Tatverdächtiger bekennt sich zu Sabotage an Umspannwerken
Veröffentlicht 4. September 2026Zuletzt aktualisiert 4. September 2026
Nach mehreren mutmaßlichen Anschlägen auf die Stromversorgung im ostdeutschen Bundesland Brandenburg und im westdeutschen Nordrhein-Westfalen fahndet die Polizei nach einem Mann. In zwei handschriftlichen Schreiben bekennt sich der Verfasser zu den Taten der vergangenen Tage. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios halten Ermittler die Schreiben für authentisch.
In einem ersten Schreiben erklärt der Verfasser, er sei derjenige, "der Kurzschlüsse im Stromnetz rund um die Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe verursacht" habe. Als Motiv nennt er den Kampf gegen die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen, die er als Verbrechen bezeichnet. Medien und Staat wirft er Untätigkeit vor, deshalb müsse er "das jetzt machen".
Zudem nimmt der Verfasser Bezug auf den Nahostkonflikt und wirft Deutschland vor, einen "Völkermord in Palästina" zu unterstützen. Nach eigener Darstellung habe er die Taten allein vorbereitet und ausgeführt und niemanden eingeweiht.
Ermittler sehen mutmaßliches Täterwissen
Dem ersten Schreiben liegt den Angaben zufolge ein weiteres Blatt bei, auf dem der Verfasser die technische Durchführung der Taten beschreibt. Darin soll sich umfangreiches mutmaßliches Täterwissen finden. Dies ist nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios ein Grund dafür, dass die Ermittler die Schreiben für authentisch halten.
In einem zweiten Schreiben reklamiert der Mann weitere Angriffe auf die Stromversorgung bei Gohr, Bergheim-Rheidt, Dormagen und Weisweiler in Nordrhein-Westfalen für sich. Beide Schreiben sind mit einem vollständigen Namen unterschrieben. Ob dieser tatsächlich vom Verfasser stammt, steht den Angaben zufolge allerdings noch nicht abschließend fest.
Bei dem mutmaßlichen Verfasser soll es sich um einen 1977 geborenen deutschen Staatsangehörigen aus Gevelsberg in Nordrhein-Westfalen handeln. Die Polizei durchsuchte bereits am Donnerstag seinen Wohnort, traf ihn dort aber nicht an. Nach ihm wird gefahndet.
Spurensuche am Kraftwerk Weisweiler
Nach den Hinweisen aus dem Bekennerschreiben rückten am Freitag zahlreiche Einsatzkräfte zum Kraftwerk Weisweiler bei Aachen aus. Mitarbeiter der Spurensicherung untersuchten mehrere Stellen auf einem Feld und in einem Gebüsch in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks und eines Umspannwerks in Eschweiler. Sie trugen dabei Schutzanzüge und Atemschutz.
Die Polizei bestätigte lediglich, dass sie dort "Hinweisen" nachgehe. Ob und was die Einsatzkräfte gefunden haben, wurde zunächst nicht mitgeteilt.
Verdächtige Vorrichtung in Dormagen
Bereits am Donnerstagabend war an einem Umspannwerk in Dormagen ein weiterer möglicher Sabotageversuch entdeckt worden. Ein Spaziergänger fand dort einen verdächtigen Gegenstand, bei dem es sich nach Polizeiangaben um eine Art Abschussvorrichtung handeln soll.
Ähnliche Vorrichtungen waren zuvor an Umspannwerken in Bergheim bei Köln und nahe dem Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg entdeckt worden. Dabei wurde leitfähiges Material in Stromleitungen geschossen und so ein Kurzschluss ausgelöst.
Entwarnung gab es dagegen nach einem Einsatz an einem Umspannwerk im niedersächsischen Ganderkesee. Dort stellte die Polizei in der Nacht lediglich einen offenen Schaltschrank fest. Bei einer umfassenden Überprüfung wurden weder Beschädigungen noch Personen auf dem Gelände entdeckt.
Ministerium sieht möglichen Zusammenhang mit Wahlen
Das Bundesinnenministerium hält es für möglich, dass die Häufung der Sabotageversuche mit den bevorstehenden Landtagswahlen zusammenhängt. Im Umfeld der Wahlen gebe es die "Erwartung, dass dies zunehmen kann", sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin. Im Bundesland Sachsen-Anhalt wird an diesem Sonntag gewählt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September.
Die Sicherheitsbehörden stünden zum Schutz kritischer Infrastruktur wie der Strom- und Wasserversorgung oder des Gesundheitssystems regelmäßig auch mit der Wirtschaft im Austausch. Nach Angaben des Ministeriums bestehen bereits umfassende Schutzmaßnahmen, Nachholbedarf gebe es aber etwa bei der Erkennung und Abwehr von Drohnen.
Brandenburg will kritische Infrastruktur besser schützen
Als Reaktion auf die Stromnetz-Sabotage nahe dem Kraftwerk Jänschwalde kündigte Brandenburgs Innenministerium am Donnerstag ein neues Sicherheitszentrum im Land zum Schutz von kritischer Infrastruktur an. Die Angriffe auf das Stromnetz in Jänschwalde sowie in Bergheim zeigten, wie bedroht die kritische Infrastruktur in Deutschland sei und dass sie dringend geschützt werden müsse. "Die Anzeichen verdichten sich, dass beide Attacken Teil eines koordinierten Angriffs auf unsere Energieversorgung sind", sagte Brandenburgs Innenminister Jan Redmann.
Unter kritischer Infrastruktur versteht man all jene Bereiche, deren Beeinträchtigung oder Ausfall zu Versorgungsengpässen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und weiteren dramatischen Folgen führen kann. Dazu gehören beispielsweise Energie, Informationstechnik, Transport, Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien.
Siemens-Manager: Deutschland stärker im Visier als andere Länder
Nach Ansicht von Siemens-Energy-Chef Christian Bruch wird die Energie-Infrastruktur in Deutschland stärker angegriffen als in anderen europäischen Ländern. "Wir müssen anerkennen, dass kritische Infrastruktur nicht vollumfänglich geschützt werden kann. Aus meiner Sicht hat die Bedrohungslage über die letzten zwölf bis 18 Monate deutlich zugenommen", sagte der Konzernmanager der Deutschen Presse-Agentur.
Bruch sieht die schnelle Ausarbeitung des zivilen Operationsplans als dringend erforderlich an, um auf Krisenfälle reagieren zu können. Es gehe um den Schutz der Strom- oder der Wasserinfrastruktur sowie der Versorgung mit Lebensmitteln im Falle einer Krise. "Da müssen wir uns vorbereiten. Denn man muss akzeptieren, dass dies alles Anzeichen von hybriden Angriffen sein können", erklärte er weiter.
BKA: 165 mutmaßliche Sabotageakte in Deutschland
Dem Rechercheverbund "Süddeutsche Zeitung", WDR und NDR liegt ein vertrauliches Lagebild zu mutmaßlichen Sabotageakten des Bundeskriminalamtes (BKA) vor. Danach haben die Behörden für das laufende Jahr - mit Stand Ende August - bereits mehr als 165 Sabotageverdachtsfälle in Deutschland registriert.
Dazu zählen auch "Ausspähungssachverhalte ohne Tatmittel Drohne", wie es in dem Papier heißt. Schwerpunktregionen der Spionagevorfälle sind laut BKA in diesem Jahr bislang die Bundesländer Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen.
pgr/sth/se/AR (dpa, afp, rtr, taz.de, bild.de, tagesschau.de)
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