Wechseljahre: Wenn Hormone der Wirtschaft schaden
7. Januar 2026
Wenn Frauen über die Wechseljahre sprechen - über Schlafmangel, Konzentrationsstörungen, Migräne oder Erschöpfung - fangen viele an zu flüstern. Obwohl sich derzeit rund elf Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren befinden und oft unter den Folgen der Hormonschwankungen leiden, ist es immer noch ein Tabu-Thema.
Von diesen Frauen sind mehr als neun Millionen berufstätig und machen damit etwa ein Fünftel der arbeitenden Bevölkerung aus.
Dem gegenüber steht, dass ein Drittel der Unternehmen in Deutschland über Fachkräftemangel klagen, wie eine Ifo-Konjunkturumfrage im März 2024 ergab. Das Problem wird sich durch den demografischen Wandel wahrscheinlich noch weiter verschärfen.
Das macht es umso wichtiger, dass sich Arbeitgeber um das Wohl ihrer Arbeitskräfte kümmern. Die Beschwerden von Frauen in der Menopause werden bisher allerdings oft ignoriert.
Dabei leiden etwa ein Drittel der Frauen unter schweren Symptomen, die auch die Arbeit beeinträchtigen können. Neben Hitzewallungen können schmerzende Gelenke, Herzrasen, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen und ein vermindertes Selbstwertgefühl Folge der Menopause sein.
Die Menopause beginnt meist Mitte-Ende 40 und dauert in der Regel zwischen zehn und 15 Jahren. Eine Zeit, in der die Kinder häufig schon "aus dem Haus" sind und Frauen eigentlich im Beruf noch einmal durchstarten könnten. Die Realität sieht aber anders aus.
Hohe Kosten
Die Folgen der Menopause kosteten das Land ungefähr neuneinhalb Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung pro Jahr, sagt Andrea Rumler von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Den Unternehmen gingen etwa 40 Millionen Arbeitstage verloren.
Rumler hat 2023 über 2000 Frauen im Alter zwischen 28 und 67 Jahren befragt. Für knapp ein Viertel der Frauen sind Wechseljahresbeschwerden ein Grund, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, fast ein Fünftel hat deswegen die Stelle gewechselt. Jede zehnte Frau gab an, auf Grund der Wechseljahre früher in den Ruhestand zu gehen oder schon gegangen zu sein.
In einigen Branchen haben es Frauen besonders schwer
In manchen Berufsgruppen ist das Arbeiten in den Wechseljahren schwieriger als in anderen. Beispielsweise bei Polizistinnen im Streifendienst. Haben sie plötzliche starke Blutungen oder Blasenprobleme, ist nicht immer eine Toilette in der Nähe.
Überhaupt haben die Frauen, die im öffentlichen Raum arbeiten, es besonders schwer, Wechseljahressymptome zu bewältigen. So können sich Lehrerinnen, Erzieherinnen, Pflegerinnen oder Verkäuferinnen nicht ins Homeoffice zurückziehen oder Auszeiten nehmen.
Das ist für die Gesellschaft besonders relevant, weil in einigen dieser Branchen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, etwa in der Pflege (85 Prozent), in Schulen (73 Prozent), in kaufmännischen Bürotätigkeiten (über 65 Prozent) und in Dienstleistungen und im Verkauf (knapp 62 Prozent). Diese Sektoren gehören zudem zu den Branchen, die besonders unter Fachkräftemangel leiden.
Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung
Nicht offen über die Wechseljahre sprechen zu können, empfinden viele Frauen als sehr belastend. Über die Hälfte der von Rumler Befragten gaben an, dass das Thema Wechseljahre an ihrem Arbeitsplatz ein Tabuthema sei.
"Viele Frauen in dieser Lebensphase leiden im Beruf, sprechen aber nicht darüber - aus Scham, Unwissen oder Angst vor Stigmatisierung", sagt Rumler.
Aufklärung in Unternehmen ist deshalb wichtig. Wobei nicht nur betroffene Frauen, sondern auch andere Mitarbeitende und Führungskräfte über die Auswirkungen der Wechseljahre informiert werden sollten. "Was ich immer wieder von Betriebsärzten in Unternehmen oder von Mitarbeitenden aus dem Personalbereich höre, die sich sehr für das Thema engagieren, ist, dass ihre Führungskräfte abwinken würden, weil es kein wichtiges Thema sei", erzählt Rumler.
Neben einer Enttabuisierung hilft Frauen auch, wenn sie ihre Arbeitszeiten und -abläufe an ihre Bedürfnisse anpassen können. Gleitende Arbeitszeitmodelle, bedarfsgerechte Aufgabenplanung und eine bewusste Pausengestaltung können bei Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und Schlafstörungen die Leistungsfähigkeit erheblich verbessern.
Beispielsweise für Mitarbeiterinnen im Verkauf, in der Produktion, im Außendienst sowie für Busfahrerinnen oder Polizistinnen ist ein unkomplizierter Zugang zu Sanitäranlagen wichtig. Und da das Thema Wechseljahre im Medizinstudium bisher kaum behandelt wird, sollten Betriebsärztinnen und -ärzte entsprechend geschult werden.
Großbritannien mit gutem Beispiel voran
In den letzten Jahren ist schon einiges in Bewegung gekommen. Besonders in Großbritannien hat sich viel getan. Dort hat das Parlament eine große Untersuchung zu Wechseljahren am Arbeitsplatz angestoßen und Beratung zu dem Thema ist Teil des routinemäßigen Gesundheitschecks des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS.
Mehr als 7800 Organisationen haben inzwischen die Selbstverpflichtung "Menopause Workplace Pledge" unterzeichnet, darunter Unternehmen wie Vodafone, die BBC oder Tesco, aber auch Kommunen, Schulen, Wohltätigkeitsorganisationen, Gesundheitsdienstleister und kleine Unternehmen aus vielen Branchen.
In Deutschland ist Menopause immer noch ein Randthema
Um Frauen zu unterstützen, setzt Vodafone beispielsweise unter anderem auf einen E-Learning-Kurs zur Menopause und bietet flexibles Arbeiten an. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC hat die "Menopause Matters"-Initiative ins Leben gerufen, übernimmt die Kosten privatärztlicher Menopause-Behandlungen und bietet eine Gesundheits-App mit telemedizinischer Beratung an.
In Deutschland zeigte eine Umfrage in 2024 von the-change.org unter Arbeitgebern, dass 63 Prozent die Wechseljahre immer noch für ein "ausschließlich" oder "hauptsächlich privates" Thema halten. In 74 Prozent der befragten Unternehmen gab es keine Maßnahmen, um Frauen in den Wechseljahren zu unterstützen. Nur sieben Prozent gaben an, "viel" zur Unterstützung zu tun.