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Deutsche Wirtschaft vor dem Ausverkauf?

Rolf Wenkel
23. Mai 2017

Neue Zahlen belegen: Die deutsche Wirtschaft ist zum Supermarkt für ausländische Investoren geworden. Das schürt Ängste vor Arbeitsplatzverlusten und Technologieklau - und ist oft unbegründet.

Grammer-Beschäftigte protestieren gegen Investor
Bild: picture alliance/dpa/A. Weigel

Der Wirtschaftsstandort Deutschland steigt laut einer Studie auch in Folge des geplanten Brexits in der Gunst ausländischer Investoren. Nach einer Untersuchung des Beratungsunternehmens A.T. Kearney werten Unternehmer Deutschland als eines der attraktivsten Zielländer für Investitionen. In einem weltweiten Vergleich liegtDeutschland in diesem Jahr auf dem zweiten Platz- und hat damit China verdrängt, heißt es in der Studie.

Im Jahr 2016 lag Deutschland in dem Ranking noch auf Platz vier, 2013 auf Platz sieben. Es sei möglich, dass Deutschland einer der großen Gewinner aus der Brexit-Abstimmung Großbritanniens für einen EU-Austritt werde, heißt es weiter. Deutschlands Aufstieg sei ein Teamsieg der Europäischen Union, sagte A.T. Kearney-Manager Martin Eisenhut.

Insel im Binnenmarkt

Deutschlands Spitzenposition lasse sich nicht alleine mit seiner wachsenden und stabilen Wirtschaftskraft, stabilen Politik und transparenten Regulierung erklären. Deutschland profitiere ohne Zweifel von seiner Einbettung in den weltweit größten Binnenmarkt. Weltweit planen laut der Untersuchung drei Viertel der Unternehmen, ihre Direktinvestitionen im Ausland in den nächsten drei Jahren auszuweiten. Dies sei ein Anstieg trotz der erwarteten Zunahme geopolitischer Risiken und Kritik an der Globalisierung.

In der Studie untersucht A.T. Kearney seit dem Jahr 1998, welche Länder Unternehmen attraktiv für ausländische Direktinvestitionen finden. Die Daten basieren den Angaben zufolge auf der regelmäßigen Befragung von Vorständen und Topmanagern von 1.000 global agierenden Unternehmen. Sie geben an, welches aus ihrer Sicht attraktive Länder für Direktinvestitionen sind. In dem Ranking liegen die USA nach wie vor auf Platz eins.

Neue Rekorde

Im vergangenen Jahr haben vor allem Käufer aus den USA, Europa und China die Rekordzahl von 873 deutschen Firmen übernommen, wie neue Zahlen der Beratungsgesellschaft PwC zeigen. Das entspricht einem Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Ende sei nicht in Sicht, meint PwC-Partner Steve Roberts. Viele Firmen hätten sich lange mit Zukäufen zurückgehalten und nun viel Bargeld angesammelt, um damit auf Einkaufstour zu gehen.

Allerdings mehren sich auch die Stimmen, die deutsche Firmen als Übernahmeopfer sehen, ein Ausschlachten des Firmenkerns, den Abbau von Arbeitsplätzen und den Verlust von deutschen Know-how befürchten. Ein Beispiel für solche Ängste ist der Automobilzulieferer Grammer aus der Oberpfalz. Der droht von der bosnischen Investorenfamilie Hastor übernommen zu werden - was bei vielen Beobachtern die Alarmglocken schrillen ließ.

Monopoly?

Große Kunden des Autozulieferers sehen die mögliche Übernahme durch die Hastor-Familie skeptisch, ebenso wie Industrieverbände und die Wirtschaftsministerien in München und Berlin. So spricht der Aufsichtsrat von einem "Monopoly auf Kosten der Beschäftigten". Auch die IG Metall und der Betriebsrat fürchten den Verlust von Arbeitsplätzen. An diesem Mittwoch hält die Grammer AG ihre Hauptversammlung ab.

Mehr als 20 Prozent der Grammer-Aktien konnte Hastor über Tochterfirmen bislang einsammeln. Das Volkswagen-Management befürchte, dass vielleicht bald die Bänder in den Autofabriken stillstehen könnten, weil wieder einmal ein Lieferant übernommen wurde, berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Angst vor offenen Märkten?

Im vergangenen Herbst hatte die zur Hastor-Familie gehörende Prevent-Gruppe nach Vertragsstreitigkeiten die Belieferung von VW in Teilen gestoppt. Das hatte den Autobauer in einigen Werken für mehrere Tage zum Stillstand der Produktion gezwungen. Nun habe VW Angst, dass es wieder so kommt, nur noch viel massiver, hieß es weiter.

Schlagzeilenträchtige Fälle wie Grammer drohen allerdings ein schlechtes Licht auf eine Entwicklung zu werfen, die man weder aufhalten noch ernsthaft verurteilen kann, wenn man für offene Märkte eintritt – schließlich investieren umgekehrt auch viele deutsche Unternehmen im Ausland. Und dass gerade deutsche Unternehmen bei ausländischen Investoren beliebt sind, kommt nicht von ungefähr.

Gute Erfahrungen

In Zeiten von weltweit eher mauem Wachstum ist die stabile deutsche Wirtschaft mit ihren spezialisierten Mittelständlern attraktiv. Und mit Unsicherheiten wie dem Brexit oder US-Präsident Donald Trump gilt die deutsche Wirtschaft als Hort der Beständigkeit. Die Objekte der Begierde finden sich fast immer in der Industrie, wie zum Beispiel der Maschinenbauer Krauss-Maffai, der Roboterhersteller Kuka oder der Betonpumpenhersteller Putzmeister - der mit seinen neuen chinesischen Eigentümern seit 2012 nach eigenen Angaben nur gute Erfahrungen gemacht hat.

Überhaupt gelten chinesische Käufer, lange Zeit misstrauisch beäugt, inzwischen als seriöse Investoren, die nicht nur Standorte und Arbeitsplätze erhalten, sondern auch deutsche Marken für den chinesischen Markt fit machen und weiterentwickeln. Insofern ist der Ruf nach einem weißen Ritter oder dem Einspruch von Ministerien oder Kartellbehörden in den meisten Fällen unangebracht, solange keine Monopole entstehen oder nationale Sicherheitsinteressen einem Verkauf entgegen stehen.

 

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