Deutschlands riskanter Drahtseilakt in China
29. Mai 2026
Im April war es nicht einmal ein Kilogramm, das China vom begehrten Seltenerdmetall Germanium nach Deutschland lieferte. Vom ebenso wichtigen Gallium gingen gerade einmal drei Kilogramm in den Export - und zwar nach Malaysia. Andere Länder gingen nach der Auswertung chinesischer Zolldaten komplett leer aus. Die Beispiele zeigen, wie China seine Macht bei Schlüsselelementen moderner Technologie ausspielt.
Ohne Germanium gäbe es keine schnelle Datenübertragung in Glasfaserkabeln und Nachtsichtgeräte würden genauso wenig funktionieren wie die hocheffizienten Solarzellen von Weltraumsonden und Satelliten.
Und ohne Gallium-Verbindungen gäbe es kein schnelles 5G-Internet, Schnellladegräte würden überhitzen und selbst Barcode-Scanner im Supermarkt würden nicht funktionieren. Das Fazit von Christian Hell vom Frankfurter Rohstoffhändler TRADIUM fällt ernüchtert aus: "Wenn selbst Deutschland, das bisher vergleichsweise zuverlässig beliefert wurde, leer ausgeht, ist das ein deutliches Signal."
Während Katherina Reiche fairen Wettbewerb für deutsche Unternehmen in China fordert und eine verlässliche Belieferung mit Seltenen Erden anmahnt, haben die Entscheidungsträger in Peking alle Trümpfe in der Hand. Und innerhalb der EU fehlt eine einheitliche Linie gegenüber China. Deutschland bremst ein härteres Vorgehen - aus Sorge vor Strafmaßnahmen gegen die eigenen Unternehmen.
Produktion in China für China
Wie stark deutsche Firmen in China engagiert sind, zeigt das Beispiel BASF. Der Chemieriese aus Ludwigshafen hat Ende März ein neues großes Werk im südchinesischen Zhanjiang eingeweiht - Kostenpunkt: fast neun Milliarden Euro.
Hier stellt BASF Basis- und Spezialchemikalien etwa für Chinas Automobil- und Kunststoffindustrie her. Während im Stammwerk Ludwigshafen der Wegfall russischer Energie zu Jobabbau und dem Herunterfahren der Produktion führte, kann BASF in China auf günstiges russisches Öl und Gas zurückgreifen.
Mit dem neuen Standort macht sich BASF aber zunehmend vom Wohlwollen der chinesischen Staats- und Parteiführung abhängig. Eine Abhängigkeit, die Washington scharf kritisiert. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA heißt es: "Der Ukraine-Krieg hatte den perversen Effekt, Europas, insbesondere Deutschlands, externe Abhängigkeiten zu vergrößern. Heute bauen deutsche Chemieunternehmen in China einige der weltweit größten Verarbeitungsanlagen und nutzen dafür russisches Gas, das sie im Inland nicht beziehen können."
Deutsche Unternehmen befeuern Chinas Überkapazitäten
Gleichzeitig tragen deutsche Unternehmen mit ihrer Produktion in China dazu bei, dass chinesische Überkapazitäten den Weltmarkt fluten. Während die Binnenkonjunktur lahmt, läuft die chinesische Exportmaschine auf Hochtouren. Die Politik der zwei Kreisläufe, die Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping propagiert, scheint für das Reich der Mitte aufzugehen: Sich von Importen unabhängig machen, während die Welt immer abhängiger von Gütern und Waren "Made in China" wird.
Dass China heute eine führende Industrienation ist, überrascht viele in Deutschland - obwohl die Entwicklung langfristig angelegt war. "Wir haben China unterschätzt, wie wir das immer schon taten und auch heute in vielen Bereichen noch tun", sagt China-Experte Manuel Vermeer im DW-Interview. "Das lernen wir jetzt sehr schmerzhaft. Und dann beschweren wir uns auch noch darüber, dass wir es nicht vorher gewusst haben", wundert sich Vermeer, der seit 40 Jahren deutsche Unternehmen im China-Geschäft berät.
Chinas langer Atem zahlt sich aus
In den Anfangsjahren profitierten deutsche Unternehmen von Joint Ventures und Marktzugang. Gleichzeitig gaben sie Know-how weiter - etwa in der Automobilindustrie. Heute ist die Rollenverteilung häufig umgekehrt. "Wir haben Anfang der 1980er Jahre die ersten deutschen Unternehmen nach China gebracht. Wir haben Joint Ventures gründen müssen, zum Beispiel im Automobilbereich. Die Chinesen haben sehr aufmerksam zugeschaut und zugehört und haben gelernt. Und wie wir alle wissen, haben sie uns inzwischen gerade in diesem Bereich weitgehend überholt. Sie bringen fantastische Autos auf die Märkte, die nicht nur gut aussehen und kostengünstig sind, sondern tatsächlich auch wirklich sehr, sehr gut sind", so Vermeer.
Deutsche Arroganz rächt sich
"Man dachte damals, wir gehen da rüber, wir zeigen den Chinesen das. Das können die dann auch gerne mal ein bisschen nachmachen. Aber mit der üblichen deutschen Arroganz gingen wir davon aus, dass die das sowieso nie richtig können, wie die Deutschen das eben mit ihren Spaltmaßen (der Abstand zwischen zwei benachbarten Bauteilen im Maschinen- oder Karosseriebau, d. Red.) und ihren hervorragenden Ingenieurfähigkeiten können.
Die Chinesen hätten zugehört und gelernt, um es irgendwann genauso gut oder noch besser zu können, als die Deutschen. "Auf diese Idee kann man hier eigentlich gar nicht. Und das wollte auch niemand hören im Maschinenbau, im Automotive-Bereich", so Vermeer. Dabei war die Entwicklung früh absehbar. Programme wie "Made in China 2025" oder Analysen von China-Experten warnten seit Jahren vor wachsendem Wettbewerbsdruck - besonders für Deutschland, Japan und Südkorea.
Vom Schüler zum Lehrer
"Wir haben es ihnen auch in den Joint Ventures beigebracht", so Manuel Vermeer. "Sie haben viel von uns kopiert, sicher auch manchmal mit nicht ganz legalen Mitteln. Beim chinesischen BMW-Partner Brilliance habe das bizarre Züge gehabt, erinnert er sich. Im Montagewerk Shenyang habe man nur durch eine Tür gehen müssen. "Auf der einen Seite wurde der BMW zusammengeschraubt, auf der anderen eben Brilliance und dann hat man das eben abgekupfert. Und bei Volkswagen war das ja auch nicht anders."
Katherina Reiche war sichtlich beeindruckt bei ihrer ersten Reise ins Wirtschaftswunderland China. Immer wieder staunte sie über die rapide Entwicklung der Volksrepublik zu einer führenden globalen Industriemacht. Dabei kam all das mit Ansage, nachzulesen in den von der kommunistischen Staats- und Parteiführung veröffentlichen industriepolitischen Planungspapieren.
"Wir haben schon vor 20 Jahren in den chinesischen Fünfjahresplänen…gesehen, dass man auf E-Mobilität setzt. Aber das haben wir damals nicht ernst genommen oder einfach nicht gelesen", sagt Manuel Vermeer.
Deutsche Industrie als Abendessen Pekings?
Die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser warnen in einer Studie vor einem "China-Schock 2.0" und den "Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit". Der erste China-Schock ab 2001 traf die USA hart, während Deutschland zunächst profitierte.
Nun sehen die Forscher des "Centre for European Reform" Europas größte Volkswirtschaft selbst unter Druck: "Deutschland bleibt zögerlich, obwohl China schon einen großen Teil seiner Industrie zum Mittagessen verspeist hat und sich nun darauf vorbereitet, mit dem Abendessen zu beginnen."
Ein Blick in den aktuellen Fünfjahresplan zeigt, wohin die Reise geht: China setzt auf Quanten-Computing, künstliche Intelligenz, humanoide Robotik und Brain-Machine-Interfaces. Der Kurs ist klar: weniger Abhängigkeit vom Westen, mehr Kontrolle über globale Lieferketten. Nicht nur Deutschland und Europa müssen sich warm anziehen.