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Der Ukraine-Krieg und die Bio-Frage

Ernährung | 16.03.2022

Russlands Angriff auf die Ukraine gefährdet die globale Ernährungssicherheit. Was heißt das für die Zukunft der Landwirtschaft? Sollten wir stärker auf konventionellen Anbau setzen, statt auf mehr Nachhaltigkeit?

Im kommenden Jahr soll die neue EU-Agrarpolitik in Kraft treten - mit vielen neuen Regeln für mehr Nachhaltigkeit. Unter anderem sollen Landwirtinnen und Landwirte vier Prozent ihrer Fläche brachliegen lassen, um Artenvielfalt zu fördern und die Böden zu schonen.

Laut dem sogenannten  "Green Deal", mit dem die Europäische Union bis 2050 klimaneutral werden will, sollen außerdem bis 2030 nur noch halb so viele Pestizide und 20 Prozent weniger synthetischer Dünger eingesetzt werden. Auf mindestens einem Viertel der Anbaufläche soll dann Bio-Landwirtschaft stattfinden. Denn der Einsatz von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln sorgt in der intensiv betriebenen, konventionellen Landwirtschaft zwar für hohe Erträge - aber auch für hohe Umweltschäden wie ausgelaugte Böden, verschmutztes Grundwasser, CO2-Emmissionen und das drastische Artensterben.

Weniger Öko-Anbau - mehr Ernährungssicherheit?

Im ökologischen Anbau wiederum fällt die Ernte in der Regel deutlich niedriger aus. So waren die Erträge im deutschen Bio-Getreideanbau zwischen 2012 und 2019 durchschnittlich nur knapp halb so hoch wie die im konventionellen Anbau.

Und so werden angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine in Deutschland Stimmen laut, die die Nachhaltigkeitsziele der EU-Agrarpolitik infrage stellen. Die landwirtschaftliche Produktion in der Europäischen Union müsse kurzfristig "deutlich ausgeweitet werden", heißt es etwa aus der mitregierenden FDP. Auch Teile der oppositionellen CDU und der Deutsche Bauernverband fordern, verschiedene Öko-Maßnahmen auszusetzen, um die Produktion angesichts des Ukraine-Krieges zu erhöhen.

Panzer statt Traktoren: Ein Feld in der Region Donezk im Osten der Ukraine Anfang März

Die für die Welternährung wichtigen Weizenausfuhren aus der Ukraine und Russland über das Schwarze Meer sind nach Angaben des größten deutschen Agrarhändlers Baywa weitgehend zum Erliegen gekommen. Beide Länder zählen zu den Groß-Exporteuren von Grundnahrungsmitteln wie Mais, Weizen und Pflanzenölen.

Große Probleme für die Landwirtschaft der Ukraine

"In den von russischen Truppen besetzten Regionen sind landwirtschaftliche Tätigkeiten gar nicht mehr möglich", schreibt Roman Slaston, Generaldirektor des Ukrainian Agribusiness Club (UCAB), einem Wirtschaftsverband, der die Interessen führender Unternehmen des ukrainischen Agrar- und Ernährungssektors vertritt, der Deutschen Welle auf Anfrage. Und der Landwirt Kees Huizinga berichtet der DW: "Egal aus welcher Region - die ukrainischen Landwirte können den Großteil ihrer Waren nicht mehr exportieren, weil die Häfen im Süden wegen der russischen Belagerung dicht sind". Seinen Hof, 200 Kilometer südlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew, hat der Niederländer mittlerweile verlassen.

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Deutsche Bauern verlassen die Ukraine

"Klar ist: Der Weltmarkt braucht Ersatz für das, was aus der Ukraine und möglicherweise auch aus Russland nicht geliefert werden wird", sagt Stephan von Cramon-Taubadel, Professor für Agrarökonomie an der Georg-August-Universität Göttingen. Denn auch die Lager seien derzeit nur dürftig gefüllt - unter anderem wegen Ernteausfällen durch die Dürre in Kanada sowie der unterbrochenen Lieferketten während der Corona-Pandemie.

Die Ernährungssicherheit in der EU sei durch den Ukraine-Krieg nicht gefährdet, betonte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir auf dem Treffen der G7-Agrarminister am 11. März. Doch ärmeren Ländern machen die schon jetzt extrem gestiegenen Preise für Nahrungsmittel stark zu schaffen - die Sorge vor Hungersnöten wächst.

Hier Bioprodukte, anderswo Umweltschäden?

Sollte die EU künftig auf mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft verzichten, um den angespannten Nahrungsmittelmarkt zu entlasten  - oder sogar selbst mehr exportieren? "Wenn wir hier in Europa weniger produzieren, wird woanders mehr produziert werden, und das kann dort womöglich zu noch höheren Umweltkosten führen als hier bei uns", gibt von Cramon-Taubadel zu bedenken.

Rinderherde im brasilianischen Bundesstaat Para: Weideland speichert mehr CO2 als Ackerboden

"Wenn etwa in Südamerika Weideland zu Ackerfläche umgewandelt wird, hätte das aus globaler Umweltsicht negative Auswirkungen, weil die Humusbildung im Boden beeinträchtigt und verstärkt CO2 freigesetzt würde", erklärt Thomas Herzfeld, Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO).

Es könne daher sinnvoll sein, die konventionelle Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, als etwa an festen Quoten für den Bio-Landbau festzuhalten, meinen beide Experten. Vorschriften für weniger Pestizide oder Dünger seien aber wichtig. Denn, so Thomas Herzfeld: "Der Grundwasserschutz wird ja nicht deswegen weniger wichtig, weil wir mehr produzieren wollen."

Mehr Fläche für Nahrungsmittel statt Tierfutter

Und es gibt noch etwa zu bedenken, in dieser Debatte: den Konsum von tierischen Produkten. "Weltweit gehen 40 Prozent des angebauten Getreides - egal ob konventionell oder ökologisch - in die Tierfütterung. Wenn wir uns wirklich um die Welternährung kümmern wollen, müssten wir vor allem weniger Tiere halten", betont Tobias Reichert, Referent für Agrarpolitik und Welthandel bei der Nichtregierungsorganisation Germanwatch. Wenn weniger Tierfutter angebaut würde, könnten auf den freigewordenen Flächen deutlich mehr Grundnahrungsmittel für Menschen angebaut werden.

Vor allem in Regionen, in denen Landwirtschaft nicht effektiv betrieben werde, gebe es noch viel Potential, die Erträge zu steigern - etwa im südlichen Afrika und in Südasien, sagt Reichert. "Wenn wir hier investieren, ist für die Welternährung viel mehr gewonnen, als wenn wir in der EU oder anderen Industrienationen versuchen, unsere Produktion noch ein bisschen zu erhöhen." 

"Abhängigkeit vom Dünger reduzieren"

Nicht nur für Lebensmittel, auch für Kunstdünger steigen die Preise derzeit enorm. Vor gut zwei Wochen hatte Russland angekündigt, den Export von Dünger vorübergehend auszusetzen - bis auf Vereinbarungen mit "befreundeten Staaten". Allein an Kalidünger halten Russland und das befreundete Belarus einen Weltmarktanteil von 40 Prozent. Russland zählt zu den weltweit größten Lieferanten von Ammoniak für die Stickstoff-Düngung.

Kunstdünger ist essentiell für die konventionelle Landwirtschaft. Wird er teurer, steigen die Preise für konventionell angebaute Lebensmittel. Fehlt er, fallen die Erntemengen deutlich geringer aus.

Eine längere Unterbrechung der globalen Versorgung mit Stickstoff, Kali und Phosphor könne die konventionelle Getreideproduktion "in vielen Teilen der Welt bis zum Wirtschaftsjahr 2022/23 erheblich beeinträchtigen", schreibt das landwirtschaftliche Nachrichtenportal agrarheute.

Vor dem Sondertreffen der G7-Agrarminister am 11. März forderten deswegen die Umweltschutzorganisation Greenpeace und das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor, schnelle Maßnahmen gegen eine weltweite Hungerkrise zu ergreifen. Der Verbrauch von Nahrungsmitteln als Tierfutter oder für die Energiegewinnung müsse ebenso verringert werden wie langfristig auch die globale Abhängigkeit von Lebensmittel-, Dünger- und Energieimporten.

Der Ausbau der nachhaltigen Landwirtschaft sei dazu der beste Schritt, heißt es weiter.

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