Der vergessene Unglücksort
25. April 2008
Über den Lenin-Prospekt holpert der Kleinbus mit ausländischen Touristen ins Zentrum von Pripjat, vorbei an zerbröckelnden Plattenbauten mit leeren Fensterhöhlen. Es ist eine Fahrt durch eine Geisterstadt: Seit 22 Jahren ist die Stadt der Kraftwerks-Mitarbeiter von Tschernobyl verlassen. Wilde Rosenbüsche wuchern über die Straße. Auf einem Balkon im 6. Stock wächst eine Birke. Meterhoch wuchert Unkraut auf den Bürgersteigen. Auf dem Festplatz rostet ein Riesenrad. Es war 1986 für die Feiern zum 1. Mai aufgebaut worden. Doch dann explodierte der 4. Reaktorblock von Tschernobyl. Und Pripjat wurde komplett geräumt.
Fast 50.000 Menschen verloren ihr Zuhause - auch Viktor Haidak und seine Familie. Der ehemalige Kraftwerksingenieur wird im nächsten Monat 68 Jahre alt. Sein Werksausweis zeigt einen gesunden, kräftigen Mann. Heute ist Viktor nur noch ein Schatten seiner selbst. "Ich hatte zwei Herzinfarkte, eine Krebsoperation", klagt er. "Früher wog ich gut 100 Kilo, jetzt nur noch 66. Mir geht es schlecht, ich zähle jeden Tag, jeden Monat, den ich lebe." Der schmächtige Mann sitzt im Wohnzimmer seiner Drei-Zimmer-Wohnung im Kiewer Stadtteil Trojeschjna. 1986 wurden hier Tausende Pripjat-Umsiedler einquartiert. Das Neubauviertel war gerade fertig geworden.
Rückkehr in eine tote Stadt
Hier lebt Victor seit dem Unglück mit seiner Ehefrau Lidia, dem jüngsten Sohn Nikolaj, und der Familie seiner älteren Tochter. Insgesamt sechs Personen auf 42 Quadratmetern. Victor und seine beiden älteren Söhne, die in der Nähe wohnen, haben bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl geholfen. Alle drei sind heute schwer krank. Ein Schicksal, dass sie mit Tausenden teilen. "In unserem Haus wohnten 36 Familien aus Pripjat", erzählt Victor. "Jetzt leben noch 11 Männer von diesen Familien, vier Männer sind sehr krank, fast alle haben Krebs." Umgerechnet 130 Euro Invalidenrente bekommt Victor – den Höchstsatz. Als vor zwei Jahren sein Magenkrebs operiert wurde, sammelte die Familie Geld bei Verwandten, um das Krankenhaus zu bezahlen.
Vom ukrainischen Staat würden die Opfer vergessen, klagt Victor. Oft träumt er von Pripjat - vor dem Unfall. Von seinem alten Leben, einer heilen Welt. Im letzten Jahr war die Familie zu Besuch in der stark verstrahlten 30-Kilometer-Sperrzone um den Unglücksreaktor. 70 Dörfer gab es früher auf dem Gebiet, das so groß ist wie Luxemburg. Inzwischen sind einige hundert Menschen dorthin zurückgekehrt. Die Behörden dulden sie. Trotz der Strahlung wollen die Alten ihre letzten Jahre dort verbringen. Die Haidaks haben das Grab von Victors Vater besucht, das alte Wohnhaus fotografiert, die Klinik, in der Sohn Nicolai auf die Welt kam.: "Es war sehr merkwürdig. Nichts ist mehr, wie es war", erinnert sich Victors Frau Lijdja an die Reise. "Alles ist gestohlen werden, es ist ein fruchtbar und merkwürdig Ort. Nichts Lebendes ist dort geblieben."
Nadeschda heißt Hoffnung
Doch die Haidaks geben nicht auf. Das Leben geht weiter: Nikolai war noch ein Säugling, als der Reaktor explodierte. Schon als Baby musste er Krebsbehandlungen über sich ergehen lassen. Heute studiert er Informatik. "Ich will Computer-Programmierer werden und arbeite nebenbei als System-Administrator, um mein Studium zu finanzieren", sagt der 22jährige. Er sei krank, aber versuche nicht immer daran zu denken, um zu leben, um zu überleben. Genetische Schäden werden noch viele Generationen von Tschernobyl-Nachkommen belasten. Auf dem Arm hält Nikolai seine kleine Nichte. Auch die Zweijährige ist nicht gesund. Nadeschda haben ihre Eltern sie genannt: auf Russisch heißt das: Hoffnung.