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Kohleausstieg um 2030 in Deutschland?

9. Dezember 2020

Strom aus Kohle wird zu teuer. Experten rechnen deshalb mit einem Ende der Kohlekraft in Deutschland um 2030 statt 2038. Auch in anderen Ländern gibt es den Trend zum früheren Kohleende. Reicht das für den Klimaschutz?

Großdemonstration für Kohleausstieg und Klimaschutz im Dezember 2018 in Köln. Eine junge Aktivistin hält ein Plakat "End of Coal now"
Bild: DW/G. Rueter

Über zwei Jahre hatte das Ringen zwischen Energiekonzernen, Umweltverbänden und Wirtschaftspolitikern gedauert. Im Juli dann beschloss die Bundesregierung den Kohleausstieg bis spätestens Ende 2038 per Gesetz

Jetzt zeichnet sich ab: Der tatsächliche Ausstieg kommt wahrscheinlich schon viele Jahre früher, weil sich die Kohleverstromung immer weniger rechnet. 2010 lag der Anteil von Kohlestrom in Deutschland bei 43 Prozent, 2020 sind es noch 24 Prozent und für 2030 rechnet eine aktuelle Studie mit einem Anteil von nur noch zwei Prozent im Strommix.

Warum wird Kohlestrom zu teuer?

Ein Grund ist der steigende CO2-Preis in der EU durch die Anhebung der EU-Klimaziele. Experten von führenden Energieinstituten rechnen in der Studie im Auftrag von Agora Energiewende, dass sich dieser von derzeit 25 Euro pro Tonne CO2 bis 2030 auf rund 50 Euro verdoppeln wird.

Da Kohlekraftwerke viel CO2 ausstoßen, erhöhen sich bei einem CO2-Preis von 50 Euro pro Tonne die Kosten der Stromerzeugung erheblich: bei der Steinkohle um rund 50 Prozent im Vergleich zu heute und bei der besonders klimaschädlichen Braunkohle um über 100 Prozent.

Strom aus Braunkohle wird so in Deutschland und auch anderen EU-Staaten zur teuersten Energie – dagegen wird Strom aus Sonne und Wind immer günstiger. Experten rechnen aus diesen Gründen mit einem Ende von Kohlestrom um 2030 in Deutschland.

Ende der Kohlekraft auch in anderen Ländern?

Griechenland will aus Kostengründen 2028 sein letztes Braunkohlekraftwerk abschalten, in Tschechien wird über den Ausstieg aus Braunkohle diskutiert und in Polen beginnt derzeit die Diskussion. Auch in anderen Teilen der Welt ist der Trend zu weniger Kohlestrom schon absehbar und das auch schon ohne CO2-Preis. Die Stromerzeugung mit Wind, vor allem aber mit Solarenergie ist günstiger und dies vor allem in der Zukunft.

Kohlekraftwerke werden deshalb heute kaum noch geplant, Bauvorhaben gestoppt und bestehende Kohlekraftwerke produzieren immer weniger Strom, weil die Energie aus Solarkraft günstiger ist. Einige Energieversorger gehen deshalb bereits in die Insolvenz. "Die sich abzeichnende Entwicklung in Deutschland und Europa zu immer weniger Kohlestrom werden wir auch in ein paar Jahren sehr deutlich in Asien sehen", sagt Phlipp Litz, Experte für Kohleenergie von Agora Energiewende gegenüber DW.

Ende um 2030 in Deutschland

Vom steigenden CO2-Preis ist die Braunkohle besonders stark betroffen: Sie wird teurer als Steinkohle und Gas (siehe Grafik). Laut Agora-Studie sinkt ihr Anteil am Strommix von derzeit 16 Prozent auf rund 0,5 Prozent im Jahr 2030. Auch der Strom aus Steinkohle-Strom fällt, von heute sieben auf dann 1,8 Prozent. 

Das bedeutet: bis 2030 müsste in deutschen Tagebauen weniger als ein Drittel der Braunkohle gefördert werden als von den Braunkohleunternehmen behauptet – nur noch insgesamt rund 510 Millionen Tonnen. Davon etwa die Hälfte im rheinischen Revier bei Köln und die andere Hälfte in den beiden ostdeutschen Revieren bei Leipzig und in Brandenburg (Lausitz).

Risiko für Kohleunternehmen?

Den Energiekonzernen ist klar, dass mit steigendem CO2-Preis und verschärftem EU-Klimaziel die Kohleverstromung deutlich sinkt. "Wenn der Markt in naher Zukunft keinen Braunkohlestrom mehr brauchen sollte, dann werden wir auch keinen mehr produzieren", sagte Rolf Martin Schmitz, Chef von Europas größtem Braunkohleunternehmen RWE im Tagesspiegel. 

Genaue Auskünfte zur Zukunft der Kohleverstromung wollen RWE und auch die anderen Kohleunternehmen allerdings nicht geben und beantworten die Fragen der DW dazu nicht. Auf der anderen Seite passen sich die Kohlekonzerne den neuen Herausforderungen an und so sichert sich zum Beispiel RWE durch eine milliardenschwere Transaktion mit dem Energieriesen Eon den Besitz von Wind- und Solarparks.

Und auch das zweitgrößte Kohleunternehmen LEAG in Brandenburg zeigt sich zuversichtlich und will im Bereich der Erneuerbarer Energien, Energiespeicher und Wasserstoff neue Geschäftsfelder erschließen.

Erhalt von Dörfern möglich?  

Bislang halten Deutschlands Kohleunternehmen an der Option fest, Dörfer abreißen zu lassen. Die Bewohner müssen dafür umgesiedelt werden.

Laut Daten der Agora-Studie wird die Kohle unter den meisten Dörfern jedoch nicht mehr gebraucht, zumindest im Rheinland müsste keines mehr abgerissen werden. 

Der noch zu erwartende Braunkohlebedarf im rheinischen Revier liegt durch die veränderten Rahmenbedingungen bei nur noch rund 255 Millionen Tonnen ab 2021. RWE bezifferte im Mai noch einen Bedarf von 820 bis 860 Millionen (ab 2021), doch in der dazu veröffentlichten Prognose wurde die Anhebung der EU-Klimaziele nicht berücksichtigt und veraltete Daten als Grundlage herangezogen. 

Derzeit verfügt RWE nach eigenen Angaben  noch über Vorräte von 435 Millionen Tonnen Braunkohle in seinen Tagebauen, in Inden (214 Millionen Tonnen) Hambach (126 Millionen Tonnen) und dem Tagebau Garzweiler (über 100 Millionen Tonnen). Der Abriss von sechs Dörfern am Tagebau Garzweiler könnte somit vermieden werden.

Deutschland: Sechs Dörfern droht Braunkohlebagger

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Wie reagiert die Politik?

Die Erlaubnis für den Abriss von Dörfern im rheinischen Tagebau trifft die zuständige Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Die Bewohner der Dörfer fühlen sich von der Landesregierung übergangen. Sie fordern zusammen mit einem breiten Bürgerbündnis den unverzüglichen Stopp von Abrissarbeiten und den diesbezüglichen Planungen. Ob es zum endgültigen Abriss der Dörfer noch kommen wird, entscheiden womöglich auch die Gerichte. Laut Rechtsanwalt Dirk Teßmer, der die Dorfbewohner vertritt, sei die rechtliche Grundlage für Enteignungen entfallen.

Reicht das Tempo fürs Klimaziel?

Eine Tonne Braunkohle verursacht eine Tonne CO2 bei der Verbrennung. Mit dem absehbar schnellerem Ende von Kohlestrom wird weniger CO2 in die Atmosphäre geblasen und der Klimaschutz kommt einen großen Schritt voran.

Für das Pariser Klimaziel reicht diese Entwicklung alleine jedoch nicht aus, betonen Experten. Zusätzlich brauche es den verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien, eine sehr zügige Wende im Verkehr, beim Heizen und in der Landwirtschaft.

Laut Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät, dürfte Deutschland für die Einhaltung der 1,5 Grad-Grenze maximal noch 4,2 Milliarden Tonnen CO2 emittieren. Um dieses Limit einzuhalten, müsse Deutschland zudem bis 2035 CO2-neutral werden, lautet das Fazit einer Studie vom Wuppertal Institut im Auftrag von Fridays for Future. Das "ist aus technischer und ökonomischer Sicht extrem anspruchsvoll, aber grundsätzlich durchaus möglich", sagte Energie- und Klimaforscher Prof. Manfred Fischedick, der Leiter des Instituts.

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