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Deutschland und Israel: "Kostbare Freundschaft"

5. Dezember 2025

Für den 1948 gegründeten Staat Israel wurde Deutschland, das Land der Täter, bald zum diplomatischen Partner. Eine Beziehung mit kritischen Phasen und Spannungen.

Deutschland Berlin | Israelische Flagge vor der Reichstagskuppel
Bild: Christoph Soeder/dpa/picture alliance

"Die diplomatische Annäherung, mehr noch die Partnerschaft, die seit einigen Jahrzehnten zwischen Deutschland und Israel besteht, sie ist ein Wunder." In seiner ersten Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag ging Bundeskanzler Friedrich Merz wenige Tage nach seiner Wahl auch auf die Partnerschaft zwischen Deutschland und Israel ein.

Diese Partnerschaft sei "auch eine Gabe des Staates Israel, der israelischen Gesellschaft, auf die wir in der Bundesrepublik nicht haben hoffen dürfen. Für uns, für die Bundesrepublik Deutschland folgt daraus: Existenz und Sicherheit des Staates Israel sind und bleiben unsere Staatsräson."

Das sagte Merz am 14. Mai 2025. Da lag der Hamas-geführte Terrorangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 mit mehr als 1200 Todesopfern und hunderten verschleppten Geiseln gut eineinhalb Jahre zurück. Der Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen in Folge der beispiellos grausamen Attacke brachte zehntausende Tote, und Israels Vorgehen sorgte international für Kritik und Empörung. Gleichzeitig wurden antisemitische Vorfälle in Deutschland alltäglich.

Merz beklagte auch diesen "unerträglichen Antisemitismus", "der sich im alten und neuen Gewand auf den deutschen Straßen und in der deutschen Öffentlichkeit" zeige. Das Frühjahr 2025 war wieder so eine Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel ausgesprochen angespannt war.

Dieses Verhältnis bleibt von besonderer Art. Es wird immer geprägt bleiben von der Schoah, dem Massenmord von Nazi-Deutschland an sechs Millionen Juden. Und doch hat sich das Verhältnis seit 1965, dem Jahr der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern, beeindruckend entwickelt. 

"Mit Ausnahme Deutschlands"

In den ersten Jahren war in jedem israelischen Pass zu lesen: "Dieser Pass ist gültig für alle Länder - mit Ausnahme Deutschlands". Der junge Staat Israel wollte strikte Distanz zum "Land der Mörder". Avi Primor, Israels Botschafter in Deutschland von 1993 bis 1999, gab sogar einem seiner Bücher den Titel "…mit Ausnahme Deutschlands".

Grundlegend für eine Annäherung war das im September 1952 erreichte Luxemburger Abkommen, unterzeichnet von der Bundesrepublik Deutschland auf der einen und Israel sowie der Jewish Claims Conference auf der anderen Seite. Es regelte deutsche Zahlungen und Dienstleistungen sowie die Selbstverpflichtung zur Rückerstattung von Vermögenswerten. Bundeskanzler Konrad Adenauer von der CDU setzte das Abkommen im Bundestag zum Teil gegen Stimmen aus seiner eigenen Fraktion durch und wurde bald darauf zum "Gesicht der Annährung" auf deutscher Seite. 

Israels Ministerpräsident David Ben-Gurion (l.) und Bundeskanzler Konrad Adenauer bei einem Treffen in New York im März 1960Bild: dpa/picture-alliance

Für die frühzeitige Aussöhnung steht vor allem David Ben-Gurion (1886-1973). Früh stritt der legendäre erste Ministerpräsident Israels für die Sichtweise auf das "andere Deutschland". Ben-Gurion und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967) trafen sich zeitlebens nur zweimal - 1960 und 1966. Und doch wirkten beide Staatsmänner wie ferne Freunde. 

Als im Spannungsgebiet des Nahen Ostens 1964 geheimgehaltene deutsche Waffenlieferungen an Israel bekannt wurden, war die Aufregung groß. Und doch war dies der letzte Anstoß für die Aufnahme der vollen diplomatischen Beziehungen im Jahr 1965. Ein Schritt, der vielen Menschen im noch jungen jüdischen Staat schwerfiel. Die Ankunft des ersten deutschen Botschafters wurde noch von Krawallen begleitet. 

Willy Brandt als erster Kanzler in Israel

Durch gemeinsame Gedenktage und Besuche deutscher Regierungsvertreter wurde das Verhältnis langsam gestärkt. Als erster Bundeskanzler überhaupt reiste Willy Brandt (1969-1974 im Amt) im Juni 1973 für fünf Tage zum Staatsbesuch nach Israel. Sein Nachfolger Helmut Schmidt (1974-1982 im Amt) reiste in schwierigeren Zeiten zwischen den beiden Ländern nie als Kanzler nach Israel. 

Helmut Kohl besuchte in seinen 16 Jahren als Bundeskanzler (1982-1998) zweimal den Staat Israel. Gerhard Schröder (1998-2005) kam im Jahr 2000 für knapp zwei Tage nach Jerusalem. Anders Angela Merkel (1998-2021). Sie besuchte Israel häufiger als alle anderen Kanzler zusammen, insgesamt achtmal. Olaf Scholz kam zu seiner Antrittsvisite Anfang März 2022. Dem Terror des 7. Oktober 2023 folgten zwei kurze Solidaritätsbesuche in Tel Aviv (wenige Tage nach dem Überfall) und Jerusalem (im März 2024).

Mit Yitzhak Rabin reiste 1975 erstmals ein israelischer Regierungschef in die Bundesrepublik und besuchte auch West-Berlin. Ein DDR-Regierungschef oder -Minister besuchte nie Israel; Ost-Berlin unterstützte das palästinensisch-arabische Lager und sah in Israel den "zionistischen Feind".

Die Regierungschefs der Bundesrepublik, vor allem Angela Merkel in ihren 16 Amtsjahren, betonten stets und in aller Deutlichkeit das Existenzrecht Israels. Seit dem Überfall des 7. Oktober 2023 hoben auch Olaf Scholz und Friedrich Merz das immer wieder hervor. Seitdem klingt es ernster.

Parallel zur israelischen Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten sprachen und sprechen sie sich aber immer wieder für eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israelis und Palästinensern aus und nannten diese auch bei ihren Appellen an die palästinensische Seite. Jeder neue israelische Siedlungsbau wird von Mahnungen aus Deutschland begleitet, die gespannte Lage im Land nicht weiter zu belasten. 

Ein Höhepunkt der beiderseitigen Beziehungen war gewiss ein Auftritt Merkels in der Knesset. Sie sprach dort 2008 als erste ausländische Regierungschefin überhaupt: auf Deutsch, in der Sprache der Täter der Schoah.

"Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar." Der damalige israelische Oppositionsführer hieß übrigens Benjamin Netanjahu - und er kritisierte, dass Merkel ihre Rede auf Deutsch hielt.  

Seitdem gehörte der Begriff der "Staatsräson", den Merkel bei früherer Gelegenheit schon mal verwendet hatte, im Grunde zu jeder Grundsatzrede deutscher Spitzenpolitiker über das Verhältnis Deutschlands zu Israel. Bis zu Friedrich Merz.

Zwar beschwor auch der CDU-Kanzler bei seiner ersten Regierungserklärung den Begriff. Aber seit dem Sommer 2025 wählt er meist andere Formulierungen. "Das deutsche Bekenntnis zur Existenz und zur Sicherheit des Staates Israel ist ein unverhandelbarer Bestandteil der normativen Fundamente unseres Landes", sagte er beispielsweise bei einer Rede in einer Feierstunde des Zentralrats der Juden in Deutschland im September 2025. Auch in Zeitungsinterviews erläuterte er seine Distanz zum Begriff Staatsräson.

Regierungskonsultationen?

Als Bundeskanzler Scholz 2022 Jerusalem besuchte, sprach er sich für eine baldige Einladung des Kabinetts Netanjahu zu deutsch-israelischen Regierungskonsultationen nach Berlin aus. Dazu ist es nicht gekommen.

Eines von mehreren Indizien für eine Entfremdung bei aller historischen Verpflichtung. 2008 hatte es in Jerusalem die ersten dieser großen Regierungstreffen gegeben, bis 2018 sechs weitere, drei in Berlin, drei in Jerusalem. Die israelische Seite strebte in der ersten Jahreshälfte 2023 eine Begegnung an, Berlin bremste.

Seit der erneuten Amtsübernahme von Ministerpräsident Netanjahu Ende 2022 schaut die deutsche Seite kritisch auf die Einbindung rechtsextremer Parteien und Politiker in die Regierung. Zu deren Zielen zählten von Beginn an eine (im Sommer 2023 in der Knesset beschlossene) Justizreform, die Wiedereinführung der Todesstrafe und der Ausbau von Siedlungen in Gebieten, welche die Palästinenser für einen künftigen Staat beanspruchen. 

Bundespräsident Steinmeier mit seiner Frau (rechts) und der israelische Präsident Herzog mit seiner Frau (links) im November 2023 im Kibbuz Beeri in der Nähe des Gazastreifens, der über 130 Todesopfer und 32 verschleppte Geiseln zu beklagen hatte Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa/picture alliance

Nach dem Terror des 7. Oktober 2023 betonten deutsche Politiker die Solidarität mit Israel, reisten nach Tel Aviv oder Jerusalem, fuhren später auch zu den Orten der Massenmorde im Grenzgebiet Israels zu Gaza.

Und nachdem der Internationale Strafgerichtshof (ICC) im November 2024 Haftbefehl gegen Netanjahu wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit erließ, signalisierte Merz, dass er trotz einer entsprechenden Verpflichtung Deutschlands Netanjahu bei einem Aufenthalt in Deutschland wohl nicht ausliefern würde. Viele Staaten und auch juristische Experten bewerteten das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Völkermord. Eine Bewertung, die Deutschland nicht übernahm.

Doch der Blick der Bundesregierung auf Israels Agieren im Gazastreifen wurde kritischer - je länger der dortige Einsatz der israelischen Armee dauerte, je höher die Zahl der Todesopfer stieg, je lauter rechtsextreme israelische Spitzenpolitiker die Aushungerung der Menschen in Gaza oder deren Vertreibung forderten.

Im August 2025 vollzog Merz einen deutlichen und nicht nur, aber auf jeden Fall sehr symbolischen Schritt. Er stoppte den Export deutscher Rüstungsexporte, die im Gaza-Krieg zum Einsatz kommen könnten. Von Netanjahu und dessen Botschafter in Deutschland kam darauf beißende Kritik: Diese Entscheidung nutze allein der Hamas. Erst im November wurde dieser Exportstopp wieder aufgehoben.

Im Mai 2025 begrüßte Friedrich Merz (rechts) den israelischen Präsidenten Izchak Herzog im Kanzleramt in Berlin Bild: John Macdougall/AFP

Merz stellte im Nachgang mehrfach klar, dass nach seiner Sicht auch ein solcher Schritt und unterschiedliche Bewertungen in Sachfragen die "einzigartige, so kostbare Freundschaft mit Israel" nicht schmälerten.

"Auch und vielleicht gerade dann, wenn Regierungen unterschiedliche Auffassungen vertreten, sind wir in Deutschland in der Pflicht, ohne Unterlass um eine gemeinsame Sprache zu ringen und Gemeinsames zu suchen." Man dürfe nie vergessen: "Dissens in der Sache ist keine Illoyalität an unserer Freundschaft."

Bei all dem gilt: Deutschland hat seit langem ein Problem mit zum Teil massivem Antisemitismus. Wie radikal der sein kann, zeigte der zum Glück gescheiterte Angriff eines Rechtsextremisten auf die zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur 2019 vollbesetzte Synagoge in Halle, der dann in der Nähe zwei Menschen ermordete. Wie weit der Antisemitismus öffentlich werden kann, verdeutlichte die documenta fifteen 2022 in Kassel, einer der weltweit wichtigsten Kunstausstellungen, mit einer Reihe von deutlich antisemitischen Darstellungen und monatelangen Debatten. 

Antisemitismus in Berlin: Jüdisches Leben unter Druck

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Dieser Judenhass ist seit 2023 stärker geworden. Nach diversen Untersuchungen stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle um ein mehrfaches an. Viele Jüdinnen und Juden sind verängstigt. Der Botschafter Israels in Deutschland äußert sich häufiger und schärfer als alle seine Vorgänger der vergangenen Jahrzehnte, er attackiert Medien und Journalisten. Zumindest das lässt sich sagen: Man redet heute offener miteinander als seit langem. 

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