Deutschlands Flirt mit Indien
11. Januar 2026
Wo findet ein Land wie Deutschland Partner, wenn die Weltlage immer unsicherer wird und selbst der NATO-Verbündete USA droht, Grönland einzunehmen, und hohe Einfuhrzölle auf europäische Waren erhebt? Deutsche Spitzenpolitiker lassen schon seit einiger Zeit ein beliebtes Reiseziel erkennen: Indien. Vor etwas über einem Jahr war der frühere SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz mit einer ganzen Ministerriege bei Ministerpräsident Narendra Modi.
Nach einem Besuch von Außenminister Johann Wadephul im Herbst steht jetzt die zweitägige Reise von CDU-Kanzler Friedrich Merz nach Indien an. Modi wird Merz am Montag in seinem Heimatbundesstaat Gujarat empfangen, wie ein Regierungssprecher in Berlin sagte. Dabei würden bilaterale und internationale Fragen erörtert werden. Anschließend werde Merz nach Bangalore weiterreisen und dort auch deutsche Unternehmen besuchen. Begleitet werde der Kanzler von einer Wirtschaftsdelegation, was die Bedeutung des Besuchs noch unterstreicht.
Starke indische Wirtschaft
Das verstärkte deutsche Interesse am bevölkerungsreichsten Land der Erde (rund 1,45 Milliarden Menschen) hat wirtschaftliche und geopolitische Gründe: Die indische Wirtschaft soll nach Prognosen der Weltbank und der Industrieländerorganisation OECD in diesem Jahr um mehr als sechs Prozent wachsen, noch deutlich vor der chinesischen, der gut vier Prozent zugetraut werden. Deutschland dagegen steckt seit drei Jahren in einer Rezession.
Außerdem sucht Deutschland händeringend Fachkräfte - und findet sie zunehmend in Indien. Inzwischen stellen Inder auch die größte Gruppe ausländischer Studenten an deutschen Universitäten.
"Indien hat seine Stärken vor allem im Dienstleistungsbereich", sagt Christian Wagner, Indien-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, der DW. "Indien gilt ja als Büro der Weltwirtschaft. China gilt hingegen eher als Fabrik der Weltwirtschaft." Dabei habe Indien eine schnelle Entwicklung durchlaufen, so Wagner. "Es fing mit den Call-Centern an. Jetzt ist man bei den Forschungseinrichtungen. Viele große deutsche Firmen haben Forschungseinrichtungen nach Indien ausgelagert. Und die indischen Studierenden, die zu uns kommen, belegen mehrheitlich natur- und ingenieurwissenschaftliche Studiengänge."
Der Handelsaustausch Deutschlands mit Indien ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Laut der bundeseigenen Marketingagentur Germany Trade and Invest betrug er 2024 (für 2025 liegen noch keine Zahlen vor) rund 29 Milliarden Euro und wächst weiter. Doch das ist nur ein Bruchteil des Handels mit China, der 2024 ein Volumen von rund 246 Milliarden Euro hatte.
Merz: Europäer müssen neues Handelssystem aufbauen
Das wirtschaftliche Schwergewicht China ist für Deutschland allerdings wegen Sicherheitsbedenken immer mehr zum Problemfall geworden, genauso wie der Handelspartner USA wegen der Einfuhrzölle. Russland ist es seit Beginn des Ukraine-Kriegs erst recht.
Bundeskanzler Friedrich Merz beschrieb die neue weltpolitische Situation im vergangenen Jahr in einer Grundsatzrede im Auswärtigen Amt. "Was wir liberale Weltordnung genannt haben, steht nun von vielen Seiten unter Druck, auch im Inneren des politischen Westens", sagte Merz, ohne die USA zu nennen. Präsident Donald Trumps Zollpolitik hat auch der deutschen Wirtschaft Schaden zufügt. Außerdem sorgt sich Merz, dass sich die Vereinigten Staaten sicherheitspolitisch von Europa abwenden könnten. Diese Sorgen haben noch einmal deutlich zugenommen, seit Donald Trump unverhohlen droht, das zum NATO-Partner Dänemark gehörende Grönland notfalls militärisch einzunehmen. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sieht die NATO in diesem Falle am Ende.
Mit Blick auf Russland und China führte Merz vor deutschen Botschaftern aus, es entstünden neue revisionistische Allianzen. Krisen und Konflikte überlagerten sich. Die Bundesregierung suche zwar die Zusammenarbeit mit Peking, die Systemrivalität mit China nehme aber zu. Die Welthandelsorganisation funktioniere nicht mehr, sagte Merz, Deutschland und die Europäer müssten selbst ein neues System an regelbasiertem Handel aufbauen.
Und hier kommt Indien ins Spiel. Denn für die Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, so Merz, müsse es Priorität sein, die Rohstoff- und Handelsketten zu diversifizieren. Dafür seien mehr und engere Partnerschaften nötig - zum Beispiel mit Indien.
Indien will weiter gute Beziehungen zu Russland
Doch auch das Verhältnis mit dem Subkontinent ist nicht frei von Problemen, gerade im Hinblick auf Russland. Deutsche Versuche, Indien auf die Seite der Staaten zu ziehen, die den russischen Einmarsch in der Ukraine verurteilen und Russland mit Sanktionen belegen, sind gescheitert. Mehr noch, Indien kauft russisches Öl, verkauft es weiter an westliche Staaten und unterläuft damit die Russland-Sanktionen der EU.
Daran wird auch Merz wohl nichts ändern können, glaubt Christian Wagner: "Ich halte es für vergleichsweise schwierig, Indien auf die Seite des Westens zu ziehen. Das wird, glaube ich, nicht gelingen. Indien wird an seinem Kurs der strategischen Autonomie festhalten, wird also auch weiterhin gute Beziehungen zu Russland pflegen."
Hoffen auf Rüstungsgeschäfte
Eng sind die Verbindungen zwischen Neu-Delhi und Moskau auch bei der Rüstung, und das seit Jahrzehnten. "Ungefähr 60, 70 Prozent der indischen Streitkräfte sind weiterhin von russischen Rüstungsgütern abhängig", sagt Christian Wagner. "Russland gilt gerade im Rüstungsbereich als sehr zuverlässiger Partner. Man muss auch berücksichtigen: Westliche Rüstungsgüter sind einfach deutlich teurer als russische, und sie kommen mit mehr Auflagen." Eine solche Auflage kann etwa das Verbot sein, westliche Handfeuerwaffen bei der Niederschlagung von Aufständen im Inland einzusetzen.
Frankreich ist es allerdings gelungen, mit Indien größere Rüstungsgeschäfte abzuschließen. Im April 2025 vereinbarten beide Länder die Lieferung von 26 Kampfflugzeugen vom Typ Rafale an Indien im Wert von 6,6 Milliarden Euro. Frankreich steht bei den Rüstungslieferungen an Indien inzwischen knapp hinter Russland an zweiter Stelle. Deutschland dagegen erscheint nur unter ferner liefen.
Erwartet wird, dass die Regierung in Neu-Delhi in den nächsten Jahren die Streitkräfte umfassend modernisieren wird. Zwar baut Indien inzwischen erfolgreich eine eigene Rüstungsindustrie auf, ist aber in vielen Bereichen noch von ausländischen Lieferungen abhängig. Die Bundesregierung erhofft sich unter anderem Aufträge für die Transportmaschine Airbus A400M und für U-Boote. Hier könnte Bundeskanzler Merz bei seinem Besuch in Indien Nägel mit Köpfen machen.