Antisemitismus-Bericht: Eine Zyklon-B-Dose als Facebook-Post
17. Juni 2026
Im Bundesland Hessen wird ein Rabbiner vor den Augen seiner Kinder gestoßen, das Handy wird ihm entrissen. Die Täter machen den jüdischen Gelehrten in Deutschland für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich. Ein vergleichsweise harmloser Vorfall, für die Betroffen dennoch erschreckend.
Auch online werden Jüdinnen und Juden in Deutschland beschimpft oder sogar mit Morddrohungen konfrontiert. Eine Jüdin erhielt auf der Plattform Facebook das Bild einer Zyklon-B-Dose geschickt. Zyklon B, das Gas, das die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern nutzten, um im Holocaust Juden und Jüdinnen und andere Verfolgte zu ermorden. Der Post endete mit dem zynischen Kommentar: "Noch auf Lager."
Insgesamt rund 8700 solcher oder ähnlicher Fälle von antisemitischem Hass haben die Meldestellen des Vereins RIAS allein im vergangenen Jahr gesammelt. RIAS ist die Abkürzung für den "Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus". Der Verein, 2018 in Berlin gegründet, erfasst Anfeindungen in Wort oder Tat gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland und Einzelpersonen oder Institutionen, die als jüdisch wahrgenommen werden, sowie andere nicht-jüdische Menschen. Er orientiert sich an der Antisemitismus-Definition der "International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA). Diese wird von vielen Wissenschaftlern als vage kritisiert, was die Abgrenzung zwischen legitimer Kritik am Staat Israel und Antisemitismus betrifft.
RIAS hat regionale Meldestellen in 11 der 16 Bundesländer. Jetzt hat der Verein seinen Bericht für Deutschland im Jahr 2025 vorgelegt. Repräsentativ sind die Angaben nicht, der Verein fungiert als Sammelstelle von Beschwerden und versucht, die Ergebnisse zu kategorisieren.
Für den Verein RIAS beginnt Antisemitismus vor der Strafbarkeit
Immer wieder gibt es Kritik an der Erfassung von Vorfällen durch die Organisation. Nicht jeder Vorfall ist strafrechtlich relevant, also formell eine Straftat. Julia Kopp, Projektleiterin bei RIAS Berlin, sagt, dass Antisemitismus nicht erst an einer bestimmten Schwelle wie der Strafbarkeit beginne. Nach ihrer Einschätzung näherten sich in Berlin die Gesamtzahlen von Polizei und RIAS mittlerweile an.
Kritik an der Arbeit von RIAS kam in der Vergangenheit auch von der internationalen Organisation "Diaspora Alliance" mit Sitz in Berlin. Sie warf dem vom deutschen Staat geförderten Verein vor, israelbezogenen Antisemitismus zu stark zu betonen und rechtsextreme Aktivitäten zu unterschätzen. RIAS hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.
Das bundesweite RIAS-Ergebnis für 2025: Die Zahl der gemeldeten Anfeindungen liegt ungefähr auf dem Niveau von 2024. Erkennbar ist aber, dass die Vorfälle stark zugenommen haben, seit die islamistische Gruppe Hamas und andere am 7. Oktober 2023 Israel überfielen, mehr als 1200 Israelis töteten und 251 Menschen als Geiseln verschleppten. Im darauf folgenden Krieg im Gaza-Streifen wurden mehr als 71.000 Menschen getötet, die meisten Zivilisten.
Entwicklung im Krieg im Nahen Osten hat kaum Auswirkungen
Dass auch manche Jüdinnen und Juden in Deutschland die aktuelle israelische Regierung kritisch sehen, kümmert die Absender von Hass-Botschaften offenbar wenig. Auch aktuelle Entwicklungen im Nahost-Konflikt, etwa die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Oktober vergangenen Jahres, spiegeln sich in Zahl, Zeitpunkt und Intensität der Angriffe so gut wie gar nicht wieder.
2025 registrierte der RIAS-Report bundesweit vier Fälle extremer Gewalt, bei denen glücklicherweise niemand ums Leben kam. Am meisten Schlagzeilen machte der Messer-Angriff auf einen spanischen Besucher des Stelenfelds, dem Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, im Februar 2025. Der Mann aus Spanien konnte durch einen Notarzt gerettet werden, der Täter wurde im März diesen Jahres zu 13 Jahren Haft verurteilt. Der Verurteilte stammt aus Leipzig und hielt den Spanier für einen Juden.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von RIAS ordnen 68 Prozent aller Vorfälle dem auf Israel bezogenen Antisemitismus zu. Der Staat Israel als Heimstätte jüdischer Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg wird als Staat aller jüdischen Menschen weltweit verstanden. Aber längst nicht alle Jüdinnen und Juden weltweit sind Israelis und umgekehrt sind längst nicht alle Menschen mit israelischem Pass jüdischen Glaubens.
Darauf wies jetzt auch Josef Schuster hin, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er sagte im Interview mit der DW vor wenigen Tagen: "In Israel gibt es eine gar nicht so kleine christliche und auch muslimische Minderheit. Und Juden in Deutschland haben primär einen deutschen Pass."
Felix Klein: "Antisemitismus bedroht unsere Demokratie"
Alarmiert von den Zahlen im RIAS-Report zeigt sich auch Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.
Er sagte: "Der Jahresbericht von RIAS zeigt, Antisemitismus ist in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch." Er betont: "Antisemitismus bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden. Er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik."
Schuster berichtet von wachsender Sorge in jüdischen Gemeinden
Alarmierend sind nach dem RIAS-Bericht die Anfeindungen in den sozialen Medien. Ihre Zahl stieg von 1996 Fällen im Jahr 2024 auf 2314 Fälle im vergangenen Jahr. 43 Prozent aller offenen Bedrohungen ereignen sich den Angaben zufolge online. Das hat Auswirkungen auf die Angegriffenen.
So berichtet der Zentralrats-Vorsitzende Josef Schuster der DW, dass immer mehr Mitglieder der Gemeinde ihm von ihren Sorgen berichten würden: "Die Sorge, sich als Jude erkennbar auf der Straße zu zeigen, zum Beispiel dadurch, dass man eine Kippa trägt, oder dadurch, dass man zum Beispiel einen Davidstern als Schmuckstück trägt. Man muss aber auch hier sagen, und das ist mir auch wichtig, dass das eine Situation ist, die nicht überall im Bundesgebiet gleich ist. Sie ist allerdings besonders negativ, besonders besorgniserregend im großstädtischen Milieu."
Vor allem in Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main und im Ruhrgebiet seien Aggressionen gegen Juden und Jüdinnen weitaus heftiger als in Regionen mit weniger Einwohnern, so Schuster.