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Politik

Diana. Ukraine. Mannheim

Gilda-Nancy Horvath
8. Dezember 2022

Diana hat ein Diplom in Psychologie und spricht sieben Sprachen. Nachdem die ersten russischen Raketen auf die Ukraine fielen, verließ sie ihr Land und ging nach Deutschland. Heute berät sie Geflüchtete in Mannheim.

Diana Hryhorychenko
Die ukrainische Romni Diana Hryhorychenko hat ein Diplom in Psychologie und spricht sieben SprachenBild: ARCA

"Deutsch habe ich an der Universität in Nischyn gelernt. Ich hätte niemals gedacht, dass ich diese Sprache eines Tages in der Beratung für Andere einsetzen würde. Aber es geht nicht nur darum, dass ich mehrere Sprachen spreche, sondern auch darum, dass ich nachempfinden und verstehen kann, was ihre Situation bedeutet."

Diana Hryhorychenko (24) verließ im März 2022 die Ukraine, kurz nach dem Beginn des russischen Angriffs auf ihr Heimatland. Sie ging weg aus der Region Tschernihiw und kam nach Deutschland. Jetzt lebt sie in Mannheim. In der dortigen Beratungsstelle des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma habe man genau jemanden gebraucht wie sie, erzählt sie im DW-Gespräch. Jemanden, der sieben Sprachen spricht: Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Englisch, Romanes, Spanisch und Polnisch. Denn immer mehr Menschen brauchen Hilfe, Menschen, die ebenso wie Diana ihre Heimat verlassen mussten, weil dort der Krieg tobt. Anfang Dezember 2022 wurde sie zum Roma Civil Society Forum in Berlin eingeladen, einer Veranstaltung organisiert von der ukrainischen Jugend-Organisation ARCA, um über ihre Erfahrungen mit Geflüchteten zu sprechen.

Sie wisse genau, was Menschen empfinden, die sich vor dem Krieg in Sicherheit bringen mussten. Sie seien oft überfordert und hätten keine Ahnung, welche Angebote es für sie in Deutschland gibt. Oft sei die Situation so komplex, dass auch die deutschen Behörden nicht mehr weiter wüssten, erzählt Diana.

Ihre persönlichen Erfahrungen teile sie eher selten mit, denn darüber zu sprechen sei schwierig. Anderen Menschen zu helfen, helfe auch ihr selbst. Sie sieht die Arbeit in der Beratung als Bereicherung, um neue Erfahrungen zu sammeln und neue Kontakte zu knüpfen. Manchmal überkämen sie trotzdem die verdrängten Gefühle. Aber meistens würde ihr Kopf die Oberhand behalten, um die Probleme anderer Menschen zu lösen und Wege zu finden, um scheinbar Unmögliches doch möglich zu machen.

"Mit meiner Mutter rede ich, wenn sie Strom hat"

"Ich kann jetzt nicht an die Zukunft denken oder planen. Meine Pläne beschränken sich auf die nächsten zwei  Wochen. Wenn du Raketen gehört hast, dein Leben in einer solchen Art bedroht war, beginnst du anders zu denken. Es verändert alles. Früher habe ich nicht darüber nachgedacht, was ich nächste Woche essen werde. Jetzt denke ich täglich darüber nach. Früher war Pünktlichkeit sehr wichtig für mich. Heute habe ich einen anderen Bezug zur Zeit, zum Planen insgesamt. Ich brauche immer einen Plan B. So etwas brauchte ich früher nicht."

Diese ständige Anspannung sei heute Teil ihres Lebens. Während des Gesprächs mit der DW klingelt ihr Telefon immer wieder. Jedesmal geht ein kleines Zucken durch ihren Körper. Sie erhält Benachrichtigungen über Raketen- und Bombenwarnungen aus ihrer Heimatregion: "Früher habe ich mit meiner Mutter gesprochen, wenn ich Lust hatte. Heute ist immer die Angst da, dass es das letzte Mal sein könnte. Ich muss dann mit meiner Mutter sprechen, wenn sie gerade Strom hat. Im Hintergrund höre ich dann manchmal die Sirenen. Früher haben wir über das Mittagessen gesprochen, jetzt frage ich nur noch, ob es ihr, meinem Vater und meinen anderen Angehörigen gut geht. Ich bin froh, wenn sie sich melden, weil ich dann weiß, dass sie noch leben."

Diana Hryhorychenko hilft Geflüchteten in einer Beratungsstelle in MannheimBild: Gilda-Nancy Horvath/DW

Diana weiß, dass sie auch selbst über all das Geschehene sprechen sollte. Deshalb war sie zweimal beim Psychologen. Denn manche Momente könne und wolle sie nicht vergessen, aber irgendwann möchte sie lernen, besser damit zu leben. Einer dieser Momente ist jener, als der Krieg begann. Zuvor war dies nur der Tag gewesen, an dem ihre Schwester Geburtstag feiern wollte: "Es war fünf Uhr früh. Die Wolken hatten sich rosa gefärbt und ich ging auf die Straße. Dort konnte ich die Raketen über uns fliegen sehen, ich konnte sie hören, sie waren plötzlich wirklich da. Ich habe gedacht, das wäre das Ende. Die Menschen sahen plötzlich völlig anders aus. Sie waren schockiert und traurig."

Um solche Momente zu verarbeiten, brauche nicht nur sie Hilfe, sondern alle, die Ähnliches erlebt hätten. Es brauche Menschen, die ihnen zuhörten, ohne das Gehörte zu beurteilen. Dies wirke zwar selbstverständlich, doch das sei es nicht: "Ich war zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, bei der man mir sagte, ich solle nicht so empfindlich und sensibel sein, weil mir beim Erzählen die Tränen gekommen waren. Ich weiß, wie wichtig es ist, einfach zuzuhören. Die Menschen in der Beratung bedanken sich dafür bei mir, auch wenn ich manchmal sonst nichts für sie tun kann."

Vorher, in der Ukraine, war sie in Lebensgefahr gewesen. Jetzt befinde sie sich zwar in Sicherheit, aber dafür habe sie auch kein Zuhause mehr. Zu Beginn ihrer Reise war ihre 16-jährige Schwester noch bei ihr. Doch diese litt unter Heimweh und ging bald zurück in die Ukraine. Auch Diana leidet sehr unter der Trennung von ihrer Familie, ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrer Großmutter. Deswegen plant sie, bald wieder in die Ukraine zu fahren. Manche verurteilen sie dafür, finden es dumm. Für Diana ist es eine klare Sache, denn hier sei sie zwar nicht allein, aber einsam.

"Alles ist tief gespalten"

Für die Medien sei es eine Herausforderung, über den Krieg zu berichten, sagt sie. Deswegen sei sie sehr froh darüber, dass es die Medienplattform "Djanes" (Romanes für "Weißt du") der Roma-Jugendorganisation ARCA gebe. Dort werden Geschichten über Menschen gezeigt, die versuchen, ihr Leben im Krieg weiterzuführen. Dies sei auch eine wichtige Quelle, um die Geschehnisse zu dokumentieren: "Jede Behauptung darüber, was tatsächlich geschehen sein könnte, ist von einem Nebel aus Dingen umgeben, die wir nicht mehr nachvollziehen können. Dennoch sollten diese Geschichten so gut es geht erzählt werden, und das geht eben nur von Mensch zu Mensch."

Früher habe sie Gefühle wie Nationalstolz oder Heimatliebe nicht gekannt. Sie hätte sich vor allem mit der Stadt identifiziert, in der sie aufgewachsen und in der sie als Klima-Aktivistin tätig gewesen sei, für Tiere ohne Heim, und wo sie für die örtliche Schulzeitung schrieb. Nun sei ihr bewusst, dass nichts mehr so sein werde wie vor dem Krieg: "Ich finde es schlimm, das wir Teile dieses Landes verlieren. Ich werde an manche Orte nicht mehr reisen können. Das Land wird zerrissen, Familien werden zerrissen, die Art, wie wir die Welt gesehen haben, ist zerrissen. Alles ist tief gespalten. Ich hoffe, eines Tages ist das alles vorbei und wir können beginnen zu heilen. Aber die Narbe, die wird bleiben."

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