Deutschland: Mehr als 5000 Hitzetote - was sagt diese Zahl?
16. Juli 2026
Ein Hitzschlag beginnt mit Kopfschmerzen, Schwindel und Bewusstseinsstörungen. Die Thermoregulation des Körpers versagt und die Körpertemperatur steigt lebensbedrohlich an. Multiorganversagen und der Tod können die Folge sein. Solche Todesfälle, die direkt auf Hitze zurückzuführen sind, stellen Mediziner aber selten fest. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden durchschnittlich 21 solcher Fälle in den Jahren 2004 bis 2014 gezählt.
Die vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte Zahl von 5120 hitzebedingten Sterbefällen für das Jahr 2026 in Deutschland bis einschließlich 28. Juni sind deshalb eine Schätzung. Was nicht bedeutet, dass die Zahl aus der Luft gegriffen ist. "Es ist ein statistischer Zusammenhang", sagt Alexandra Schneider, Meteorologin, Epidemiologin und stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München.
Statistischer Zusammenhang zwischen Temperatur und Todesfällen
Dieser Zusammenhang ergibt sich aus der Betrachtung der Sterbefallzahlen, die das Statistische Bundesamt in Deutschland erhebt und der Entwicklung der Temperaturen innerhalb eines bestimmten Zeitraums, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) misst. So starben allein in der letzten Juniwoche etwa 23.600 Menschen. Die Wochenmitteltemperatur - also die durchschnittliche Tages- und Nachttemperatur einer Woche - betrug 26 Grad. Das RKI rechnet ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad mit hitzebedingten Todesfällen.
Die Zahl der Todesfälle dieser letzten Juniwoche lag knapp 30 Prozent höher als der mittlere Wert der Vergleichszeiträume der Vorjahre, mit etwa 18.200 Toten. Um die Anzahl der hitzebedingten Sterbefälle zu schätzen, modellierten die Forschenden, wie viele Todesfälle es stattdessen unter Bedingungen mit Temperaturen bis maximal 20 Grad Celsius gegeben hätte.
Bestimmte Störgrößen würden noch herausgerechnet, erklärt Schneider. Mit dieser Methode kommt das RKI auf geschätzte 5120 hitzebedingte Todesfälle - allein 4310 Tote entfallen dabei auf die letzte Juniwoche.
Alexandra Schneider hält die Schätzung für plausibel und hat eine Zahl dieser Größenordnung erwartet. In der Vergangenheit hat die Epidemiologin das Vorgehen des RKI durchaus kritisiert. Schwanke die Temperatur innerhalb einer Woche sehr stark, würde ein Wochenmittel die starken Ausschläge abflachen und die Todesfälle eher unterschätzen, erklärt sie. "Dieses Mal war es aber durchgehend heiß."
Mehr Tote durch Kälte als durch Hitze in Deutschland und Europa
Für die kältebedingten Todesfälle gilt das Gleiche wie bei Hitzetoten: Es handelt sich um eine Schätzung und einen plausiblen statistischen Zusammenhang. In der kälteren Jahreszeit nehmen Atemwegserkrankungen zu. Kälte begünstigt außerdem - ebenso wie Hitze - Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, wie die Epidemiologin Schneider erläutert.
"In Europa ist es so, dass die kälteassoziierten Mortalitäten noch weitaus höher sind als die hitzeassoziierten", sagt Schneider. "Aber man sieht, dass es einen langsamen Shift gibt." Könnte der Klimawandel nicht für mildere Winter sorgen und damit dafür, dass weniger Menschen sterben? Diese Frage haben sich auch Forschende gestellt und verschiedene Szenarien modelliert.
Egal wie günstig die Szenarien gewesen seien, sagt Schneider, es laufe immer darauf hinaus, "dass der Nettoeffekt, also die Zahl der Todesfälle insgesamt, zunimmt". Weil die Todesfälle, die der Hitze zugeschrieben werden könnten, so stark zunähmen, dass die Abnahme der kälteassoziierten Todesfälle die Zunahme nicht aufwiege.
Hitzebedingte Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs
Schneider sagt, eine ausschließliche Konzentration auf den Hitzeschlag als eine durch hohe Temperaturen verursachte Todesursache, würde die Auswirkungen von Hitze massiv unterschätzen. "Deshalb verwendet man diese statistischen Verfahren, um die Zusammenhänge zwischen anderen chronischen Krankheiten und der Hitze zu sehen und zu untersuchen."
Sie war selbst an Studien beteiligt, die einen Zusammenhang zwischen Hitze und bestimmten Erkrankungen belegen. "Wir konnten zeigen, dass Hitze mittlerweile stark mit Herzinfarkten assoziiert ist", sagt Schneider. Nächtliche Hitze erhöhe außerdem das Risiko für Schlaganfälle.
Hitze belastet Rettungskräfte und Klinikpersonal
Jonas Sonnenstuhl ist Notfallsanitäter in Teltow in Brandenburg. "Was wir alle wissen, ist, dass genau solche Erkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, häufiger werden beziehungsweise auch schneller zum Verhängnis werden", sagt er.
Die hitzebedingten Todesfälle nennt Alexandra Schneider nur die Spitze des Eisbergs. Auch wenn hohe Temperaturen nicht zum Tod führen, sind sie eine gesundheitliche Belastung. Vor allem für Menschen, die bereits vorerkrankt sind.
Sonnenstuhl erzählt von einer 17-jährigen Patientin, die einen angeborenen Herzfehler hat und während der Hitzewelle den Notruf wählte. "Sie hat an dem Tag deutliche Symptome gezeigt, die schon darauf zurückzuführen sind, dass der Körper am Limit war." Atemnot, Schwindel und Bewusstseinsstörungen.
Die Hitze hat Rettungskräfte und Klinikpersonal auch auf andere Weise an die Kapazitätsgrenzen gebracht. Am 28. Juni, als Sonnenstuhl einen 24-Stunden-Dienst hatte, sei die Temperatur im Innenraum des Rettungswagens nicht unter 30 Grad gefallen. Belastend hinzu kamen schwere Arbeitskleidung, Stiefel mit Stahlkappen und anstrengende körperliche Arbeit.
Viele Rettungsstellen in Kliniken seien nicht klimatisiert, die Rettungswachen erst recht nicht, so Sonnenstuhl. "Sowohl wir als auch das Personal in der Klinik waren am Limit." Gerade für Menschen, die Leben retten sollen, sei aber ein kühler Kopf das A und O.