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Deutsche Entwicklungshilfe: Lob und Tadel für neue Strategie

12. Januar 2026

Die Bundesregierung will bei der Entwicklungshilfe Deutschlands Interessen stärken und gleichzeitig ärmere Länder mehr unterstützen. Wie soll das gelingen?

Deutschlands Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) erläutert auf einer Pressekonferenz in Berlin gestikulierend ihren Reformplan. Dafür hält sie mit der linken Hand das Strategie-Papier mit dem Titel "Zukunft zusammen global gestalten" in die Höhe. Die 35-Jährige hat lange schwarze Haare und ist mit einem blauen Pullover bekleidet, darüber trägt sie ein Jackett in der gleichen Farbe.
Deutschlands Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) nennt die Kürzungen ihres Etats "schmerzhaft" Bild: Britta Pedersen/dpa/picture alliance

Zunächst ein Blick auf die Zahlen: Dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stehen 2026 etwas mehr als zehn Milliarden Euro zur Verfügung, vor vier Jahren waren es noch fast 14 Milliarden. Das ist der finanzielle Hintergrund, vor dem Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan am Montag in Berlin die neue Strategie ihres Hauses präsentiert hat.

"Wir können nicht überall alles machen, deshalb bündeln wir unsere Kräfte", sagte die Sozialdemokratin zu ihrem Reformplan mit dem Titel "Zukunft zusammen global gestalten". Das 26-seitige Papier ist auch eine Antwort auf die massiven Kürzungen, denen bis 2029 weitere folgen sollen. Und das in einer Zeit, in der sich die USA unter Präsident Donald Trump als bislang größter Mittelgeber fast komplett aus der Entwicklungshilfe zurückgezogen haben.   

Dreiklang: Entwicklungspolitik, Diplomatie, Verteidigung

Die internationale Solidarität stehe massiv unter Druck, bedauerte Alabali Radovan. Angesichts von immer mehr Krisen und Kriegen müsse man sich an die neuen Realitäten anpassen: "Entwicklungspolitik wird noch stärker zum Baustein deutscher Sicherheit im Dreiklang mit Diplomatie und Verteidigung."

Hilfsorganisationen in Afrika spüren Trumps Sparkurs

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Außerdem soll das knapper werdende Geld stärker für die Hunger- und Armutsbekämpfung eingesetzt werden. "Wir ziehen uns aus keinem Partnerland zurück", betonte die seit Mai 2025 amtierende Ministerin. "Gleichzeitig ist aber völlig klar, dass wir alleine die Lücke der USA nicht schließen werden können, aber auch nicht in Konkurrenz zu China gehen", sagte sie auf DW-Nachfrage.

Deutsche und europäische Unternehmen sollen profitieren

Die nach den USA größte Wirtschaftsnation der Welt engagiert sich schon lange vor allem in Afrika entwicklungspolitisch. Aus Sicht westlicher Länder oft auf Kosten der betroffenen Länder. Deutschlands Ziel sei hingegen Wertschöpfung in den Zielländern und Regionen, sagte die Ministerin: "Gute Arbeitsplätze, gute Bedingungen unter Einhaltung von Menschrechtsstandards, von Klimastandards. Und das am besten natürlich mit deutschen oder europäischen Unternehmen."  

Zum Paradigmenwechsel in der deutschen Entwicklungshilfe gehört auch eine andere Form der Zusammenarbeit mit sogenannten Schwellenländern, deren Wirtschaft sich im Großen und Ganzen gut entwickelt. Sie sollen künftig nur noch mit Darlehen der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt werden. Potenzielle Empfänger dieser Mittel wären nach Alabali Radovans Angaben Länder wie Indien, Südafrika und Mexiko.

Deutsche Entwicklungshilfe für den Wiederaufbau der Ukraine

In Krisenregionen will sich Deutschland verstärkt auf Länder konzentrieren, "die für Deutschland und Mitteleuropa von zentraler Bedeutung sind“. Im Strategie-Papier ist dabei von östlicher Nachbarschaft in Europa ebenso die Rede wie vom Nahen Osten, Nordafrika, der Sahelregion und dem Horn von Afrika.

Wiederaufbau der Ukraine - schon jetzt im Fokus

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Mit Blick auf die Ukraine und den Wiederaufbau nach einem Ende des von Russland völkerrechtswidrig geführten Krieges will das deutsche Entwicklungsministerium eine führende Rolle übernehmen. Zugleich soll damit ein strategisches Ziel in der gesamten Region erreicht werden: "In Südost- und Osteuropa und dem Kaukasus geht es auch darum, ein Gegenweicht zum russischen Einfluss zu bilden."   

VENRO sieht Licht und Schatten

Die neue Strategie der deutschen Entwicklungspolitik stößt bei Hilfsorganisationen und in der Politik auf ein geteiltes Echo. Der Dachverband entwicklungspolitischer und humanitärer Nichtregierungsorganisationen, VENRO, sieht Licht und Schatten. "Wichtig ist, dass das Engagement in den am wenigsten entwickelten Ländern des Globalen Südens gestärkt und moderne Instrumente wie die Lokalisierung der Entwicklungszusammenarbeit dabei noch stärker gefördert werden sollen", erklärte der Vorstandsvorsitzende Carsten Montag auf DW-Anfrage.

Kritisch beurteilt VENRO, dem rund 150 Organisationen angehören, die geopolitische und wirtschaftliche Ausrichtung. Sie scheine vornehmlich nationale Wirtschaftsinteressen zu betonen. "Die Entwicklungszusammenarbeit darf nicht zu einem Förderinstrument dieser Interessen werden, sondern muss weiterhin in erster Linie auf den Abbau globaler Ungerechtigkeiten abzielen", fordert Montag.

Welthungerhilfe: "Wichtiger Schritt in die richtige Richtung"     

Die Deutsche Welthungerhilfe äußerte sich gegenüber der DW überwiegend positiv: Man begrüße, dass im Reformplan Hunger, Armut und Ungleichheit klar als oberste Priorität deutscher Entwicklungszusammenarbeit benannt seien. "Denn noch immer leiden 673 Millionen Menschen Hunger, das ist jeder 12. Mensch auf der Welt", erinnert Generalsekretär Mathias Mogge an das globale Ausmaß der Ernährungskrise. Auch der stärkere Fokus auf die am wenigsten entwickelten Länder sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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Sehr zufrieden mit den Reformplänen ist die Deutschland-Direktorin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), Melanie Hauenstein: "Es ist richtig, dass das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Zeiten globaler Unsicherheiten seine Politik strukturell neu ausrichtet", teilte sie auf DW-Anfrage mit. "Belastbare internationale Zusammenarbeit ist gerade jetzt essenziell, um Sicherheit und Perspektiven zu schaffen - gerade in Krisengebieten."

"Das stärkt Deutschlands Rolle in der Welt"

Damit bekenne sich Deutschland weiterhin zu den Vereinten Nationen und einer regelbasierten Ordnung, betont Hauenstein. "Das stärkt Deutschlands Rolle in der Welt." Das Ministerium von Reem Alabali Radovan habe ein Angebot gemacht, das von der Bundesregierung und dem Parlament finanziell angemessen unterstützt werden müsse.

Genau damit beginnt die Kritik der Linken, die im Deutschen Bundestag zur Opposition gehören. Ihre Sprecherin für Globale Gerechtigkeit, Charlotte Neuhäuser, verweist gegenüber der DW auf die massiven Kürzungen im Etat des Entwicklungsministeriums: "Noch nie wurden die Gelder für Menschen in den Ländern des Globalen Südens so massiv zusammengestrichen wie unter der amtierenden Bundesregierung." Zudem habe Entwicklungsministerin Alabali Radovan sogar noch mehr Kürzungen angekündigt.

"Militarisierung der Entwicklungszusammenarbeit" 

Vor diesem Hintergrund seien die Pläne für eine neue deutsche Entwicklungszusammenarbeit nichts anderes als ein Schönreden von Rekordkürzungen bei denjenigen, die am stärksten von den Folgen globaler Ausbeutung, Kriegen und Klimakrise betroffen seien, kritisiert Neuhäuser.

Der Reformplan ist aus Sicht der Linken Teil des weltweiten Rechtsrucks in den internationalen Beziehungen. "Mehr Effizienz in der Entwicklungspolitik heißt nichts anderes als Haushaltskürzungen und Privatisierung. Mehr Geopolitik heißt nichts anders als eine Militarisierung der Entwicklungszusammenarbeit", argumentiert Neuhäuser unter Verweis auf die gleichzeitige Erhöhung der Rüstungsetats weltweit.   

Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
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