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100. Bayreuther Festspiele eröffnet

26. Juli 2011

Die 100. Bayreuther Festspiele wurden mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners romantischer Oper "Tannhäuser" eröffnet. Der große Theaterskandal blieb aus.

Ein Fan der Bayreuther Festspiele posiert am Montag (25.07.11) vor dem Festspielhaus in Bayreuth mit einem Hut, auf dem das Konterfei von Komponist Richard Wagner (1813 - 1883) und die Zahl 100 zu sehen sind. (Foto: dapd)
Festspielfan in BayreuthBild: dapd

Buhrufe sind bei einer Neuinszenierung in Bayreuth fast Pflicht, und auch am Eröffnungstag der 100. Bayreuther Festspiele blieben sie nicht aus. Die Inszenierung von Regisseur Sebastian Baumgarten, am Dirigentenpult Thomas Hengelbrock, stieß nicht nur auf Gegenliebe. Doch die Klangkaskaden aus dem Zuschauerraum, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel, einige ihrer Kabinettsmitglieder und Prominente aus Wirtschaft und Showgeschäft saßen, müssen selbst für abgehärtete Mitglieder des Regieteams eine Grenzerfahrung gewesen sein.

Prominenz im Festspielhaus: Kanzlerin Merkel mit EhemannBild: dapd

Eine schwangere Venus, eine Elisabeth, die sich in eine Resteverwertungsanlage begibt und sich auflösen lässt, Tannhäuser in Unterhose, Videoprojektionen von Verdauungsprozessen oder Eibefruchtung, kopulierende Tiere und Untermenschen in einem Käfig, dazu Zuschauer, die mitten im Geschehen auf der Bühne sitzen: All das ist eben wenig romantisch.

Hermetisch abgeriegelte Wartburg

Die Kunstinstallation vom Bühnenbildner Joep van Lieshout zeigt eine in sich geschlossene Welt: eine Industrieanlage, die für alle menschliche Bedürfnisse vom Essen und Trinken bis hin zur Triebbefriedigung sorgt. In perfekter Nachhaltigkeit werden darin sogar menschliche Exkremente zur Energiegewinnung aufgesammelt.

"Ich komme vom Brechttheater", sagte Regisseur Sebastian Baumgarten der DW. "Mich interessieren sehr stark systemische Zusammenhänge und das Agieren der verschiedenen Figuren darin. Wir versuchen, diese Spielweise hier zu installieren."

Regisseur Sebastian BaumgartenBild: dapd

Allerdings sei die Zeit zum Proben sehr knapp gewesen, räumt er ein. Um so ein Stück zu intensivieren und noch stärker in die Personenführung einzusteigen, brauche man Jahre. "Wenn man nur sieben, acht Wochen probiert, ist man eben noch nicht da, wo ich als Regisseur gewöhnt bin zu sein."

Darin mag man eine Erklärung oder Entschuldigung für fehlende Personenregie finden. Und auch die Ansicht des Sängers Michael Nagy klingt eher wie ein Noterklärung: "Diese Inszenierung stellt viele Fragen und gibt wenige Antworten. Es bleibt viel Arbeit am Zuschauer hängen. Ich finde, das ist genau der richtige Prozess auf dem Weg der Authentizität."

Brisantes versus Durchschnittskost

Stoff für ein brisantes Menschendrama gibt es im "Tannhäuser" genug. Die Handlung erzählt von einem Gesangswettbewerb im Mittelalter, bei dem die Hauptfigur mit brisanten Liedern Gesellschaftsnormen verletzt und von der Allgemeinheit gemaßregelt wird. Die Konkurrenz bietet dagegen mehrheitsfähige, gefällige Durchschnittskost dar.

Joep van Lieshout schuf ein ungewöhnliches Bühnenbild: Die Biogasanlage irritierte das PublikumBild: dapd

Parallelen zum Eurovision Song Contest tun sich auf. Kunst und Gesellschaft, Individuum und Kollektiv - darauf wird hier nicht eingegangen. Zum großen Theaterereignis oder -Skandal gehört jedoch mehr als ein schlüssiges Konzept. Beim realen Wettstreit der Sänger auf der Bayreuther Bühne quittierte das Publikum einzelne Leistungen mit Ovationen: Günther Groissböck als Landgraf Hermann, Camilla Nylund als Elisabeth und Michael Nagy als Wolfram lagen in der Publikumsgunst weit vorn.

Neues jenseits der Festspielhausbühne

Trotz runder Zahl werden die 100. Bayreuther Festspiele, die noch bis zum 28. August andauern, ohne große Feierlichkeiten begangen. Neu oder anders in diesem Jahr war nicht ein Event im Festspielhaus, sondern in der Stadthalle Bayreuth, wo am Dienstag (26.07.2011) das Israelische Kammerorchester auftrat und auch Musik von Wagner spielte. Es war der erste Auftritt dieser Art: In Israel ist Wagners Musik durch den Tatbestand verpönt, dass er der Lieblingskomponist der Nazi-Machthaber war.


Bei der Pressekonferenz vor dem Festspielbeginn gab Katharina Wagner eine wichtige Neuigkeit bekannt: Regisseur des Vieropern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen" im Jahr 2013 wird der Berliner Frank Castorf sein. Bekannt für provokative Inszenierungen, die klassische Werke aufbrechen und moderne politische Verhältnisse kommentieren, dürfte Castorf im wichtigen Jubiläumsjahr, 200 Jahre nach der Geburt Richard Wagners, für Kontroversen sorgen. Dass er die Opern umschreiben oder verändern wird, ist allerdings nicht zu erwarten: Das verbietet die Satzung der Bayreuther Festspiele.

Bekannt für provokante Inszenierungen: Frank CastorfBild: AP

Autor: Rick Fulker
Redaktion: Suzanne Cords

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