Der Weltraum gehört zur strategischen Infrastruktur und verspricht Geschäfte in Milliardenhöhe. Auch deutsche Unternehmen mischen mit. Doch haben die eine Chance, im globalen New‑Space‑Wettlauf mitzuhalten?
Satelliten im Weltall eröffnen vielen Unternehmen, die nicht in der Weltraumwirtschaft direkt tätig sind, neue GeschäftsfelderBild: Aleksandr Volodin/Zoonar/picture alliance
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Die Weltraumwirtschaft ist ein Multimilliardengeschäft. Das Marktvolumen liegt bei rund 600 Milliarden US-Dollar, so eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Tendenz steigend. Bis 2040 kann es auf zwei Billionen Euro wachsen. Das ist etwa viermal so viel wie der Bundeshaushalt Deutschlands im Jahr 2025.
Wo so viel Geschäft lockt, wollen viele einen Teil vom Kuchen abbekommen. New Space ist das Wort der Stunde. Damit wird die Kommerzialisierung der Raumfahrt bezeichnet, die zunehmend von privaten Unternehmen vorangetrieben wird.
Derzeit fließen 150 Milliarden in den sogenannten Upstream-Markt, also in die Produktion der auf der Erde und im All benötigten Infrastruktur wie Trägerraketen, Bodensegmente und Satelliten. Der größte Teil, nämlich etwa 450 Milliarden US-Dollar, geht in Downstream-Anwendungen, also in datengetriebene Aktivitäten, die durch die Weltraumaktivität möglich werden.
"New Space ist heute schon im ganz Wesentlichen ein Data-Business", sagt Matthias Wachter vom BDI. Er ist Geschäftsführer der deutschen New Space Initiative sowie Co-Bereichsleiter für Innovation, Sicherheit und Technologie beim BDI.
Europa will in der Raumfahrt unabhängiger vom Ausland werden. Die Trägerrakete Ariane 6 hat bereits auf ihrem ersten kommerziellen Flug Satelliten des Amazon-Konzerns transportiert. Derzeit wird das lukrative Geschäft mit Trägerraketen vom US-Unternehmen SpaceX dominiert Bild: Ronan Lietar/AFP
Wandel des Weltraums zum Geschäftsraum
Seit ihren Anfängen hat sich die Weltraumfahrt grundlegend geändert. Während des Kalten Krieges war sie vor allem ein Wettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion. Impulse und Geld kamen vom Staat.
Um das Jahr 2000 sind die Staaten immer stärker in die Rolle des Kunden gerutscht. Raketenstarts, Satelliten und andere Dienste wurden seitdem immer öfter bei privaten Unternehmen eingekauft. Das war die Geburtsstunde von SpaceX und Blue Origin.
Ein Meilenstein waren wiederverwertbare Raketen. Sie haben den Transport ins All wesentlich günstiger gemacht, wodurch sich für viele andere Unternehmen neue Anwendungen und Geschäftsfelder eröffnet haben. Allein die Preise von Raketenstarts sind in den vergangenen 20 Jahren um 90 Prozent zurückgegangen, so die Unternehmensberatung McKinsey.
50 Jahre europäische Raumfahrt: Happy Birthday, ESA!
Die Europäische Weltraumorganisation feiert runden Geburtstag. Die ESA koordiniert die europäische Raumfahrt von 23 Mitgliedstaaten. Ein Rückblick auf die größten Erfolge - und die peinlichsten Misserfolge.
Bild: ESA
HEOS - Erster Europäer im All
HEOS-1 (Highly Eccentric Orbit Satellite) war der erste europäische Satellit im Weltraum. Er wurde am 5. Dezember 1968 gestartet und sollte die Magnetfelder der Erde sowie die von der Sonne ausgehende kosmische Strahlung und den Sonnenwind untersuchen. Verantwortlich für den Satelliten war die European Space Research Organisation (ESRO) - eine Vorgänger-Organisation der ESA.
Bild: ESA
COS-B - Die erste ESA-Mission
Das erste Mal im All unterwegs war die ESA mit dem Satellit COS-B von 1975 bis 1982. Sein Name steht für Cosmic Ray Satellite B. Die Weltraumagentur untersuchte damit Gammastrahlung im Weltall. Diese extrem energiereiche Strahlung wird frei, wenn radioaktive Elemente zerfallen. Mit COS-B entstand die erste Karte von Gammastrahlung in der Milchstraße.
Bild: ESA
Ariane - Rakete zu den Sternen
Der Weltraumbahnhof der ESA liegt in Kourou, Französisch-Guyana, im Norden Südamerikas. Als Trägersysteme für Satelliten und Sonden nutzt die ESA Raketen des Typs Ariane 5, der extra für die ESA entwickelt wurde. Der erste Start einer Ariane-5-Rakete im Jahr 1997 schlug allerdings fehl: Sie sprengte sich aufgrund eines Softwarefehlers selbst in die Luft.
Bild: AFP/Getty Images
Giotto - Ein Komet aus nächste Nähe
Der Halleysche Komet kehrt einmal alle 75-76 Jahre in unser Sonnensystem zurück. Im Jahr 1986 war eine europäische Sonde vor Ort, um das Geschehen einzufangen. Die Sonde mit dem Namen Giotto schickte mehr als 2000 Bilder des kosmischen Besuchers zurück zur Erde.
Bild: ESA
Ulysses - Heiße Begegnungen
1990 startete die ESA ihre Raumsonde Ulysses, um die Sonne zu untersuchen - die Polarregionen der Sonne, ihr Magnetfeld und den Sonnenwind. Dies war eine von vielen Missionen, bei denen die ESA mit ihrem amerikanischen Pendant, der NASA, zusammengearbeitet hat.
Bild: ESA
Hubble - Atemberaubende Bilder
Ebenfalls 1990 starteten ESA und NASA eine zweite Zusammenarbeit: Gemeinsam schickten sie das Hubble-Weltraumteleskop ins All, um Tausende von Bildern von unserem Sonnensystem und darüber hinaus aufzunehmen. Darunter befanden sich auch einige der detailliertesten Bilder von anderen Planeten unseres Sonnensystems, die die Weltraumforschung revolutionierten.
Bild: ESA
Haigneré - Die Wegbereiterin
Im Jahr 2001 erreichte Claudie Haigneré als erste Europäerin den Weltraum. Die Neurowissenschaftlerin war Mitglied des Europäischen Astronautenkorps mit Sitz in Köln und wurde der russischen Mission Andromède zugeteilt. Während ihres achttägigen Aufenthalts auf der Internationalen Raumstation führte Haigneré Forschungsarbeiten für die französische Raumfahrtbehörde CNES durch.
Bild: ESA
Mars Express - ESA auf dem roten Nachbarn
2003 startete die ESA-Mission Mars Express, die erste europäische Marssonde. Sie hat unter anderem Ausrüstung dabei, um nach Wasservorkommen auf dem Mars zu suchen und ist noch immer fleißig im Einsatz.
Bild: picture-alliance/dpa/esa
Besuch auf einem Saturnmond
Die Sonde Huygens - Teil eines ESA-NASA-Projekts - landete im Jahr 2005 nach fast achtjährigem Flug auf der Oberfläche des größten Saturnmondes Titan. Sie fotografierte die Oberfläche und führte chemische Analysen durch. Huygens ist damit die erste Sonde, die auf dem Boden eines Körpers im äußeren Sonnensystem aufsetzte.
Bild: picture-alliance/dpa
Panne bei der Eissonde
Der Forschungssatellit Cryosat sollte die Dicke der polaren Eisschicht messen. Aufgrund eines fehlerhaften Steuerungsalgorithmus erreichte der Satellit aber seine Umlaufbahn nicht und stürzte im Jahr 2005 ins Nordpolarmeer. 2010 startete die ESA den Ersatz-Satelliten Cryosat-2.
Bild: picture alliance/ dpa
Forschungsstation hoch oben
2008 schickte die ESA ihr Weltraumlabor Columbus zur Internationalen Raumstation ISS. In dem Mehrzwecklabor forschen Wissenschaftler unter Bedingungen der Schwerelosigkeit.
Bild: ESA/NASA
Rosetta - Landung auf einem Kometen
Die Rosetta-Mission ist eine der größten Errungenschaften der ESA. Ihr Tandem-Landefahrzeug Philae setzte 2014 auf dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko auf. Eine Meisterleistung!
Bild: ESA/Getty Images
Copernicus - Blick auf die Erde
Die Copernicus-Satellitenfamilie gehört zu den fortschrittlichsten Klimaüberwachungsdiensten. Die Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-1 A und B beobachten aus 700 Kilometer Höhe Extremwetterereignisse oder die Auswirkungen der Klimaveränderungen. Hier die grafische Darstellung eines Ozonlochs über der Antarktis.
Das Satellitennavigationssystem Galileo soll weltweit Daten zur genauen Positionsbestimmung liefern. Die Hoffnung: Es soll genauer sein als das US-amerikanische GPS. Das Gemeinschaftsprojekt zwischen EU und ESA besteht aus mehreren Satelliten. Zwei davon - Doresa und Milena - wurden allerdings 2014 in der falschen Umlaufbahn ausgesetzt.
Bild: picture-alliance/dpa
Gaia - Der Blick in unsere Nachbarschaft
Gaia war eine zehn Jahre dauernde Mission, die 2014 startete, um zwei Milliarden Sterne in der Milchstraße zu beobachten und eine 3D-Karte unserer Galaxie zu erstellen.
Bild: ESA
BepiColombo - Auf dem Weg zum Merkur
Die Raumsonde BepiColombo ist auf dem Weg zum Merkur, wo sie im November 2026 ankommen soll. Es ist die bislang komplexeste Mission zur Überwachung des ersten Planeten in unserem Sonnensystem.
Bild: Knut Niehus/Chromorange/picture alliance
James Webb Weltraumteleskop - Ein Superbeobachter
Das James-Webb-Weltraumteleskop ist eine der wichtigsten Initiativen, die von der ESA, der NASA und der kanadischen Weltraumbehörde entwickelt wurden. Das Teleskop wurde 2021 mit einer Ariane-5-Rakete ins All geschossen und hat seitdem die detailliertesten Bilder unseres Sonnensystems und unserer Galaxie geliefert, die es je gab.
Euclid hat die Aufgabe, als fotografische Zeitmaschine zu arbeiten und Milliarden von Galaxien zu kartieren, von denen einige zehn Milliarden Lichtjahre entfernt sind. So sollen eine detaillierte Karte des Universums erstellt und die Rolle der dunklen Materie und dunklen Energie erforscht werden.
Bild: Euclid Consortium/ESA/dpa/picture alliance
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Womit private Unternehmen im All Geschäfte machen
SpaceX und Blue Origin nehmen in der öffentlichen Wahrnehmung viel Raum ein, daneben gibt es aber viele andere Unternehmen, die im Weltraum Geschäfte machen - auch in Deutschland. Dabei geht es nicht nur um Raketen und Satelliten, sondern auch um Geschäfte, die durch Weltraumtechnologie möglich werden.
So hätten etwa drei Viertel der Raumfahrtunternehmen Kunden aus der klassischen Wirtschaft, heißt es vom BDI. Smart Farming, Logistik, Industrie 4.0, Infrastruktur-Monitoring oder autonomes Fahren - immer mehr Unternehmen aus zahlreichen Branchen nutzen von Satelliten generierte Daten für ganz unterschiedliche Anwendungsbereiche. In der Branche sind alle Unternehmensgrößen vertreten – von Start-ups, kleinen und mittelständischen Unternehmen bis zu großen Systemintegratoren.
"Services wie Kommunikation, Ortung, Navigation, Zeitgebung und Erdbeobachtung sind ohne weltraumgestützte Technologie nicht denkbar. Gerade diese Bereiche werden stark wachsen", meint Björn Hagemann, Senior Partner von McKinsey.
Rolle der deutschen Unternehmen in New Space
In Deutschland gibt es allein drei Unternehmen, die an Trägerraketen arbeiten. Viel Hoffnung wird dabei auf Raketen von Isar Aerospace aus München gesetzt. Auch Rocket Factory Augsburg und HyImpulse Technologies aus Neuenstadt am Kocher entwickeln Raketen, die sich in Testphasen befinden.
Auf der "Spectrum", die bis zu einer Tonne Last transportieren kann, ruhen große Hoffnungen der europäischen Raumfahrtindustrie. Sie soll nach der Serienreife zivile und militärische Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen wenige hundert Kilometer über dem Erdboden bringen. Noch befindet sie sich in der TestphaseBild: Isar Aerospace
Daneben stellen mehrere Unternehmen Satelliten her. "Wir haben sehr viele Downstream-Unternehmen, die Satellitendaten nutzen und neue datengetriebene Geschäftsmodelle aufbauen", sagt Matthias Wachter. Dazu gehört OHB aus Bremen, die unter anderem selber komplette Satellitensysteme entwickelt und Komponenten für Ariane-Raketen. The Exploration Company aus Planegg baut wiederverwendbare Raumkapseln.
OroraTech bietet Lösungen zur Waldbrandüberwachung aus dem All an. Die Satelliten von ConstellR erfassen Wärmemuster, die auf menschliche Aktivitäten, Infrastrukturbelastung und Umweltbelastungen hinweisen. Das Berliner Unternehmen LiveEO analysiert vollautomatisch Satelliten- und Drohnendaten und überwacht global Infrastrukturnetzwerke, beispielsweise Gleise der Deutschen Bahn.
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Teure Investitionen – lohnen die sich überhaupt?
Damit die Privatwirtschaft weiter gut läuft, muss der deutsche Staat in den Weltraum investieren. Das fordert unter anderem der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) und der BDI.
Nur der deutschen Wirtschaft geht es derzeit nicht gut. Auf der einen Seite wächst die Wirtschaft nur schwach und in vielen Bereichen muss gespart werden. Auf der anderen Seite ist die Weltraumfahrt mit hohen Kosten verbunden. Trotzdem könne sich Deutschland nicht leisten, im Weltraum abgehängt zu werden, meint Wachter. "Raumfahrt ist kein Orchideen- oder Prestigethema, sondern der Schlüssel für ganz viele Zukunftstechnologien auf der Erde."
Navigation, Kommunikation, Timing und Erdbeobachtung sind heute zentral für kritische Infrastrukturen, heißt es bei der Unternehmensberatung Deloitte. So gehöre der Weltraum zur kritischen Infrastruktur. Bei Schlüsselsektoren und kritischer Infrastruktur abhängig vom Ausland zu sein, birgt große Risiken.
Der Cyberangriff auf das KA-SAT-Netzwerk kurz vor Beginn der russischen Invasion in die Ukraine führte dazu, dass innerhalb weniger Minuten Satellitenbodennetze in mehreren europäischen Staaten ausfielen - mit Folgen für militärische Kommunikation, Unternehmen, Behörden und EnergieanlagenBild: La Nacion/ZUMA/picture alliance
Mehr – aber immer noch zu wenig
An der Europäischen Weltraumorganisation ESA will sich Deutschland in den nächsten drei Jahren mit rund 5,4 Milliarden Euro beteiligen. Deutlich mehr als in der Vergangenheit. Das wurde Ende 2025 beschlossen.
Außerdem sollen in den nächsten fünf Jahren 35 Milliarden Euro in militärische Weltraumfähigkeiten investiert werden. Solche weltraumgestützten Dienste können teils sowohl für militärische als auch zivile Zwecke eingesetzt werden.
Hört sich nach viel an, aber ist es das auch im Vergleich zu anderen Staaten? 2024 hatten die USA einen Marktanteil von etwa 40 Prozent, Asien, 20 Prozent und Europa 17 Prozent. Um den Anteil Europas bis 2040 konstant zu halten, müsste Europa beim Wachstum zulegen, wofür Mehrinvestitionen in Höhe von 237 Milliarden Euro nötig seien, so Roland Berger. Um Europas Anteil am globalen Weltraummarkt auf 25 Prozent im Jahr 2040 zu steigern, müsste Deutschland seine jährlichen Raumfahrt-Investitionen bis 2040 von vier Milliarden Euro jährlich auf zehn Milliarden Euro erhöhen.
Europa will die Weltraumwirtschaft stärken
02:28
Mehr Geld auszugeben reicht aber nicht, glaubt man bei Roland Berger: Der Privatwirtschaft müsse geholfen werden, Innovationen erfolgreich in ein Geschäft umzusetzen. Die Forderung: weniger Bürokratie, weniger Regulierung, Strukturreformen und mutige staatliche Ankeraufträge.
Es liege eine immense Aufholjagd vor uns, wenn wir an die Amerikaner anschließen wollen, meint Wachter. "Wir müssen uns technologisch aber auf gar keinen Fall verstecken. Das, was die Amerikaner in vielen Bereichen technologisch machen, das können wir auch. Das ist auch darin zu erkennen, dass wir in ganz vielen amerikanischen Programmen ganz prominent mit dabei sind."