Deutsche Entwicklungspolitik: Partner im Globalen Süden
27. Januar 2026
Das Recht des Stärkeren ist zurück: Von einer "neuen Welt der Großmächte" sprach Bundeskanzler Friedrich Merz beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort war viel die Rede von Aufrüstung, von Wirtschaftsmacht, dem großen Power-Play und von US-Präsident Donald Trump. Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan bleibt ruhig und setzt sich in eine niedrige Schulbank aus Holz in einem der ärmsten Länder der Welt. Sie hat sich entschieden, jungen Menschen in Sierra Leone zuzuhören.
Plaudern auf der Schulbank
Und so plaudern die Schülerinnen und Schüler auf Englisch über gut gefüllten Tellern. Sie essen Reis und Gemüse, klimaangepasste Pflanzen wie Süßkartoffeln, angebaut von Bäuerinnen und Bauern der Umgebung, die dadurch ein verlässliches Einkommen haben. Ernährungssicherheit, Bildung und Klimaresilienz - das ist die Welt, für die sich Alabali Radovan stark macht.
"Wichtiger als in Davos zu sein"
"Genau jetzt hier zu sein bei den Kindern ist viel wichtiger, als in Davos zu sein", sagt Antoine Renard, Leiter Public Partnership beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) . Die UN-Organisation und das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) unterstützen gemeinsam das nationale Schulernährungsprogramm "Home-Grown School Feeding Program" im Distrikt Karene. Seit 2023 haben schon mehr als 34.000 Kinder in 115 Schulen vom Schulessen profitiert.
Rund 10 Millionen Euro hat das BMZ bereitgestellt, die Regierung von Sierra Leone finanziert knapp ein Drittel der jährlich 3,5 Millionen US-Dollar selbst. "Das zahlt sich aus", sagt Handelsminister Ibrahim Alpha Sesay. "Wir schaffen hier ein wirtschaftliches Ökosystem, einen Binnenhandel."
Alabali Radovan: "Wir steigen nicht aus"
Dabei hat der Küstenstaat in Westafrika extrem begrenzte Mittel: Die Eigeneinnahmen des Staates Sierra Leone entsprechen nur 8,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und seit die USA im August 2025 ihre Entwicklungsprojekte im Land beendet haben, tun sich riesige Lücken auf: Ob bei Ernährung - 77 Prozent der Menschen in Sierra Leone haben keine sichere tägliche Mahlzeit -, bei sauberem Wasser, Impfstoffen oder Bildungsprojekten.
"Wir steigen nicht aus!", verspricht Deutschlands Entwicklungsministerin. Das ist Teil ihrer neuen Strategie "Zukunft zusammen global gestalten": Alabali Radovan legt den Fokus auf die am wenigsten entwickelten Länder der Welt, die Least Developed Countries (LDC), insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent - Solidarität entgegen dem neuen imperialistischen Trend.
Nicht noch mehr Militärputsche!
Mit dem Kampf gegen Hunger und Ungleichheit will die SPD-Politikerin auch dazu beitragen, Konflikte, Kriminalität und Terrorismus einzudämmen. In der Nachbarschaft Sierra Leones sind diese Gefahren akut: Von Burkina Faso bis Guinea-Bissau bestimmen Militärputsche das Geschehen, sie lösen Fluchtbewegungen aus, und der grenzübergreifende Drogenhandel treibt gerade junge Menschen in die Abhängigkeit.
Die Regierung von Sierra Leone hat noch bis Juni 2026 den Vorsitz der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) und setzt sich für Stabilität in der Sahelzone ein sowie für freie und faire Wahlen.
Das ist in Deutschlands Interesse. "Wir teilen viele gemeinsame Werte", betont Alabali Radovan nach den politischen Gesprächen mit Vizepräsident Mohamed Juldeh Jalloh in der Hauptstadt Freetown. Er lobt die Kooperation und den Fokus auf die Jugend.
Privatwirtschaft machen die Anderen
Das gegenseitige Vertrauen hat auch heikle geopolitische Gespräche möglich gemacht, "die Frage von Schattenflotten und Aktivitäten anderer Staaten hier vor Ort", sagt die Ministerin. Im Strategiepapier ihres Ministeriums ist von einem erstarkten Engagement "systemischer Rivalen wie China, der Türkei, den Golfstaaten und Russland in Afrika" die Rede.
Sierra Leones Regierung betrachtet China bereits als engen strategischen Partner. Die Volksrepublik ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner (48 Prozent des Außenhandels), prägt den Bergbau und hat in Infrastruktur investiert. Die Türkei hat den modernen internationalen Flughafen in Lungi gebaut.
Und deutsche Unternehmen? Alabali Radovan setzt auf die Privatwirtschaft auch angesichts der anstehenden Budgetkürzungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit im Haushalt 2027. Doch das Risiko erscheint vielen offenbar noch zu hoch. In Sierra Leone waren Wirtschaftsvertreter nicht dabei.
Mehr Fairness
Private Investitionen, gleichberechtigter Handel und ein faires Finanzsystem sind der Teil der Partnerschaft, den es noch einzulösen gilt, wenn der jungen Generation in Sierra Leone wirklich die Zukunft gehören soll.
Matthias Mogge hat vor 13 Jahren das erste Projekt der Welthungerhilfe in Sierra Leone aufgebaut. Der CEO der deutschen NGO setzt auf Unterstützung durch Ausbildung. "Skills up!" heißt ein Programm in Newton Community - Jugendliche lernen, wie sie Gemüse anbauen und Solaranlagen montieren - ein Beitrag auch gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 70 Prozent. Die bewirtschafteten Felder sind eine Oase. Mogge und sein Team hoffen auf nachhaltiges Agrobusiness, statt wie bisher nur für den eigenen Bedarf zu wirtschaften. Dann könnten die Schwachen von heute die Starken von morgen werden.