Deutschland: Der lange Arm der Taliban
9. Februar 2026
Die diplomatischen Vertretungen Afghanistans in Deutschland stehen mehr und mehr unter Kontrolle von regimetreuen Kräften - mehr als vier Jahre nach der Machtübernahme der Taliban. Das betrifft die afghanische Botschaft in Berlin und die Generalkonsulate in München und Bonn. Die Einrichtungen gelten nun als diplomatische Vertretungen des Islamischen Emirats. Für viele Schutzsuchende aus dem Land bedeutet das, dass sie sich dort in die Hände des Taliban-Regimes begeben, vor dem viele nach Deutschland geflohen waren.
Im Januar veröffentlichte der Verband Afghanischer Organisationen in Deutschland NGO VAFO dazu eine Erklärung. Demnach verschärft sich für viele in Deutschland lebende Afghaninnen und Afghanen die Lage, weil sie für Pässe und andere Dokumente nun auf regimetreue Taliban angewiesen sind.
"Ohne gültige Pässe können sie ihren Aufenthalt nicht sichern, keine Arbeitsverträge verlängern und teilweise nicht einmal grundlegende Behördengänge erledigen", heißt es in der Erklärung von VAFO. "Die faktische Erwartung, Passangelegenheiten über Taliban-Strukturen abzuwickeln, verkennt die Realität der Betroffenen."
Gleichzeitig versucht die deutsche Regierung derzeit, Abschiebungen nach Afghanistan zu verstärken. Die Taliban scheinen die Gelegenheit zu nutzen, um schrittweise diplomatische Anerkennung in Europa zu erlangen.
Die radikal-islamischen Taliban - in mehreren Ländern, darunter den USA, aber nicht der EU, als Terrororganisation eingestuft - übernahmen 2021 nach dem Abzug der NATO-Truppen erneut die Macht in Afghanistan. Bislang hat nur Russland das Taliban-Regime offiziell als afghanische Regierung anerkannt. Viele Staaten unterhalten dennoch diplomatische Kontakte zu den Taliban, die international wegen der strikten Durchsetzung der Scharia und zahlreicher Menschenrechtsverletzungen verurteilt werden.
Zusammenarbeit mit Terroristen?
Mitarbeiter des deutschen Innenministeriums reisten 2025 nach Afghanistan, um die praktischen Abläufe für Abschiebungen aus Deutschland zu besprechen. Laut Innenministerium stimmten die Taliban grundsätzlich zu, alle Personen zurückzunehmen, deren afghanische Staatsangehörigkeit nachgewiesen ist.
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) bestätigte im Bundestag im Januar 2026, dass im Dezember die ersten Abschiebungen nach Afghanistan begonnen haben - zunächst von Menschen, die in Deutschland durch Straftaten aufgefallen waren.
Für den Afghanistan-Experten Conrad Schetter, Direktor des Bonn International Centre for Conflict Studies BICC , handelt es sich um einen "schmutzigen Deal". Denn de facto bedeutet dies eine Anerkennung von Taliban-Vertretern als legitime afghanische Repräsentanten in diplomatischen Vertretungen. Zudem erhalten die Taliban dadurch Zugang zu sämtlichen Daten afghanischer Staatsbürger in Deutschland - auch von jenen, die vor dem Regime geflohen sind, weil sie etwa der Bundeswehr in Afghanistan geholfen hatten.
So sei in der afghanischen Botschaft in Berlin sowie in den Konsulaten in Bonn und München eine Art "Grauzone" entstanden, so Schetter. Einige Büros werden weiterhin von Vertretern der früheren NATO-gestützten Regierung geführt, andere seien bereits faktisch von den Taliban übernommen worden - jener Gruppierung also, gegen die die NATO zwei Jahrzehnte Krieg führte.
"Das wurde mehr oder weniger informell geregelt", sagt Schetter. "Beide Seiten wollten, dass es nicht zu öffentlich wird. Nun ist alles sehr öffentlich geworden. Das bedeutet auch, dass die menschenrechtsfeindliche Politik der Taliban durch diesen Schritt gewissermaßen akzeptiert wird."
Andere europäische Länder hätten den Taliban einen solchen Zugang zu Konsulaten bisher nicht eingeräumt. "Deutschland ist hier Vorreiter", so Schetter. "Alle anderen Länder beobachten, was Deutschland macht – denn Deutschland hat die mit Abstand größte afghanische Diaspora und ist führend, wenn es um Abschiebungen nach Afghanistan geht."
Ehemalige afghanische Botschaftsmitarbeiter beantragen Asyl
Das Auswärtige Amt bestätigte der DW, dass neue, systemtreue Mitarbeiter aus Afghanistan akkreditiert wurden - zum Ärger vieler Mitarbeiter, die noch von der alten Regierung entsandt worden waren.
Ein Fall schlug hohe Wellen: Im Oktober 2025 trat Hamid Nangialay Kabiri aus Protest als amtierender Generalkonsul in Bonn von seinem Amt zurück, nachdem Taliban-Mitarbeiter mit Zustimmung Deutschlands akkreditiert worden waren. "Ich sagte ihnen, dass ich nicht mit Terroristen arbeiten kann", erklärte er der DW. "Deshalb bin ich zurückgetreten. Jetzt gehört das Konsulat in Bonn den Taliban. Ich bin stolz, Afghane zu sein - aber die Taliban sind nicht unsere Regierung!" Kabiri beantragte Asyl in Deutschland. Vier Monate später wartet er noch immer auf eine Entscheidung. Die Beantragung afghanischer Dokumente im Konsulat lehnt er ab – aus Angst um seine Familie.
"Wenn die Taliban wissen, wo meine Eltern leben, wo meine Schwester und mein Bruder leben, können sie sie leicht foltern", sagt er. "Alle haben Angst vor diesen politischen Spielen."
Bleiben oder gehen? Afghanistan oder Deutschland?
Jeanette Höpping, Rechtsberaterin bei YAAR , einer Berliner NGO, die Menschen aus Afghanistan unterstützt, berichtet ebenfalls, dass viele Menschen Angst hätten, die Konsulate zu betreten. Sie und andere Organisationen fordern deshalb sichere Alternativen für die Beantragung von Ausweisdokumenten oder Passverlängerungen. Eine solche Möglichkeit gab es bereits: Nach der Machtübernahme der Taliban 2021 konnten Staatsbürger aus Afghanistan in Deutschland sogenannte "graue Pässe" erhalten. Das sind Reisedokumente für Staatenlose oder Personen, denen die Passbeschaffung im Herkunftsland nicht zugemutet werden kann.
Diese Option existiert jedoch faktisch nicht mehr. Afghanische Geflüchtete müssen nun wieder afghanische Dokumente vorlegen. Sie benötigen einen Pass oder eine sogenannte Tazkira, um ihren Aufenthaltstitel zu erhalten. Die Tazkira ist ein zentrales Dokument zur Identitätsklärung von afghanischen Staatsbürgern, welches im Regelfall in Afghanistan ausgestellt ist. Für den Afghanistan-Analysten Thomas Ruttig gab die deutsche Abschiebungspolitik den Taliban erst den Hebel, das Konsulatspersonal auszutauschen. Deutschland sei zu sorglos gewesen, kritisiert er.
"In der Diplomatie gibt es immer Optionen", sagt er. "Andere Länder zeigen das. Ich glaube, diese gesamte Entscheidung folgt einem einzigen Ziel der Bundesregierung: großangelegte Abschiebungen nach Afghanistan."
Erst Asyl dann Abschiebung?
Für den ehemaligen afghanischen Diplomaten Kabiri ist die Situation absurd. Er fragt sich, welchen Sinn es macht, dass Deutschland Menschen zunächst Asyl gewähre, weil sie vor den Taliban fliehen - nur um sie dann wieder zu den Taliban zurückzuschicken. "Wo ist die Logik?", fragt er.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.