Deutschland setzt im Streit mit Trump auf die Hilfe Melonis
23. Januar 2026
Der Streit um Grönland scheint erst einmal entschärft. US-Präsident Donald Trump will die zu Dänemark gehörende Insel nicht mit Gewalt einnehmen und er will auch keine Strafzölle mehr gegen Länder erheben, die sich seinem Wunsch widersetzen, Grönland für die USA in Besitz zu nehmen. So zumindest einige seiner Botschaften am Mittwochabend (21.01.2026) beim Weltwirtschaftsforum in Davos.
Doch die europäischen NATO-Länder sind durch Trumps viele Volten und Drohungen misstrauisch. Die jüngste Eskalation verleiht auch dem Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Italien eine Bedeutung, die er ursprünglich gar nicht hatte.
Das Verhältnis zu Italien steht bei deutschen Politikern schon lange im Schatten der Beziehungen mit Frankreich, des offiziell engsten Partners. Das hatte in den letzten Jahren auch politische Gründe: Als 2022 Georgia Meloni Chefin einer Rechtskoalition in Rom wurde, war sie für die damalige deutsche Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen ein rotes Tuch. Oder, um mit den politischen Farben zu sprechen, ein braunes Tuch.
Denn ausgerechnet die erste Frau an der Spitze einer italienischen Regierung ist die Vorsitzende der Brüder Italiens (Fratelli d'Italia). Die Fratelli werden mal als rechtsextrem, mal als postfaschistisch, mindestens als rechtsnational bezeichnet. Die Partei gilt - oder galt - in der politischen Klasse Deutschlands ungefähr als das, was die AfD in Deutschland ist: eine Partei, mit der die allermeisten aus den Parteien der Mitte nichts zu tun haben wollen.
Meloni pflegt Kontakte zu Trump und zur EU
Giorgia Meloni, die früher offen Italiens Diktator Benito Mussolini bewunderte, hat diesen Eindruck zunächst auch bestätigt. Ihr Slogan: "Gott, Familie, Vaterland". Sie ging auf Distanz zur EU, betonte stattdessen das Nationale und suchte die Nähe zu US-Präsident Donald Trump. Bilder von den beiden, wie sie sich, breit lächelnd, offenbar bestens verstehen, haben Melonis Außenseiterposition in der EU noch verfestigt.
Außenseiter ist zwar auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, ebenfalls ein Liebling Trumps. Doch es gibt entscheidende Unterschiede. So unterstützt Meloni im Gegensatz zu Orban die Ukraine im Krieg gegen Russland und sprach sich dafür aus, dass die Ukraine EU-Beitrittskandidat wurde. Auch durch das wirtschaftliche Gewicht Italiens - der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone nach Deutschland und Frankreich - kommen andere EU-Regierungen kaum an ihr vorbei.
Schließlich gibt sich Meloni, die früher Italien aus der EU herausführen wollte, auf europäischer Ebene zunehmend pragmatisch und konstruktiv. Das hat auch die Bundesregierung in Berlin unter dem Konservativen Friedrich Merz anerkannt, etwa als Meloni kürzlich für die notwendige Stimmenmehrheit für das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten sorgte. Deutschlands engster Partner Frankreich war dagegen, wurde aber überstimmt.
Merz und Meloni versuchen zu deeskalieren
Giorgia Meloni hat sich damit über die Jahre eine starke Position erarbeitet, die sowohl von Donald Trump als auch von Friedrich Merz und anderen europäischen Regierungschefs geschätzt wird. Schon im Frühjahr vergangenen Jahres hatte sie versucht, im Zollstreit zwischen den USA und der EU zu vermitteln. Die Vorbehalte, die man in Berlin einmal gegen ihre politische Herkunft hatte oder noch hat, scheinen vergessen oder jedenfalls in den Hintergrund zu treten, vor allem jetzt, wo es im Streit mit Trump um sehr viel geht.
Trump hatte Strafzölle für alle angedroht, die gegen eine Übergabe der zu Dänemark gehörenden Insel Grönland sind, auch wenn er beim Weltwirtschaftsforum in Davos wieder einen Rückzieher machte. Während die Drohung im Raum stand und andere europäische, auch deutsche, Politiker die Keule Gegenzölle herausholten, warnten sowohl Friedrich Merz als auch Giorgia Meloni vor einem totalen Zerwürfnis mit Trump.
Beide befürchten bei einem Handelskrieg schwere wirtschaftliche Schäden für ihre angeschlagenen, stark verschuldeten Volkswirtschaften. Ihre noch größere Sorge ist, die USA als Schutzmacht zu verlieren.
Offensichtlich gebe es zwischen Trump und den Europäern ein "Kommunikationsproblem", sagte Meloni vor wenigen Tagen. Das war sehr vorsichtig ausgedrückt für die wohl bislang größte Krise in den transatlantischen Beziehungen seit Kriegsende. Aber das Ziel einer Verständigung war erkennbar. Jetzt sei es notwendig, so Meloni, "den Dialog wieder aufzunehmen und eine Eskalation zu vermeiden". Ganz ähnlich hat es Merz immer wieder gesagt.
Von Trumps Zolldrohungen war Deutschland betroffen, Italien nicht
In der aufgeheizten Stimmung hatte Italien angeboten zu vermitteln. Außenminister Antonio Tajani sagte: "Ich glaube, dass Italien aufgrund seiner Natur, seiner Vermittlungsfähigkeit und seiner Fähigkeit, mit allen zu sprechen, eine positive Rolle dabei spielen kann, Vereinbarungen zu finden." Ministerpräsidentin Meloni stehe dazu "im Dialog mit den Vereinigten Staaten, aber auch mit den Europäern".
Ein Angebot, das der deutsche Regierungssprecher Stefan Kornelius begrüßte: "Ich glaube, dass im Moment sehr viele Staaten in diese Debatte eingebunden sind. Die italienische Ministerpräsidentin hat auch mit dem US-Präsidenten telefoniert. Das ist immer sehr hilfreich."
Italien hatte im Gegensatz zu Deutschland keine Soldaten zu der Erkundungsmission mehrerer NATO-Staaten nach Grönland entsandt. Dadurch war es von der Zolldrohung nicht betroffen. Auch wenn Trump die Zölle nun doch nicht erheben will, warnte er jede Regierung, die sich einer Inbesitznahme Grönlands durch die USA in den Weg stellen will: "Sie können ja sagen, und wir werden das sehr schätzen. Oder sie können nein sagen, dann werden wir uns das merken."
Lob aus dem EU-Parlament
Abgesehen von Lösungsansätzen für die unmittelbare Krise mit Trump scheint die Regierungen in Berlin und Rom aber mehr zu verbinden. So wollen sie gemeinsam für mehr Wettbewerb und weniger Bürokratie in der EU sorgen. In einem Positionspapier warnen sie, der Europäischen Union drohe der Niedergang im Vergleich zu den USA undChina,wenn nicht schnell gehandelt werde.
Manfred Weber, Chef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, fordert beide Regierungen zu einem Ausbau der Beziehungen nach dem Vorbild der deutsch-französischen Freundschaft auf. Den Zeitungen der Funke-Mediengruppe sagte Weber: "Von Sicherheits- und Handelsfragen, über die Bekämpfung der illegalen Migration sowie bei der künftigen Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft profitiert Europa von einem engen Schulterschluss von Deutschland und Italien."
Solche Töne aus der EU wie aus Berlin wären zu Beginn von Melonis Amtszeit undenkbar gewesen. Die "Postfaschistin", wie sie damals oft bezeichnet wurde, ist zu einer gefragten Pragmatikerin geworden.