Deutschland: Rollt eine neue Streikwelle an?
12. Februar 2026
Am Donnerstag (12.2.) bleiben viele Flugzeuge der Lufthansa am Boden. Die Piloten-Gewerkschaft VC und die Gewerkschaft UFO für das Kabinenpersonal haben einen eintägigen Streik ausgerufen. Nach Angaben des Flughafenverbands ADV werden über 460 Flüge ausfallen.
Es ist nicht der erste Arbeitskampf in diesem Jahr. Nach einem relativ ruhigen Jahr 2025, in dem es in vielen Branchen eine Verhandlungspause gab, heißt es nun: Neues Jahr - neue Streiks. In diesem Jahr stehen neue Tarifverträge für insgesamt rund zehn Millionen Beschäftigte in Deutschland an. Wenn sich die Gewerkschaften mit Arbeitgebern nicht über Entgelt und Arbeitsbedingungen einigen können, drohen Arbeitskämpfe.
So hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, um mehr Druck vor der dritten Tarifrunde der Länder zu machen, zu bundesweiten Streiks aufgerufen. Betroffen waren unter anderem Schulen, Kitas, Hochschulen, Theater, Landsverwaltungen und Sicherheitsbehören.
Den Auftakt in diesem Jahr hatte die Gewerkschaft Verdi Anfang Februar gemacht, als Warnstreiks bundesweit den Nahverkehr in Deutschland lahmlegten. Am Mittwoch (11.2.) wurde der ÖPNV in Teilen Hamburgs und Bayerns in einem zweiten Warnstreik gebremst.
Hier drohen weitere Streiks
Über neue Tarifverträge wird seit Anfang Februar auch für Beschäftigte in der Chemie und Pharmabranche verhandelt. Die Branche kriselt. Angesichts hoher Energiekosten und rückläufiger Aufträge wurden rund 2400 Arbeitsplätze abgebaut. Bereits angekündigte Anlagenschließungen oder Produktionsverlagerungen werden zu einem weiteren Stellenabbau führen, so der Verband der Chemischen Industrie.
Weiteres Ungemach könnte auch von Seiten der Bahn auf die Deutschen zukommen. Die unter sehr hohen Kosten leidende Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL haben am Donnerstag die neue Tarifrunde gestartet und erste Verhandlungen aufgenommen. Streiks sind allerdings erst nach Ablauf der Friedenspflicht Anfang März möglich.
"Die Mannschaft hat eine Wut im Bauch," sagte Mario Reiß von der Lokführergewerkschaft GDL als Reaktion auf das Angebot der Bahn. Sie wolle wissen, wann es losgehe mit Streiks. "Wir versuchen, den Streik zu vermeiden, aber zahm sind wir sicher nicht." Die Vorbereitungen für einen Arbeitskampf liefen im Hintergrund bereits.
Tarifverhandlungen wird es zudem bei Unternehmen aus dem Großhandel, Einzelhandel und Außenhandel geben, die zusammen fast 3,6 Millionen Beschäftigte betreffen.
Der Tarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie läuft im Oktober aus.
Gefühlt wird immer mehr gestreikt - stimmt das?
Auch wenn die Beschäftigten gefühlt häufig in den Arbeitskampf ziehen, ein Blick auf die langfristige Entwicklung zeigt: Es wird weniger gestreikt in Deutschland. Fielen in den 1980er Jahren im Schnitt mehr als 600.000 Arbeitstage pro Jahr durch Streiks und Aussperrungen aus, waren es zwischen 2000 und 2009 nur noch knapp 150.000 Arbeitstage pro Jahr. Allerdings ist diese Zahl in den letzten 15 Jahren tendenziell wieder gestiegen, heißt es vom Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).
Schaut man auf die im Jahresdurchschnitt der durch Streik ausgefallen Tage je 1000 Beschäftigte, so waren es in den 2000er noch fünf, in den 2010er Jahren sieben und zwischen 2020 und 2024 zehn Tage. Dagegen nahm in den meisten OECD Ländern das Ausmaß der Arbeitskämpfe ab.
Insgesamt gehört Deutschland zu den Ländern, in denen traditionell eher wenig gestreikt wird, so das IW. Auch in den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und Japan ziehen Arbeitnehmer nicht oft in den Arbeitskampf. Häufiger wird dagegen in südeuropäischen, angelsächsischen und einige skandinavische Staaten gestreikt. Aber wie in Deutschland fallen hier im Vergleich zu den 80er und 90er Jahren weniger Tage aufgrund von Arbeitskämpfen aus.
Es geht nicht nur um die Lohnhöhe
Nicht immer geht es nur um Lohnerhöhungen. In angeschlagenen Branchen, wie der Pharma und Chemiebranche wird das Thema Arbeitsplatzsicherheit ein wichtigen Stellenwert einnehmen. "Das gesamte Chemie-Cluster in Mitteldeutschland ist gefährdet," sagt Stephanie Albrecht-Suliak von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE) gegenüber dem mdr. Deshalb müsste dem Thema Erhalt der Arbeitsplätze oberste Priorität eingeräumt werden.
Auch bei den Verhandlungen der IG Metall, die im Herbst beginnen werden, wird Jobsicherheit in der Metall- und Elektroindustrie voraussichtlich eine große Rolle spielen, heißt es in einem Ausblick der Deutsche Bank Research.
"Die Beschäftigten im ÖPNV stehen unter hoher Belastung durch extrem ungünstige Arbeitszeiten, Schichtarbeit und ständigen Zeitdruck", erklärte die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle. "Wir brauchen hier dringend Verbesserungen, um die hohe Fluktuation zu stoppen und wieder verlässlich Fachkräfte für den öffentlichen Nahverkehr zu finden."
Die Forscher der Hans Böckler Stiftung haben bereits für das Jahr 2024 beobachtet, das es bei Streiks zunehmend um "Transformationskonflikte" gehe. Beispielsweise beim Autobauern VW. Die vom Management angekündigten Standortschließungen und betriebsbedingte Kündigungen wurden nach Warnstreiks und langen Verhandlungen erst einmal abgewendet.
Erwartungen an 2026
Streik hin oder her - die Deutsche Bank Research gibt schon einmal eine Prognose ab für die Ergebnisse der Tarifverhandlungen in diesem Jahr. Die Experten gehen davon aus, dass die Tariflöhne um nahezu drei Prozent pro Jahr steigen werden in 2026 und 2027. 2025 lag der Anstieg bei geschätzten 2,7 Prozent.
"Während insbesondere im öffentlichen Dienst etwas stärkere Abschlüsse erwartet werden, dürften Gewerkschaften in strukturell herausfordernden Branchen voraussichtlich Beschäftigungssicherung höher gewichten als Lohnerhöhungen", heißt es von der Deutsche Bank Research.