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Von Goethe bis Soraya: deutsch-iranische Geschichten

19. März 2026

Heute kaum vorstellbar, aber über Jahrhunderte hinweg waren Iran und Deutschland gute Freunde. Ein Dichterfürst, ein deutscher Lawrence von Arabien und eine Kaiserin trugen dazu bei.

Eine persische Flagge über einer Menschenmenge, im Hintergrund das Brandenburger Tor (bei Demo gegen das Mullah-Regime im Iran am 13.01.2026)
Anders als früher herrscht heute politische Eiszeit zwischen dem Iran und Deutschland; privat demonstrieren Iraner und Deutsche gemeinsam gegen das Mullah-RegimeBild: Rolf Zöllner/IMAGO

Die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Iran beginnt lange vor der Entstehung beider Staaten in ihrer heutigen Form. Die frühesten Beziehungen sind kultureller Art, erst später verkehrt man auch auf diplomatischer Ebene miteinander. Ein Überblick. 

Goethes Begeisterung für persische Dichtkunst 

Johann Wolfgang von Goethe ist 65 Jahre alt, als er 1814 zum ersten Mal die vollständige Übersetzung der Gedichte des persischen Dichters und Mystikers Hafis liest: den "Diwan". Er ist begeistert: "Und mag die ganze Welt versinken, Hafis, mit dir, mit dir allein will ich wetteifern!" Hafis, geboren um 1315, heißt eigentlich Mohammed Schemseddin; Hafis ist sein Ehrentitel - er gebührt all denjenigen, die die 114 Suren des Korans auswendig können. Im Iran gilt Hafis bis heute als Volksdichter; fast jeder Haushalt besitzt seinen "Diwan".

Goethe fühlte sich Hafi sehr verbunden Bild: Archives-Zephyr/Opale.photo/picture alliance

Für den deutschen Dichterfürsten ist Hafis ein Bruder im Geiste, und so veröffentlicht er 1819 seinen "West-östlichen Divan". Seine Verse erzählen ebenso wie Hafis von leidenschaftlicher Liebe, menschlichen Konflikten, der Vergänglichkeit des Lebens und spirituellen Erkenntnissen. Sie sind ein Plädoyer für kulturelle Offenheit und gegenseitiges Verstehen: "Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen", dichtet Goethe.

Die Brücke zwischen beiden Kulturen ist auch fast 200 Jahre später noch lebendig: Im Jahr 2000 reist Mohammad Chatami als erster iranischer Präsident nach Deutschland und weiht in Weimar gemeinsam mit damaligen Bundespräsident Johannes Rau ein Hafis-Goethe-Denkmal ein. 

Persien als Spielball der Weltmächte - und eine diplomatische Annäherung

In der Antike ist Persien ein riesiges Weltreich, doch im Laufe der Jahrhunderte wird das Land von seinen Feinden zerrieben. Im 19. Jahrhundert ringen zwei neue Großmächte um die Vormachtstellung auf dem asiatischen Kontinent. Persien wird in diesem Machtkampf zwischen dem Britischen Empire und dem russische Zarenreich, der als "The Great Game" in die Geschichte eingeht, zum Spielball beider Länder.

Der iranische Hof wendet sich schon früh an Europas Königshäuser, um sich mit ihrer Hilfe vom Joch der Briten und Russen zu befreien - vergeblich. Erst 1857 kommt es zum ersten offiziellen Handels- und Freundschaftsabkommen zwischen dem Iran und dem Königreich Preußen.

Nāser ad-Din Schahs kommentierte in seinem Reisetagebuch europäische GepflogenheitenBild: Public Domain

1873 besucht der persische Herrscher Nāser ad-Din Schah als erster Monarch des Mittleren Ostens Europa. In Berlin wird er von Kaiser Wilhelm I. empfangen und notiert in seinem Reisetagebuch: "Er (der Kaiser, Anm. d. Red.) arbeitet bereits morgens und dann noch bis spät in die Nacht hinein. Wir Könige des Orients sind unseren Vorfahren dankbar, dass sie uns nicht als derartige Arbeitstiere in die Welt gesetzt haben. Allah hat seinen Propheten, und ich habe meine Minister."

Dabei ist Nāser ad-Din nicht müßig: Er strebt Reformen für Persien an und interessiert sich für europäische Technologien - und nicht zuletzt erhofft er sich gute politische und wirtschaftliche Kontakte zum jungen deutschen Kaiserreich. 1885 wird die erste deutsche diplomatische Vertretung in Iran eröffnet - ein Schritt, der die Beziehungen institutionell festigt. 

Wilhelm Waßmuß: der deutsche Lawrence von Arabien 

Der britische Offizier Thomas Edward Lawrence, der während des Ersten Weltkriegs beim von den Briten forcierten Aufstand der Araber an der Seite der Beduinen gegen das Osmanische Reich kämpfte, ist in die Geschichte eingegangen. Den Namen Wilhelm Waßmuß hingegen kennt heute kaum noch jemand. Er kämpfte an der Seite persischer Clans gegen die Briten und gilt als "deutscher Lawrence von Arabien".

T. E. Lawrence (l.) und Wilhelm Waßmuß kämpften beide an der Seite von Einheimischen Bild: Public Domain

Der Bauernsohn aus Niedersachsen schlägt eine Karriere beim Auswärtigen Amt ein. Als Vizekonsul in Persien macht er sich bestens vertraut mit Land und Leuten. Er spricht Farsi und knüpft enge Kontakte zu lokalen Herrschern. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, versucht das Deutsche Reich, Aufstände gegen die britische Kolonialmacht zu provozieren. Der deutsche Diplomat Max Freiherr von Oppenheim hat einen Geheimplan entworfen: Er will die Feinde des Deutschen Reichs schwächen, indem er die muslimische Welt gegen sie aufhetzt. Ein "Dschihad Made in Germany" soll den deutschen Sieg näherbringen.

Wilhelm Waßmuß, deutscher Konsul und Revolutionsagent, verstand sich gut mit den lokalen Herrschern Bild: public domain

Waßmuß übernimmt die heikle Aufgabe und bewegt tatsächlich einige lokale Herrscher zum Guerillakampf. 1915 besetzt er mit seinen Verbündeten das englische Generalkonsulat. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, wie lange die Perser und Waßmuß den nachrückenden britischen Truppen standhalten können. Den Aufständischen ist kein Erfolg beschieden.

Waßmuß überlebt den Krieg und kehrt nach Deutschland zurück. Doch die Erinnerungen an Persien lassen ihn nicht los. 1924 gründet er eine Farm in Choghadak. Aus dem Ernteerlös will er seine ehemaligen Mitkämpfer für die Teilnahme am Widerstand gegen die Briten bezahlen, so wie er es einst versprochen hat. Das Projekt scheitert, 1931 kehrt Waßmuß desillusioniert in seine Heimat zurück und stirbt kurz darauf. 

Neue Freunde: die Pahlavis 

In Deutschland dankt der Kaiser 1918 ab, in Persien übernimmt Reza Schah Pahlavi nach innenpolitischen Umbrüchen 1925 die Macht. Er will das Land modernisieren und orientiert sich stark an Europa, besonders an Deutschland. Der deutsche Unternehmer und Flufzeugbauer Hugo Junkers wird mit dem Aufbau des Luftverkehrs beauftragt, deutsche Firmen bauen Teile der transiranischen Eisenbahn. 1929 schließt der Schah ein Freundschaftsabkommen mit der Weimarer Republik. Auch zu den Nationalsozialisten, die 1933 an die Macht kommen, pflegt er gute Beziehungen. 1935 wird Persien offiziell in Iran umbenannt.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, erklärt sich der Iran zwar als neutral, trotzdem besetzen britische und sowjetische Truppen das Land und zwingen den deutschfreundlichen Reza Schah abzudanken. Stattdessen setzen sie seinen Sohn auf den Thron, der mit den Alliierten kooperiert. Erst 1946 gewinnt der Iran seine volle Souveränität zurück.

Doch schon bald intensivieren sich die wirtschaftlichen Kontakte beider Länder wieder. Deutsche Firmen bauen Fabriken, Krankenhäuser und Straßen im Iran. 1966 wird ein Rüstungsabkommen geschlossen, 1974 beginnt der Bau des Atomkraftwerks in Buschehr unter deutscher Beteiligung. 

Die Pahlavi-Dynastie: Vergangenheit und Zukunft des Irans?

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Soraya: "der Deutschen liebste Kaiserin"

1951 heiratet der Schah Soraya Esfandiary-Bakhtiary, die Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Diplomaten. Die deutsche Regenbogenpresse ist begeistert. Soraya wird "der Deutschen liebste Kaiserin". Ihr westliches Auftreten, ihr europäischer Hintergrund und ihre Rolle in der iranischen Monarchie machen sie zur schillernden Figur an der Schnittstelle zweier Kulturen. Doch sieben Jahre nach der pompösen Hochzeit wird aus der "Märchen"- die "Tränenprinzessin": Der Schah trennt sich von Soraya. Er braucht einen Thronfolger, Soraya aber kann keine Kinder bekommen.

Die Hochzeit der Halbberlinerin Soraya mit dem persischen Schah begeisterte die Deutschen Bild: KEYSTONE/picture alliance

Ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse, die kaum ein gutes Haar am Schah und Iran lässt - das belastet die bilateralen Beziehungen erheblich. Iranische Stellen drohen mit diplomatischen Konsequenzen; die Bundesregierung erwägt zeitweise sogar ein Gesetz zum Schutz ausländischer Staatsoberhäupter vor Beleidigung - das sogenannte "Lex Soraya" tritt jedoch nie in Kraft.

Der Besuch des Schahs 1967 in Deutschland markiert einen weiteren Wendepunkt. Erstmals begleitet nicht Jubel den Staatsgast, sondern vehementer Protest. Studenten demonstrieren gegen die Unterdrückung im Iran, tragen Plakate wie "Ganz Persien ein KZ" und "Mörder" und werfen dem Monarchen die Unterdrückung seiner Landsleute vor. Das Justizministerium verzichtet auf Strafverfolgung, offene Fragen mit dem Iran sollen auf diplomatischem Weg gelöst werden.

Beim Sch-Besuch 1967 kam es zu Tumulten Bild: dpa/picture alliance

Die Kontakte zwischen Deutschland und Iran bleiben dennoch weiterhin eng. Während des Kalten Krieges gilt der Iran als wichtiger Partner: reich an Öl, modernisierungsbereit und als Grenzstaat zur Sowjetunion von zentralem Interesse für den Westen. Bis 1980 herrscht für Bürger beider Länder ein visumfreier Reiseverkehr - eine Seltenheit im internationalen Vergleich. 

Nach der Revolution 

Nach dem Sturz des Schahs 1979 distanzieren sich viele westliche Staaten von der neuen Islamischen Republik, doch die Bundesrepublik setzt auf Dialog. Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist 1984 der erste hochrangige westliche Politiker, der das neue Regime besucht, weitere deutsche Minister folgen. Doch die politischen Spannungen, Menschenrechtsverletzungen und der Kurs der iranischen Führung beenden auf Dauer die einst enge deutsch-iranische Partnerschaft.

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