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Der syrische Mediziner, der zu den 80 Prozent gehört

9. April 2026

Bundeskanzler Friedrich Merz hat eine Debatte um die Rückkehr von 80 Prozent der Syrer losgetreten. Will Deutschland damit auch diejenigen abschieben, die bestens integriert sind und die das Land so dringend braucht?

Mediziner steht in einem Zimmer, im Hintergrund ein Bildschirm mit dem Röntgenbild eines Kiefers
Der syrische Mediziner Basel Gawish kämpft gegen seine AbschiebungBild: privat

Am 20. März, zehn Tage bevor Friedrich Merz und der syrische Übergangspräsident al-Scharaa die Rückkehr von Hunderttausenden Syrern ins Spiel bringen, bekommt Basel Gawish Post vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Es ist das Schreiben, das der 31-jährige Syrer immer gefürchtet hat: Der Antrag auf Asyl wird abgelehnt, subsidiärer Schutz nicht zuerkannt, Gawish wird aufgefordert, Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen.

"Ich war vollkommen überrascht und am Boden zerstört", sagt Gawish der DW. "Ich wurde in Syrien entführt und bin über mehrere Länder geflohen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Asylantrag abgelehnt wird." Seine letzte Hoffnung: die eingereichte Klage beim Verwaltungsgericht in Karlsruhe.

Basel Gawish spricht nach gerade einmal zwei Jahren in Deutschland in nahezu perfektem Deutsch, sein Leben ist eigentlich die Erfolgsgeschichte einer vollkommen gelungenen Integration. Der ausgebildete Zahnarzt hospitiert gerade bei einem Kieferchirurgen im süddeutschen Städtchen Bühl, der ihn gerne übernehmen würde. Außerdem übersetzt er ehrenamtlich für die Diakonie, das Deutsche Rote Kreuz und sogar die Bundespolizei - auch auf Arabisch, Englisch und Türkisch.

"Das ist mein Land. Ich spreche die Sprache, ich möchte bleiben. Deutschland hat mir vor zwei Jahren ein Dach über dem Kopf gegeben und mich unterstützt. Dafür habe ich großen Respekt und will dem Land etwas zurückgeben", so Gawish.

"Omas gegen rechts" protestieren gegen Gawishs Abschiebung

Dabei kann der Syrer auch auf die Unterstützung der "Omas gegen rechts" bauen. Die bundesweite Bürgerinitiative hat mit der Petition "Basel muss bleiben!" knapp 30.000 Unterschriften gesammelt, um seine Abschiebung zu verhindern. Die doppelte Zahl sei das Ziel, sagt Nadja Glatt der DW, welche die Unterschriftenaktion gestartet hat.

"Zahnmedizinisches Personal ist ein Mangelberuf in Deutschland. Solche Menschen abzuschieben, versteht niemand. Es ist völlig verrückt und blinder Aktionismus. Basel Gawish hat von Anfang an nur versucht, sich so gut wie möglich in Deutschland zu integrieren. Sein einziger Wunsch ist es, hier ankommen und als Zahnarzt oder als Kieferchirurg arbeiten zu dürfen."

"Wenn wir alle integrierten Syrer abschieben, die ihren Job machen, bricht unser System zusammen" - Nadja GlattBild: privat

Regierung will mehr Syrer zur Rückkehr bewegen

Gehört Gawish damit bereits zu den 80 Prozent der Syrerinnen und Syrer, die Deutschland in den nächsten drei Jahren verlassen sollen, um ihre Heimat wiederaufzubauen? Letztendlich wollten zwar weder Bundeskanzler Friedrich Merz noch der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Schaara diese Zielmarke so genannt haben.

Rückkehr nach Syrien: Auf der Suche nach Heimat

26:04

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Doch die politische Richtung ist klar: Die Regierung aus CDU/CSU und SPD möchte deutlich mehr der knapp 950.000 Syrerinnen und Syrer in Deutschland dazu bewegen, zurückzukehren. Dazu passt auch der Vorstoß des hessischen Innenministers Roman Poseck (CDU), der sogar eine Rückführung per Schiff ins Spiel brachte.

"Die Menschen abzuschieben, die bestens integriert und gut auffindbar sind - beispielsweise an ihrem Arbeitsplatz -, ist nicht unbedingt das, was man möchte, aber es ist am einfachsten umsetzbar. Weil Menschen, die alles richtig machen, die registriert sind, eine Arbeit haben und womöglich noch Kinder in der in der Schule, natürlich eine große administrative Spur hinter sich herziehen", sagt Marie Walter-Franke der DW. "Man weiß, wo sie wohnen, man weiß, wo sie sich jeden Tag hinbewegen und dann sind sie auf der Arbeit gut greifbar."

Fachkräfte-Problem: Die Menschen kommen, aber bleiben oft nicht

Walter-Franke arbeitet beim Sachverständigenrat für Integration und Migration SVR, ihr Spezialgebiet ist die Einbürgerung und Integration von Flüchtlingen. In einem Forschungsprojekt hat sie in den letzten Jahren Interviews mit Dutzenden Geflüchteten aus Syrien geführt, auch nach dem Sturz des Assad-Regimes.

Niemand wolle wegen der instabilen und unsicheren Situation und der katastrophalen Versorgungslage zurück, ganz im Gegenteil - dabei hatte Friedrich Merz noch betont, eine Mehrzahl der Syrerinnen und Syrer würde gerne zurückkehren, um die Heimat wiederaufzubauen.

Die Migrationsexpertin sieht die neueste Syrien-Debatte sehr kritisch. "Mich stört dieser Grundtenor dahinter, der einfach allen ausländischen Menschen vermittelt: Ihr seid hier nicht willkommen." Deutschland habe sehr viel getan in Sachen Migrationsabkommen, mit Projekten zur Ausbildung von Fachkräften im Ausland und mit Anwerbungen für Studium und Arbeit.

"Aber wir haben ein großes Problem, die Menschen auch dauerhaft zu behalten. Und das wird durch diese Art von Aussagen, die nur auf Rückkehr und Abschiebung setzen, nicht besser."

"Die Annahme, dass Menschen nach Syrien zurückkehren, wenn man nur die richtigen Anreize setzt, ist realitätsfern" - Marie Walter-FrankeBild: Setzpfandt (SVR)

Junge Syrerinnen und Syrer als Potenzial für den Arbeitsmarkt

Marie Walter-Franke fordert stattdessen: mehr Personal in den Ausländerbehörden und Gerichten, damit Syrer nicht so lange auf ihre Aufenthaltstitel warten müssen. Die Möglichkeit von Erkundungsbesuchen in der syrischen Heimat, ohne den Aufenthaltstitel in Deutschland zu gefährden.

Und klare Perspektiven für Betriebe und Geflüchtete, sodass diese auch nach der Ausbildung bleiben können - so wie im Fall von Basel Gawish und seinem Kieferchirurgen. Vor allem sollte die Regierung das große Potenzial sehen, das mit der syrischen Einwanderung einhergeht.

"Man darf auch nicht vergessen, dass ein Drittel der Syrerinnen und Syrer in Deutschland minderjährig sind und die Schule besuchen. Das sind über 200.000 Personen, die in den nächsten Jahren für den Arbeitsmarkt bereitstehen, die perfekt Deutsch sprechen, hier aufgewachsen sind und nicht die gleichen Barrieren erleben werden wie ihre Eltern, was Sprache, Qualifikation und Qualifikationsanerkennung anbelangt."

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