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PolitikAsien

Deutschlands Wirtschaft im Visier hybrider Angriffe

21. März 2026

Spionage, Sabotage und Cyberangriffe nehmen in Zeiten geopolitischer Krisen zu. Aktuelles Beispiel: der Iran-Krieg. Die Bundesregierung reagiert mit einer Wirtschaftsschutz-Strategie.

"Virus Alert" steht in weißen Buchstaben in einem roten Viereck das sich vor einem elektronischen Schaltplan mit zahlreichen Linien und Nummern befindet.
Cyber-Angriffe auf Computer-Systeme gehören zum Repertoire von Kriminellen und Geheimdiensten weltweit Bild: Westlight/IMAGO/

„Der Iran schlägt rücksichtslos um sich“, sagt Sinan Selen am Donnerstag in Berlin. Der Präsident des Bundesamtes fürVerfassungsschutz(BfV), des deutschen Inlandsgeheimdienstes, ist Gastgeber einer Tagung mit dem Titel “Abwehrbereit? Deutschlands Wirtschaft in Zeiten hybrider Angriffe“. Die staatliche Behörde veranstaltete das Treffen gemeinsam mit dem Verband für Sicherheit in der Wirtschaft (VSV).

Im Visier: westliche Technologie und Exil-Iraner

Selen erwähnt denIran-Kriegdeshalb, weil er auf beklemmend aktuelle Weise verdeutlicht, wie fließend die Übergänge zwischen Wirtschaftsspionage und digitalen Angriffen einerseits sowie klassischen Militäreinsätzen andererseits sein können. In Berichten des Verfassungsschutzes werdeniranische Geheimdiensteschon lange als besonders aggressiv beschrieben. Demnach haben sie es vor allem auf oppositionelle Exil-Iraner und westliche Technologie abgesehen.

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Nach dem Angriff der USA und Israels auf das Regime in Teheran eskalierte die Lage. Der Iran bombardiert benachbarte Länder und sperrt dieMeeresenge von Hormus. Das hat massive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft: Durch das Nadelöhr exportiert das Land selbstÖl, aber auch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Kuwait und der Irak nutzen diese Wasserstraße. Fast ein Fünftel des weltweiten Bedarfs an Öl undFlüssiggaswird auf diesem Weg transportiert. 

Unternehmen mit Ukraine-Kontakten müssen aufpassen

Es ist auch kein Zufall, dass Selen den Iran als warnendes Beispiel für Hybride Angriffeoder gar Kriege bezeichnet. Das andere genannte Beispiel ist Russland. Dessen Bedrohungspotenzial hält Selen für noch gefährlicher, auch mit Blick auf die Wirtschaft.

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Besonders gefährdet sind seiner Beurteilung nach Firmen, die mit der Ukraine Geschäfte machen oder an der Logistik vonRüstungsgüternbeteiligt sind. Deutschland sei für Russland der Feind Nummer eins, meint Selen: “Das hängt mit der geopolitischen Positionierung zusammen, mit unserer Rolle in der Europäischen Union und der NATO.“

Kleinere und mittelständische Firmen sind mehr gefährdet 

Um die Widerstandsfähigkeit großer Unternehmen gegen Cyber-Angriffe macht sich der Verfassungsschutz-Präsident weniger Sorgen als um die vielen kleinen und mittelständischen Firmen: “Wir haben in Deutschland ein Know-how von Unternehmen, die superspannend sind und dadurch ein Ziel werden von russischen, aber auch chinesischen Operationen. Und da müssen wir nachschärfen“, betont Selen.

"Wir sind abwehrbereit!", betonte Verfassungsschutz-Präsident Sinan Selen auf der Fachtagung in Berlin Bild: Soeren Stache/dpa/picture alliance

Dafür kommt ihm die von der Bundesregierung neu beschlossene Wirtschaftsschutz-Strategie gerade recht. Das wichtigste Ziel fasst Staatssekretär Christoph de Vries aus dem Innenministerium in einem Satz zusammen: “Wir wollen die Wertschöpfungs- und Lieferketten deutscher Unternehmen widerstandfähiger machen.“ Das gilt für Angriffe aus dem Ausland, aber auch für Gefahren von innen.  

Auch Linksextremisten attackieren kritische Infrastruktur 

De Vries erinnert an den Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar 2026, zu dem sich eine linksextremistische Gruppe bekannt hat. Damals blieben in weiten Teilen der deutschen Hauptstadt bei eisigen Temperaturen Heizungen kalt, es konnte nicht gekocht werden und es gab kein Licht. Dieser Anschlag habe gezeigt, wie verwundbar die kritische Infrastruktur sei, sagt der der Staatssekretär und kündigt einen Paradigmenwechsel an.

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Man habe sich bislang mehr für Offenheit und Transparenz eingesetzt als für die Sicherheit der Infrastruktur. Auch sensible Stromtrassen oder Datenkabel sind deshalb leicht auffindbar, weil ihre Lage bislang kein Betriebsgeheimnis war. Das soll sich jetzt ändern: "Wir dürfen in diesen Zeiten Extremisten im Inland und auch ausländischen Akteuren nicht noch mögliche Schwachstellen auf dem Silbertablett servieren", mahnt de Vries.

"Wir müssen feindliche Operationen unterbrechen können"  

Der Verfassungsschutz hofft zudem, schon bald mehr gesetzliche Befugnisse im Kampf gegen Cyber-Angriffe zu bekommen. "Wir müssen unsere Toolbox auf den neusten Stand bringen, um bei hybriden Angriffen reagieren zu können", fordert Behörden-Chef Sinan Selen im DW-Interview. "Das heißt, wir müssen feindliche Operationen unterbrechen können – analoge und hybride."

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Ein wichtiges Werkzeug soll dabei sogenanntes Back-Hacking sein. Damit ist das heimliche Eindringen in Computer-Programme gemeint, um an sensible Daten zu gelangen oder das System lahmzulegen. Kriminelle und staatliche Akteure aus dem Ausland wenden diese Methode immer häufiger an, um Wirtschaftsunternehmen, aber auch Behörden oder politische Parteien anzugreifen.

"Back-Hacking ist eine der Lösungen"

Sinan Selen beansprucht deshalb Waffengleichheit: "Back-Hacking ist eine der Lösungen, die wir gemeinsam mit unseren Partnern diskutieren." Dabei denkt der Verfassungsschutz-Chef auch an die internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit den USA. Trotz des politisch angespannten Verhältnisses mit Präsident Donald Trump macht sich Selen keine Sorgen, dass die Kooperation mit amerikanischen Geheimdiensten darunter leiden könnte: "Hier sehe ich kein Abkühlen mit unseren Partnern, im Gegenteil: Es läuft gut." 

Der Präsident des Verbandes für Sicherheit in der Wirtschaft (VSV), Johannes Strümpfel, hält die neue Wirtschaftsschutz-Strategie für einen großen Fortschritt. Es gehe um viel mehr als Spionage und Sabotage. Was ihn besonders freut. "Die Scheu der Unternehmen, sich an eine Sicherheitsbehörde zu wenden, ist deutlich geringer geworden", sagt er im DW-Interview.

Verfassungsschutz und Wirtschaft rücken enger zusammen

Lange Zeit hatten von Cyber-Angriffen betroffene Firmen Berührungsängste mit dem Inlandsgeheimdienst. Auch die Sorge vor einem Image-Schaden spielte eine Rolle. Strümpfel erklärt sich das wachsende gegenseitige Vertrauen primär mit der geopolitischen Entwicklung. 

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Der VSV-Präsident nennt Beispiele: Unbekannte fotografieren kritische Firmenbereiche oder versuchen sich Zutritt auf ein Werksgelände zu verschaffen, indem sie über den Zaun klettern. Auch Drohnen-Überflüge nehmen demnach zu. “Wir haben in der Wirtschaft den Eindruck, dass Sicherheitsmechanismen getestet werden“, sagt Strümpfel. Um herauszubekommen, wie ein Unternehmen darauf reagiert, ob die Polizei kommt oder nicht.

Sinan Selen: "Wir sind abwehrbereit“

Die dadurch ausgelöste Verunsicherung hat bei vielen Betroffenen offenbar zu einem Umdenken geführt: "Immer mehr sehen es als selbstverständlich an, dass die Sicherheitsbehörden ganz enge Partner sind und als solche wahrgenommen werden“, freut sich der Verbandschef. Und Verfassungsschutz-Chefin Selen gibt sich trotz aller noch bestehenden Schwachpunkte selbstbewusst: "Wir sind abwehrbereit und unsere Kontrahenten bekommen das auch zu spüren.“

Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
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