10 Jahre nach Brexit-Votum: Deutsch-britische Annäherung
22. Juni 2026
Es ist ein Abgang, der sich seit Wochen abgezeichnet hat: Der britische Premierminister Keir Starmer hat nach massivem Druck aus seiner Labour-Partei seinen Rücktritt angekündigt. Noch bleibt er im Amt - doch seine Nachfolge ist bereits in Sicht. Vieles spricht dafür, dass Andy Burnham übernimmt, der frühere Bürgermeister von Greater Manchester und einer der populärsten Köpfe der Partei.
In Berlin scheint man Starmer ein wenig nachzutrauern. "Die Bundesregierung hat in Keir Starmer immer einen verlässlichen und engen Partner gehabt in außenpolitischen und gerade die Ukraine betreffenden Fragen", sagte Regierungssprecher Stefan Kornelius am Montag (22.6.). Deutsche Politiker haben zudem nicht vergessen, dass sich nach dem Brexit vor allem Starmer um eine Wiederannäherung an die EU und gerade an Deutschland bemüht hat.
Das Referendum zur Frage eines britischen EU-Ausstiegs liegt jetzt zehn Jahre zurück. Als das Ergebnis am Morgen des 24. Juni 2016 bekannt wurde, gab es einen Aufschrei in der gesamten Europäischen Union - und besonders in Deutschland. Knapp 52 Prozent hatten für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt, 48 Prozent dagegen. Der damalige deutsche Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einem "Desaster", die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel von einem tiefen Einschnitt für Europa.
Nur eine Minderheit in Deutschland hatte dieses Ergebnis erwartet. Zu abwegig erschien den meisten Politikern und Journalisten der Wunsch, die EU und damit die Vorteile des europäischen Binnenmarktes zu verlassen. Unterschätzt wurde gerade in Deutschland die britische Kampagne, "die Kontrolle zurückzubekommen", die vor allem Boris Johnson von den Konservativen geführt hatte.
Kontrolle wollten die Brexit-Befürworter auch über die Einwanderung zurückbekommen. Und damit hatte das Ergebnis des Referendums auch eine deutsche Dimension. Merkels Politik der offenen Grenzen ab September 2015 bedeutete, dass eingebürgerte Migranten automatisch auch ein Niederlassungsrecht in Großbritannien hatten. "Die Migrationspolitik war für die Brexit-Entscheidung mit ausschlaggebend", sagt Christophe Fricker von der englischen Universität Bristol, der viel zum Thema Brexit publiziert hat. Er spricht aber auch von der "Ironie, dass seit dem Brexit die Einwanderungszahlen nochmal deutlich hochgegangen sind, nur eben nicht die von EU-Europäern."
Der deutsch-britische Handel ist stark eingebrochen
Nach jahrelangen Verhandlungen trat das Vereinigte Königreich dann am 31. Januar 2020 aus der Europäischen Union aus. Die endgültige Trennung von Binnenmarkt und Zollunion war erst am 1. Januar 2021 vollzogen.
Der Unterschied zu früher zeigt sich etwa beim deutsch-britischen Handelsaustausch. Seit dem Brexit ist er nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer deutlich zurückgegangen. War das Vereinigte Königreich 2016 noch der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands, rangiert es heute nur noch auf Platz neun.
Deutschland hat aber nach den Worten von Christophe Fricker nicht nur einen starken Handelspartner verloren: "Was man verloren hat, ist ein starker Verteidigungspartner. Das ist ja jetzt das Thema, wo die Zusammenarbeit wieder beginnt. Und man hat natürlich Freunde verloren. Es gab ja einen sehr, sehr engen zwischenmenschlichen, zivilgesellschaftlichen Austausch. Und das ist schwieriger und weniger geworden." Bei deutschen Jugendlichen, beklagt er, sei Großbritannien "vom Radar verschwunden".
Neue Zusammenarbeit bei Verteidigung
Inzwischen findet aber längst eine Wiederannäherung statt. Der deutsch-britische Handel wird durch das Handels- und Kooperationsabkommen der EU mit Großbritannien geregelt, er liegt also nicht in der Hand der Regierung eines einzelnen EU-Staates.
Aber auch bilateral sind beide Länder wieder aufeinander zugegangen, vor allem durch zwei Verträge, in deren Kern eine Verteidigungspartnerschaft steht. Sie begann mit der im Oktober 2024 unterzeichneten Trinity-House-Vereinbarung zur verstärkten Kooperation im Verteidigungsbereich und wurde im Juli 2025 durch den Kensington-Vertrag erweitert, einen Freundschaftsvertrag zur allgemeinen Vertiefung der britisch-deutschen Beziehungen.
Wichtig für die bilateralen Beziehungen nach dem Brexit war auch der dreitägige Staatsbesuch von König Charles im März 2023 nach Berlin und Hamburg. Dabei hielt Charles auch die erste Rede eines britischen Monarchen im deutschen Bundestag, zum Teil auf deutsch.
Burnham gilt als Deutschland- und EU-freundlich
Mit Friedrich Merz und Keir Starmer standen zuletzt zwei Männer an der Spitze beider Regierungen, die aus verschiedenen Parteifamilien kommen, Starmer aus der sozialdemokratischen Labour-Partei, Merz aus der konservativen CDU.
Trotzdem verbindet sie einiges, glaubt Linn Selle von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: "Starmer ist ebenso wie Merz ein Pragmatiker, beide eint die starke Unterstützung der Ukraine", so Selle gegenüber der DW. "Auch ist Merz stark angelsächsisch geprägt, hat den Brexit eng begleitet und möchte sicherlich auch politisch eine engere Bindung des Vereinigten Königreichs an die Europäische Union."
Doch Starmer ist nun fast schon Geschichte. Er dürfte aber noch am nächsten Treffen der sogenannten E5-Gruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen) zur Unterstützung der Ukraine am Mittwoch in Berlin teilnehmen.
Von seinem wahrscheinlichen Nachfolger Andy Burnham wird aber kein Kurswechsel in Sachen Wiederannäherung an die EU erwartet. Burnham gilt als überzeugter Proeuropäer. Er hatte in der Vergangenheit mehrfach den Brexit kritisiert.
In seiner langen Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester setzte er sich auch für den britisch-deutschen Austausch ein. So unterzeichnete Burnham 2021 ein Abkommen mit der Metropole Ruhr, die erste regionale Partnerschaft zwischen beiden Ländern. Und 2025 initiierte er gemeinsam mit deutschen Vertretern eine Zusammenarbeit in den Bereichen Wasserstoff, Cybersicherheit und digitale Gesundheit.
Ein neues EU-Referendum ist kein Thema
Wie würde ein Referendum über einen EU-Ausstieg in Großbritannien heute ausgehen? "Die Umfragen haben sich in jüngerer Zeit gedreht, und die Mehrheit für einen Verbleib scheint seit einer Weile zu bestehen und solider zu werden", sagt Christophe Fricker von der Universität Bristol. "Es haben sicher ganz viele Leute gemerkt hier, dass der Ausstieg keine gute Idee war und dass er ihnen geschadet hat."
Doch kein führender britischer Politiker der großen Parteien, auch nicht Andy Burnham, schlägt derzeit eine neue Abstimmung dazu vor. Die deutsche Regierung wird also auf absehbare Zeit mit der Situation leben müssen und kann höchstens versuchen, zusammen mit den Briten das Beste daraus zu machen - solange in London eine Regierung an der Macht ist, die das auch will.