 1950er Jahre flüchtete Johns nach New York. "Ich war nicht abenteuerlustig. Ich hatte eine Art formloser Existenz, in der ich immer Künstler sein wollte, aber ich hatte nicht viel Ausbildung. Ich hatte keinen Kontakt mit Menschen, die Künstler waren."

In New York sollte sich das ändern. Er lernte den Komponisten John Cage kennen, den Choreographen Merce Cunningham und den Künstler Robert Rauschenberg, der ein enger Freund wurde. Über Rauschenberg lernte Jasper Johns auch den Galeristen Leo Castelli kennen, der ihm seine erste Einzelausstellung ermöglichte. Seinen Lebensunterhalt bestritt der junge Johns damals, indem er in einer Buchhandlung jobbte oder beim Juwelier Tiffany's Schaufenster dekorierte.

Die gemalten Flaggen der USA sind Ikonen gewordenBild: picture-alliance/AP Photo/R. Vogel

Ein Gemälde oder eine Flagge?

In den 1950er Jahren entstanden die heute so ikonischen amerikanischen Flaggen - mit in Wachs gelösten Pigmenten auf Collagen aus Zeitungspapier. Eine patriotische Aussage seien die Fahnen nie gewesen, stellt der Künstler später klar. Nur praktisch. "Ich musste das Motiv nicht mehr entwerfen."

Mit "Flag" stellt Johns seine zentrale Frage nach dem Verhältnis von Gemälde und abgebildetem Gegenstand. Steht man hier vor einem Kunstwerk oder einer Flagge? Später fing er an Zahlen zu malen - und stellt auch hier dieselbe Frage: Was ist Zahl, was ist Gemälde?

Mehr als nur reine Zahlen: "Zero to Nine" heißt dieses Gemälde des US-Künstlers Jasper Johns - zu sehen im Museum Ludwig in KölnBild: picture-alliance/Ralph Goldmann

Die Kunstgeschichte ordnet Jasper Johns heute zwischen dem Abstrakten Expressionismus und der Pop Art ein. Berühmt ist sein Humor: Als 1960 Maler-Kollege Willem de Kooning über Johns Entdecker - den legendären New Yorker Galeristen Leo Castelli - sagte, "der Gauner" könne alles, selbst zwei Bierdosen als Kunst verkaufen, ließ Jasper Johns kurzerhand zwei Dosen aus Bronze gießen und bemalte sie. Castelli verkaufte die Skulptur, heute steht sie im Museum Ludwig in Köln.

Einer der teuersten lebenden Künstler

Immer wieder entriss Johns Alltagsgegenstände ihrer Banalität und klopfte sie auf andere Bedeutungen ab. Neben verschiedenen Preisen (vom Goldenen Löwen 1988 auf der Biennale von Venedig bis zur von Barack Obama verliehenen Freiheitsmedaille des Präsidenten 2011, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA) brachte das Jasper Johns auch die Ehre eines Auftritts in der Zeichentrickserie "Die Simpsons" ein: in der Figur eines Kleptomanen, der sich die Taschen auf einer Party mit Glühbirnen und Taschenlampen vollstopft. Tatsächlich hat Jasper Johns Glühbirnen und Taschenlampen in einer Werk-Reihe in höchstpreisige Skulpturen verwandelt.

Große Ehre: Jasper Johns erhielt 2011 die US-FreiheitsmedailleBild: imago images/UPI Photo

Auf dem Kunstmarkt erzielen Johns Gemälde inzwischen Millionen. "False Start" von 1959 wurde im Jahr 2006 für 80 Millionen Dollar verkauft. Demgegenüber nehmen sich die knapp 30 Millionen Dollar bescheiden aus, für die "Flag" 2010 den Besitzer wechselte. Die ikonische Aufladung des Gemäldes lässt sich in Geld indes schwerlich abbilden. Das heute im New Yorker Museum of Modern Art hängende Bild - und auch sein Maler - haben längst den Status eines Nationalheiligtums.

Jasper Johns selbst hingegen lebt zurückgezogen auf seinem Anwesen im US-Bundesstaat Connecticut. "Ich gehe nirgendwo mehr hin", sagte Johns jüngst der "New York Times". Aber er arbeite weiter jeden Tag - auch wenn er noch nie gerne über die Bedeutung seiner Bilder gesprochen hat. "Das muss jeder für sich selbst interpretieren. Für mich liegt die Bedeutung im Bild selbst."

 

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