Nord-Stream-Anschläge: Bundesanwaltschaft erhebt Anklage
2. Juli 2026
Die Anschläge auf die Nord-Stream-Gasleitungen in der Ostsee sorgten im Jahr 2022 weltweit für Schlagzeilen. Eindrücklich waren die Luftaufnahmen des in der Nähe der dänischen Insel Bornholm vom Meeresgrund an die Wasseroberfläche sprudelnden Gases.
Der mutmaßlichen Anführer des Sabotageteams, der Ukrainer Serhii K., soll nun vor Gericht kommen - nicht in Dänemark, sondern in Deutschland. Gegen ihn wurde jetzt Anklage erhoben. Das bestätigten die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und die Berliner Anwaltskanzlei, die die Verteidigung des beschuldigten Ukrainers übernommen hat.
Anschlag auf eine umstrittene Pipeline
Die Leitungen am Grund der Ostsee waren für den Transport von Gas aus Russland nach Deutschland gebaut worden - ein international höchst umstrittenes Projekt, das nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 besonders in den Fokus geriet. Dann die Sabotageaktion im September 2022: Beide Röhren wurden durch Sprengsätze schwer beschädigt.
Sie waren zu dem Zeitpunkt mit Gas gefüllt, aber nicht in Betrieb. Russland hatte die Gaslieferungen über Nord Stream 1 bereits kurz zuvor gestoppt - mutmaßlich als Reaktion auf die westlichen Sanktionen angesichts des russischen Einmarschs in die Ukraine. Nord Stream 2 ging nie in Betrieb.
Festnahme in Rimini
Schon kurz nach der Sabotageaktion - im Oktober 2022 - übernahm die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen. Lange Zeit war vollkommen unklar, wer hinter dem Anschlag stecken könnte. Nach einem regelrechten Ermittlungskrimi wurden sieben Verdächtige identifiziert. Der mutmaßliche Anführer des Teams, Serhii K., wurde im August 2025 im Urlaub in Italien in der Provinz Rimini gefasst und später nach Deutschland ausgeliefert.
Er sitzt mittlerweile in Hamburg in Untersuchungshaft. Eine Haftbeschwerde von K. wurde im Dezember vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe verworfen. Aus diesem Gerichtsbeschluss geht hervor, wie die Anschläge nach dem damaligen Stand der Ermittlungen abgelaufen sein sollen.
Eine Segeljacht als Sabotage-Basis
K. war demnach Offizier einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte. Zusammen mit sechs Komplizen soll er von der deutschen Ostseeinsel Rügen aus mit einer für mehrere Wochen gecharterte Segeljacht namens "Andromeda" in See gestochen sein. K. habe die Aufgabe gehabt, die Aktivitäten der Gruppe zu koordinieren.
Bei mehreren Tauchgängen hätten sie vier Sprengsätze - "Hochleistungssprengstoffe mit massiver Zerstörungskraft" - in bis zu 80 Metern Tiefe am Meeresgrund platziert. Am 26. September 2022 detonierten diese. Spezialisten des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei fanden später auf der "Andromeda" Spuren der militärischen Sprengstoffe Hexogen und Oktogen.
Die Ermittler gingen Ende 2025 davon aus, dass die Anschläge wahrscheinlich im Auftrag eines fremden Staats begangen wurden. Der Bundesgerichtshof erlaubte aber dennoch eine mögliche Strafverfolgung in Deutschland. Denn bei "geheimdienstlich gesteuerten Gewaltakten", welche die Souveränität eines betroffenen anderen Staats tangierten, gebe es keine Immunität. Außerdem endeten die Rohrleitungen auf deutschem Staatsgebiet, wie der Bundesgerichtshof vergangenen Dezember ausführte.
Die Bundesanwaltschaft wirft K. Angriffe auf zivile Energieinfrastruktur, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken vor. Über die Anklage und einen möglichen Gerichtsprozess entscheidet nun das Oberlandesgericht Hamburg.
Polen lehnte Auslieferung ab
Doch mit Serhii K. ist bislang nur einer der sieben Verdächtigen in Gewahrsam. Ein anderer soll inzwischen im Krieg gegen Russland gefallen sein. Ein weiterer verdächtiger Taucher wurde zwar vergangenen September in Polen gefasst und saß dort zeitweise in Untersuchungshaft. Die polnische Justiz lehnte den deutschen Auslieferungsantrag jedoch ab. Der Ukrainer kam frei.
Polens Regierungschef Donald Tusk hatte zuvor betont, es liege nicht im Interesse seines Landes, den Mann anzuklagen oder an einen anderen Staat auszuliefern. Die politische Führung Polens war stets gegen den Bau der Nord-Stream-Pipeline.
Selenskyj will Anklage nicht kommentieren
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will die Anklageerhebung gegen Serhii K. vorerst nicht kommentieren. Er kenne noch nicht alle Details, sagte Selenskyj am Mittwochabend am Rande eines Besuchs in Irland in einer Pressekonferenz.
Er denke, dass sich die zuständigen Behörden aus Deutschland und der Ukraine nun in Verbindung setzten. "Wenn wir mehr Details erhalten, dann können wir sicherlich reagieren", sagte Selenskyj. "Derzeit ist es noch zu früh, etwas dazu zu sagen."
AR/wa (afp, rtr, dpa)